Medizin in Berlin

Charité erhält neues OP-Simulationszentrum

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Andreas Abel

Foto: joerg Krauthoefer

Das zukunftsweisende Projekt der Weiterbildung für Gesundheitsberufe soll 2020 eröffnen. Internationale Kooperationen werden ausgebaut.

In der Medizin werden künftig Simulationen, ähnlich dem Pilotentraining an einem Flugsimulator, eine immer größere Rolle spielen. An der Charité ist deshalb ein zukunftsweisendes Fort- und Weiterbildungszentrum für alle Gesundheitsberufe geplant. Auf mehr als 1300 Quadratmetern soll eine Einrichtung der europäischen Spitzenklasse entstehen – mit einem Operationssaal nach modernstem Standard, einem Kreißsaal, einem Hybrid-OP mit neuester Röntgentechnik für bildgebende Diagnostik, Untersuchungszimmern und einer Notaufnahme mit spezieller Ausstattung zu Trainingszwecken.

Dort werden dann ausnahmsweise keine „echten“ Patienten behandelt. Sie werden durch Simulatoren, computergesteuerte Puppen („Manikins“), Kunststoffmodelle aus dem 3-D-Drucker oder Schauspieler ersetzt. Eingriffe können auch per virtueller Computerrealität simuliert werden, realistisch operiert wird an Humanpräparaten, also an Körperteilen Verstorbener. Zur geplanten Ausstattung gehören ferner ein „intensivmedizinisches Patientenzimmer der Zukunft“ und ein 3-D-Lab. Eingerichtet werden soll dies alles im ehemaligen Rettungsstellen- und Intensivmedizintrakt des Universitätsklinikums an der Luisenstraße in Mitte. Die Eröffnung ist für 2020 geplant.

Kosten liegen bei gut zwölf Millionen Euro

Die Komplettsanierung und Modernisierung des Gebäudes mit fast 13.000 Quadratmetern Nutzfläche ist eines der größten Bauprojekte der Charité in den kommenden Jahren. Knapp 80 Millionen Euro werden dafür veranschlagt. Einziehen sollen dort vor allem das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG), mehrere Ambulanzen, ein Zentrum für ambulante Augenoperationen und, auf einem guten Zehntel der Fläche, eben das „Berliner Simulations- und Trainingszentrum“ (BeST). Dessen Baukosten liegen bei 7,3 Millionen Euro, die Kosten für die Ausstattung werden auf rund fünf Millionen Euro geschätzt.

Simulationszentren werden nicht nur benötigt, um neue Erkenntnisse aus Forschung und Entwicklung der Medizintechnik schnell an den Patienten bringen zu können und die Effizienz bei Operationen zu steigern. Dort lassen sich auch Notfallszenarien durchspielen oder umfangreiche Eingriffe üben, beides ist im Klinikalltag in aller Regel nicht möglich. Die Charité verfügt bereits seit vielen Jahren über ein kleines Simulationszentrum, doch die jetzige Einrichtung ist in die Jahre gekommen und kann weder heutigen Anforderung gerecht werden noch im europäischen Vergleich mithalten. Das soll sich mit dem BeST ändern, das nicht nur Mediziner, Pflegekräfte, Physio- und Ergotherapeuten der Charité nutzen werden. Vorgesehen sind Kooperationen, auch auf nationaler und internationaler Ebene.

Robotik-OP im chirurgisch-anatomischen Trainingszentrum

Zweiter zentraler Baustein des Konzepts ist das chirurgisch-anatomische Trainingszentrum (CAT). Dort sollen Operationen auch an Humanpräparaten geübt werden. Die unmittelbare räumliche Nähe zum Institut für Anatomie der Charité ist dabei ein großer Vorteil. Vorgesehen sind im CAT unter anderem ein Präparationsraum mit sechs Arbeitsplätzen und ein experimenteller Robotik-OP. Für Kurskonzepte, die das Operieren am Tiermodell vorsehen, sind im Virchow-Klinikum der Charité in Wedding hochmoderne Tier-OP Säle vorhanden.

Die dritte Säule des BeST soll der „Treffpunkt Industrie und Klinik“ werden – ein Forum, in dem Ideen für neue Medizintechnik-Produkte diskutiert werden und Entwickler und Kliniken den passenden Partner für eine sinnvolle Zusammenarbeit finden sollen. Die Anwendung komplexer medizinischer Geräte im Rahmen der personalisierten Medizin erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten und Ingenieuren. Die Konstruktion des Berliner Simulations- und Trainingszentrums ermöglicht, neue Produkte unter praxisnahen Bedingungen zu entwickeln, zu testen und zur Marktreife zu bringen.

Jetziges OP-Simulationszentrum ist in die Jahre gekommen

Seit 15 Jahren ist das Friedrich-Busch-Haus, die alte Zahnklinik am Virchowweg 24 in Mitte, Domizil des OP-Simulationszentrums der Charité, das dort einige der ehemaligen OP- und Hörsäle nutzt. Das Haus versprüht den Charme vergangener Jahrzehnte. Zwei Räume wurden als Simulations-OPs eingerichtet. In einem liegen zwei Manikins auf dem Operationstisch, ein Erwachsener, ein Kind. Die Modelle sind wesentlich aufwendiger, als sie auf den ersten Blick aussehen. Man kann ihren Blutdruck messen und ein EKG ableiten. Sie bewegen die Augen und sprechen sogar - vorausgesetzt, ein Instrukteur gibt per Mikrofon den Text vor. Wenn die Monitore angeschlossen sind, kann ein OP-Team darauf Werte ablesen, mit denen es auch im wirklichen Leben konfrontiert ist.

