“Wenn Berliner nicht mehr brüllen...“

Ab August tritt Chris Dercon seinen Posten als Intendant der Volksbühne an. Ein Spaziergang

Chris Dercon leitet ab August die Volksbühne

Chris Dercon leitet ab August die Volksbühne

Foto: Reto Klar

Wer sich mit dem neuen Intendanten der Volksbühne zum Spaziergang verabredet, lernt schnell zwei Dinge über die Person Chris Dercon. Zum einen weiß der Belgier ganz genau, wo er hin möchte. Das Gespräch über die beste Route durch Berlin-Mitte ist mehr sommerlicher Small Talk. Man hat eigentlich keine andere Chance, als ihm zu folgen. Zum Zweiten ist er alles andere als ein Flaneur, der verträumt in die Welt schaut, Dercon schreitet mit großen, schnellen Schritten voran und läuft auch schon mal ungeduldig bei Rot über die Kreuzung. Seine Anekdoten und Ansichten spricht er in den Gegenwind. Es ist bekannt, dass es davon in Berlin für ihn reichlich gibt.

Treffpunkt ist natürlich die Volksbühne, genauer gesagt, der Rosa-Luxemburg-Platz. Erst im August wird Dercon die Leitung des traditionsreichen Theaters übernehmen. Das Foto wird also noch vorm Haus gemacht. Fotograf Reto Klar überredet Dercon zu einem farbenfrohen Motiv. Ein Student, der vor uns im Gras liegt und alles aufmerksam verfolgt, leiht ihm seine rote Vespa. Darauf posiert Dercon mit selbstverständlicher Geste. Beiläufig stellt sich heraus, dass er überhaupt keinen Führerschein besitzt. Früher hätte er gar nicht das nötige Geld für Autos gehabt, sagt er, und außerdem gäbe es gute Nahverkehrs­systeme in allen Städten, in denen er Chefpositionen hatte. Wir reden von Paris, New York, Rotterdam, München und zuletzt London. In Berlin brauche er 38 Minuten von der Volksbühne bis nach Zehlendorf, wo er im Grünen wohnt. In London, wo er die Tate Modern leitete, habe er eine Stunde und zehn Minuten nach Hause einplanen müssen. Berlin ist ihm verkehrstechnisch lieber.

Darüber hinaus findet er es verwunderlich, wie „wenig neugierig man in Berlin auf Neues ist“. Da spricht aus ihm auch der Intendant, der sich – seitdem seine Personalie bekannt wurde – demütigender Kritik ausgesetzt sieht. Dazu gehört etwa der Vorwurf, der ausgewiesene Kunstexperte wolle aus dem Theater eine „Eventbude“ machen. An den rüden Ton, gerade auch mancher Taxifahrer, habe er sich gewöhnt. „Wenn Berliner nicht mehr brüllen, kommen die Touristen nicht mehr“, sagt Dercon: „Die Klangwelt gehört mit zu Berlin.“

Autos sind schon ein Thema für den an Design-Fragen interessierten Dercon. Einmal hat er bei einer BMW-Tagung einen kritischen Vortrag gehalten. Seine These war, dass heutzutage das Auto­design nur noch reines Marketing ist. Am Rande der Tagung wurde dann bekannt, dass er selbst gar kein Auto fährt. Das fanden offenbar einige gar nicht lustig. Dercon liebt solche Geschichten. Er ist ein brillanter Erzähler.

In der Theaterkantine wird der Umbruch vollzogen

Derzeit sitzen Dercon und sein Vorbereitungsteam noch schräg gegenüber der Volksbühne in alten Galerieräumen, die, wie er gleich zwei Mal erzählt, zur ersten Galerie von Johann König gehörten. Heute würden rund um die Volksbühne viele Künstler leben, so Dercon. Er sagt es, als wenn er sie alle kennen würde. Natürlich treffen sie sich auch in der Kantine der Volksbühne. Dort könne man preiswert essen – und rauchen. Er sei schon gefragt worden, ob er als Intendant weiterhin das Rauchen gestatten würde. Und: Wird er? Plötzlich wirkt Dercon unschlüssig. „Schauspieler müssen sich bei der Vorstellung am Abend schon mal eine Zigarette anstecken“, sagt er, „aber Tänzer reagieren da empfindlicher.“ So wird der Umbruch der Volksbühne zuerst in der Kantine vollzogen: Die raubeinigen Theaterleute der Ära Frank Castorf werden von den sensiblen Mehrspartenkünstlern Dercons abgelöst.

