Zeichen auf Mauer

"Gaunerzinken"? Ruhlebener in Sorge wegen Graffiti

| Lesedauer: 3 Minuten
Alexander Dinger
Geheimnisvolle Zeichen an einer Mauer in Ruhleben

Geheimnisvolle Zeichen an einer Mauer in Ruhleben

Foto: privat

Ein Zeuge beobachtet in Ruhleben zwei Männer, die eine Wand mit Zeichen bemalen und vermutet Einbrecher. Die Polizei sieht das anders.

Mysteriöse Graffiti versetzen die Bewohner einer Siedlung in Ruhleben derzeit in Sorge. Die großflächig aufgetragenen Zeichnungen sehen aus wie „Gaunerzinken“ – Zeichen einer Sprache, mit der sich Einbrecher verständigen. In der Nähe befindet sich eine Wohnsiedlung, in der viele Senioren wohnen. Die Polizei kennt die Zeichnungen, sagt aber, dass es sich um ein Graffiti handelt, das über mehrere Wochen entstehe.

Die wellenförmigen Zeichen wurden in der Nacht vom 27. zum 28. Juni auf einer Mauer am Stendelweg Ecke Hampelsteig angebracht. Ein Zeuge hatte zwei Männer dabei beobachtet, wie sie die Malerei in kürzester Zeit mit einer Rolle auftrugen. „Der kleine weiße Kastenwagen mit Kennzeichen aus Hannover hielt und die beiden stiegen aus“, berichtet der Zeuge, der aber unerkannt bleiben möchte. „Im ersten Augenblick glaubt man, dass es sich womöglich um BVG-Mitarbeiter oder Streckenarbeiter handelt“, berichtet er weiter. Denn die beiden Männer waren mit einer dunkelblauen Jacke und Hose und einer roten Warnweste mit Leuchtstreifen begleitet. Die Zeichen brachten sie mit einer Maler-Rolle an. Die ganze Aktion habe nur Sekunden gedauert.

In ihrer Form sehen die Zeichen aus wie „Gaunerzinken“. Diese sind in kriminellen Kreisen sehr beliebt. Für den Außenstehenden sind das – vorausgesetzt er nimmt sie überhaupt wahr – sinnlose Schmierereien an Häuserwänden oder Gartenmauern. Für Eingeweihte halten sie dagegen eine Fülle von Informationen bereit. Wer wohnt dort, wann sind die Bewohner zu Hause, was ist zu holen, all das kann der Profi den winzig kleinen Kritzeleien entnehmen. Und die Botschaften werden nicht nur für Einbrecher hinterlassen, auch Trickbetrügern und Dieben helfen die Informationen. Dabei nutzen die Täter auch Veranstaltungskalender. Stehen Großveranstaltungen wie Fußballspiele oder Demonstrationen an, wissen die Gauner, dass die Polizei gefordert ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Beamten bei einem Einbruch nicht ganz so schnell vor Ort sind, ist groß. Die Wellen (siehe Foto) würden im Gaunerzinken-Alphabet demnach bedeuten: „Achtung, bissige Hunde.“

Vorgehensweise ist der Berliner Polizei bekannt

Den Beamten in Polizeiabschnitt 22 sind die Zeichnungen bekannt. Allerdings geht man dort nicht davon aus, dass es sich um Gaunerzinken handelt. „Dort soll wahrscheinlich ein großes Graffiti entstehen“, sagte ein Polizeisprecher der Berliner Morgenpost. „Die Täter kommen in den nächsten Wochen sicherlich wieder.“ Demnach seien die Zeichnungen die Schablone für das Graffiti, das Stück für Stück entstehen sollen. „Für das Auftragen benötigen die Täter nur wenige Sekunden. Die Vorgehensweise ist uns bekannt“, so der Sprecher weiter.

Was wie eine Lappalie klingt, richtet in Berlin jährlich Millionenschäden an. Besonders genau wird das im öffentlichen Nahverkehr dokumentiert. Allein in 2015 betrug der verursachte Schaden durch illegale Graffiti bei den Berliner Verkehrsbetrieben und der S-Bahn Kosten in Höhe von elf Millionen Euro – 7 Millionen Euro bei der S-Bahn und 4,2 Millionen Euro bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Die Unternehmen bleiben oft auf der Beseitigung der Kosten sitzen. Gleichzeitig werden die Verursacher nur selten gefasst und verurteilt. So stellte die S-Bahn etwa im Jahr 2012 insgesamt 1869 und im Jahr darauf 1614 Strafanzeigen. Verurteilt wurden Täter nach den der S-Bahn vorliegenden Informationen 2012 in 27 Fällen und 2013 in fünf Fällen.