Das alles ist achtbar und wichtig, aber es reicht nicht mehr aus. Deshalb plant die Charité ein hochmodernes Simulations- und Trainingszentrum der europäischen Spitzenklasse. Das Konzept treiben vor allem drei Vertreter der Charité voran, die alle der strategischen Unternehmensentwicklung angehören: Maria Kirchner, Thomas Jöns und Torsten Schröder. Kirchner ist gelernte Krankenschwester, Architektin und Wirtschaftsingenieurin und betreut auch die Kooperation mit Vivantes. Jöns und Schröder sind Mediziner am Campus Mitte der Charité, Jöns lehrt auch am Institut für Anatomie, Schröder ist zudem in der erweiterten Leitung der Klinik für Anästhesiologie.

In einem anderen Raum liegt, sorgsam eingepackt, ein weiteres Manikin, das täuschend echt gestaltet ist. Es simuliert einen plötzlichen Herztod und dient dem Training der Wiederbelebung, zum Beispiel dem Umgang mit einem Defibrillator. „Im Ernstfall rettet dieses Training Leben“, erklärt Torsten Schröder. Um in der Praxis einen kühlen Kopf zu bewahren und Fehler so weit wie möglich auszuschließen, müsse man solche Situationen trainieren, sagt Thomas Jöns. Man verliere die Expertise, wenn man sich dem nur im Studium gewidmet hat.

So wichtig wie der Flugsimulator für Piloten

Trainiert werden in Simulationszentren Notfallsituationen oder die richtige Therapie besonders kritisch kranker Patienten, aber auch Routineabläufe. „Das ist alles extrem realistisch“, sagt Schröder, so ähnlich wie für Piloten im Flugsimulator. In der Vergangenheit seien diese Trainingssituationen vor allem für Anästhesisten eine Herausforderung gewesen. Ob das Team richtig gehandelt hat, kann später eingehend analysiert werden, denn Kameras in der Decke zeichnen alles auf.

Zukünftig sollen die Zielgruppen dieser Trainingseinheiten auf alle Ärzte, von der Nachwuchskraft bis zum Professor sowie auch auf die Assistenzberufe ausgeweitet werden. Für Medizinstudenten existiert bereits ein Lernzentrum an der Charité, deshalb gehören die Studierenden primär nicht zur zukünftigen Zielgruppe, „Es geht um die Fort- und Weiterbildung nach abgeschlossener Berufsausbildung“, erklärt Schröder.

Studenten nutzen die Räume ebenfalls

In der Vergangenheit nutzten auch Studenten die vorhandenen Räume, insbesondere in der Anatomie ist dies auch heute noch so. Deshalb gab es oft Terminkollisionen, und das Weiterbildungsangebot hinkte dem Bedarf hinterher. Mehr als 50 bis 70 Veranstaltungen pro Jahr waren nicht drin, und eben immer nur an Wochenenden und in den Semesterferien. „Für ein Simulationstraining auf sehr hohem Niveau brauchen wir eine eigene Infrastruktur“, erläutert Maria Kirchner die Wichtigkeit des künftigen Zentrums. Abgesehen davon, kann die Charité auch nicht mehr mit dem Ambiente in der alten Zahnklinik punkten. Wer eine vierstellige Summe für ein Trainingswochenende bezahlt, stellt Ansprüche auch an das gesamte Setting

Das modernste Simulationszentrum Europas habe derzeit Istanbul, sagt Kirchner, auch das in München könne sich sehen lassen. Die drei Projektverantwortlichen sind aber zuversichtlich, dass sie Berlin auch hier im Jahr 2020 an die Spitze bringen können. Neu und innovativ im künftigen Zentrum soll aber nicht nur die Ausstattung sein, sondern vor allem der Inhalt der Weiterbildung. Chirurgen simulieren verschiedenste Operationen gemeinsam mit OP-Schwestern, Anästhesisten und etwa Medizintechnikern. Das ermöglicht die Zusammenarbeit mit der Anatomie. Die Humanpräparate werden gewissermaßen auf dem OP-Monitor wieder zum Leben erweckt.

Bis zu 7000 Teilnehmer pro Jahr im Trainingszentrum

Thomas Jöns kann sich vorstellen, auch ganz ungewöhnliche interprofessionelle Trainings anzubieten, zum Beispiel für Chirurgen und Orthopädie-Schuhmachermeister. Wie viele Trainings in der neuen Einrichtung angeboten werden können, steht noch nicht fest. Vorsichtige Schätzungen gehen von 600 Trainingstagen mit sechs bis 60 Teilnehmern und bis zu 7000 Teilnehmern pro Jahr aus.

Die reinen Baukosten für das Simulations- und Trainingszentrum sind bereits bewilligt, für die Ausstattungskosten bemühen sich Kirchner, Schröder und Jöns um Fördergelder. Ihr Betriebskonzept sieht vor, dass sich das Zentrum finanziell trägt. Ein entsprechendes Förderangebot vom Senat liege bislang nicht vor. Aber das kann ja noch werden, sonst bleibt die Möglichkeit der projektbezogenen Förderung über Drittmittel. Das Interesse beispielsweise Berliner Medizintechnik-Unternehmen, im neuen Zentrum als Kooperationspartner einzusteigen, sei bereits heute groß, sagt Kirchner.