Die Frage nach dem umkämpften Volksbühnen-Wahrzeichen, dem laufenden Räuberrad von Bühnenbildner Bert Neumann, lässt Dercon ins Leere laufen. „Das müssen die Mitarbeiter der Volksbühne entscheiden“, sagt er und mimt den Unbeteiligten. Es folgen keine Spitzen gegen seinen Vorgänger Frank Castorf, der den Gaunerzinken zum Abschluss seiner Ära in Frankreich symbolisch begraben wollte. Es gibt auch keine Spitzen gegen Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der sich öffentlich von Dercon als Intendant distanzierte und jetzt Castorf zum Abschied freie Hand lässt. Im Hintergrund verhandeln Anwälte gerade über die Zukunft des Rades. Dercon hält sich raus. Beim Einbiegen in die Hirtenstraße dreht er sich noch einmal um und erinnert an die paranoid-kritische Methode des Surrealisten Salvador Dalí. Zweifellos eine irre Art, die Wahrheit zu finden. Dercon schaut also noch einmal auf das Volksbühnen-Rad und meint trocken, es erinnere irgendwie an das Mercedes-Logo. Das ist sein Humor.

Dercon interessiert sich von jung an für Architektur

Gleich um die Ecke in der Karl-Liebknecht-Straße 29, ein DDR-typisches Bürohaus, das einstmals der Berliner Verlag beherrschte, will Dercon in einer kleinen Galerie vorbeischauen. Die findet er typisch für die Kunststadt Berlin. Wir nehmen den Fahrstuhl, gehen durch einen schmalen Gang und stehen plötzlich vor einer unscheinbaren Tür. Die Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler finden wohl nur Sammler, die genau wissen, wo sie hinwollen. Hinter der Tür sind Präsentationsräume, vor allem Plastiken werden angeboten. Man fühlt sich sofort wohl, es ist eine heile Kunstwelt. Dercon plaudert vertraut mit dem jungen Galeristen Amadeo Kraupa-Tuskany, man kennt sich aus München.

Draußen auf dem Alexanderplatz ist es vor allem staubig. Er interessiere sich von jung an für Architektur, sagt Dercon. Es liegt in der Familie, sein Vater war Stadtplaner. Bevor wir zum Neptunbrunnen schwenken, erzählt Dercon vom Architekturpreis Berlin, dessen Juryvorsitzender er war. Ein Sonderpreis wurde für „Parks und Plätze“ im Umfeld des Fernsehturms vergeben. Dercon holt sein Handy hervor und mailt mir die Jurybegründung weiter. Es ist ihm sehr wichtig. Kurz zusammengefasst steht darin, dass es um eine behutsame Erneuerung der sozialistischen Moderne geht. Und Mitte soll frei bleiben! Genau genommen meint Dercon, der Platz zwischen Fernsehturm und Neptunbrunnen soll grün bleiben. Er steht in Richtung Fernsehturm und hat die Finger verschränkt wie ein Maler, der sein Motiv eingrenzt. „Das ist die Architektur, die ich liebe“, sagt er.

Als wir über die Spandauer Straße in Richtung Humboldt Forum gehen, erzählt Dercon von einem Investor, der ihm einmal erklärt habe, dass dieses Gelände uninteressant sei. Einfach weil an dieser Stelle nur Repräsentationsarchitektur funktioniere. Damit lässt sich also kein Geld verdienen. Der Wiederaufbau des Stadtschlosses ist ein vielschichtiges Thema für Dercon. „Ich war entsetzt, als ich hörte, dass man das historische Objekt ohne jedes Metadenken eins zu eins umsetzen will.“

„Symbolkraft des Palastes der Republik für viele zu schockierend“

Dercon hat den Palast der Republik geliebt, wie er sagt. „Ich glaube, dass die Symbolkraft des Palastes der Republik für viele zu schockierend war.“ Sie habe allen vor Augen geführt, dass die Spannungen, die in Berlin vor dem Fall der Mauer existierten, immer noch am Leben sind. Bis in die Volksbühne hinein, wie er anfügt. „Ich habe es total unterschätzt, dass die Grabenkämpfe noch so intensiv sind“, sagt er: „Eigentlich sind es keine Kämpfe, sondern Krämpfe.“ Sie werden noch ein oder zwei Generationen anhalten.

Dercon versteht sich als ein Vertreter der kritischen Rekonstruktion. Das gilt für die Architektur ebenso wie fürs Theater. Den Abriss des Palastes und den Wiederaufbau des Stadtschlosses hält er für einen stadtplanerischen Fehler. Aber er hält es auch für einen Fehler, wenn man es dann nicht wenigstens konsequent tut. „Die Debatte ums Kreuz steht jetzt für ein neues Debakel“, sagt er: „Es ist eine sehr zynische Debatte.“ Denn es gehe nicht um das Kreuz auf der Kuppel. Das sei nichts Christliches, sondern reine Rechthaberei. „Es geht darum, dass manch einer die Geschichte Berlins auf seine Weise bestimmen will. Es geht leider nicht darum, Weltoffenheit zu zeigen.“ Beiläufig sei angemerkt, dass Kultursenator Klaus Lederer derjenige war, der am lautesten gegen das Kreuz wetterte. Aber der Name Lederer fällt bei dem Spaziergang kein einziges Mal. Dafür der Name seines Vorgängers Tim Renner (SPD). Als Renner ihn anrief, erinnert sich Dercon, dachte er, es ginge um das Humboldt Forum. Aber Renner bot ihm die Intendanz der Volksbühne an. Irgendwie habe ihn das schon überrascht, aber er habe sofort zugesagt.

Dercon fühlt sich als einer der letzten Belgisten

Bevor wir die Staatsoper Unter den Linden erreichen, huschen wir schräg über die Straße in Richtung Maxim Gorki Theater. „Ein gutes Theater“, sagt Dercon, „weil es ein klares Profil pflegt.“ Dann biegen wir links ab in den kaum erkennbaren Eingang zum „Cum Laude“. Das Restaurant in der Humboldt-Universität ist Dercons heimliche Theaterkantine. Hier trifft er sich mit Leuten, um in ruhiger Atmosphäre Gespräche zu führen. Im Hintergrund spielt ganz leise Musik. Diesmal sind kaum Leute da, die Studenten sitzen lieber in Grüppchen draußen herum. Die frühere Professorenmensa verströmt etwas Gestriges. Dercon bestellt Eiskaffee. Der Mann, der von sich selber sagt, dass er ungern still sitze, plaudert über seine Jugend.

Er fühle sich als einer der letzten Belgisten, sagt er. Von Hause aus ist er Flame, aber ihm stehen die Wallonen nahe. Das ganze nationale Getue, auch anderswo in der Welt, hält der polyglotte, mehrsprachige Dercon für Zeitverschwendung. Es gebe wichtigere Dinge im Leben. Als Zehnjähriger wollte er Missionar werden, erzählt er. Zwei Jahre später wollte er Journalist werden und wurde Kinderjournalist. Wiederum zwei Jahre später wollte er Künstler werden. „Ich glaube, dass ich jetzt eine Kombination aus allem bin: Missionar, Journalist und Künstlerbetreuer.“

„Einer der schlimmsten Künstler der Welt“

Das mit dem großen Künstler hat nicht geklappt. „Ich war einer der schlimmsten Künstler der Welt“, sagt Dercon: „Zuerst hatte ich Gemälde gemacht, fand das aber uncool. Dann habe ich in den 70er-Jahren Performances gemacht. Beispielsweise habe ich einmal in Leiden alle meine Bücher über Kunst zerrissen, auf eine Brücke gelegt und bin einen Tag lang über die Brücke gelaufen, bis alles restlos zerstört war. Das war die Abspiegelung von Joseph Beuys. Heute finden wir solche Aktionen albern.“ Immerhin hatte er ein kleines Team um sich und war damit in Brüssel, Amsterdam und Paris unterwegs. „Aber mir war schnell klar, dass es besser ist, wenn ich für richtige Künstler arbeite.“ Er sammle gerne Geld ein, sagt Dercon, das gehöre mit zur Kunstproduktion.

Irgendwann frage ich ihn, wo er denn gerne wäre, wenn er nicht in Berlin wäre. Dercon überlegt und meint, er würde mal eine Zigarette rauchen gehen. Wir beschließen den Rückweg zur Volksbühne und verlassen das „Cum Laude“ in Richtung Museumsinsel. Kenne er, sagt er knapp auf die Frage nach den großen Museen. Er empfiehlt Am Kupfergraben lieber das „Jolly“, das angeblich beste chinesische Restaurant in Deutschland. Auch das ist ein typisches Dercon-Statement. Er wird es sich in Berlin nicht leicht machen.

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