Versorgungszentren

Bezirke wollen mit Zentren gegen Ärztemangel vorgehen

In einigen Bezirken fehlen Ärzte. Neukölln und Lichtenberg wollen nun ihre ambulante Versorgung verbessern.

Eltern erhalten keinen Termin beim Kinderarzt, es fehlen Hebammen, die Rettungsstellen sind überlastet durch normale Krankheitsfälle: Weil Lichtenberg und Neukölln im Berlinvergleich nicht ausreichend mit Ärzten versorgt sind, überlegen die Bezirksämter jetzt, kommunale "Medizinische Versorgungszentren" (MVZ) zu gründen und mit attraktiven Arbeitsbedingungen wie flexiblen Arbeitszeiten Ärzte zu gewinnen. Nötig sei das, weil sich schon jetzt, so das Ergebnis einer neuen Studie des Iges Instituts, rund die Hälfte der Bewohner Neuköllns und Lichtenbergs von Ärzten in anderen Bezirken behandeln lassen müssten.

"Die unterschiedliche medizinische Versorgung ist kein Ost-West-Problem, sondern eines von arm und reich. Dort, wo es eine gute Einkommensstruktur gibt, existiert auch eine gute Ärzteversorgung", sagt Lichtenbergs Gesundheitsstadträtin Katrin Framke. Zusammen mit Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) hatte die Linke-Politikerin eingeladen, um die Ergebnisse der Studie zur ambulanten ärztlichen Versorgung in den Bezirken vorzustellen. Auch Treptow-Köpenick gehört mit 89 Prozent Versorgungsgrad bei Hausärzten zu den unterversorgten Gebieten, war an der Studie aber nicht beteiligt.

Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung begrüßte die Initiative und nannte die Studie eine "wertvolle Grundlage". Medizinische Versorgungszentren sind nach Auskunft von Christoph Lang, dem Sprecher von Senatorin Dilek Kolat (SPD), "grundsätzlich eine gute Sache, die wir mit den Bezirken prüfen wollen". Das Ziel sei eine bessere Verteilung der Ärzteschaft in den Regionen. "Dieses mit den Bezirken gemeinsame Ziel wurde auch in der Koalitionsvereinbarung festgelegt", so der Sprecher.

"Senatsverwaltung wird die Planung überprüfen"

Bei einzelnen Disziplinen sei die Verteilung sehr ungleich. "Versorgungszentren wären ein weiteres Mittel, wenn wir eine bessere Verteilung anders nicht erreichen", so Lang. Die Senatsverwaltung werde die Bedarfsplanung überprüfen. Außerdem werde das Senatsgesundheitsressort dafür werben, dass in dem "Gemeinsamen Landesgremium", das über die Verteilung entscheidet, künftig auch die Bezirke vertreten sein sollten.

Dass eine Steuerung auf Bezirksebene dringend erforderlich ist, finden auch Liecke und Framke. So gebe es beispielsweise in Lichtenberg viel zu wenige Hausärzte. In Berlin gebe es durchschnittlich pro 100.000 Einwohner 65,6 Hausärzte. Mit 51,8 sei Lichtenberg der Bezirk mit der niedrigsten Versorgung, obwohl er überproportional wachse. Die Planungen aus den frühen 90er-Jahren, auf denen die Berechnungen noch fußten, spiegeln die Realität laut Framke schon lange nicht mehr wider. Dasselbe sei bei Psychotherapeuten der Fall: Berlinweit kämen auf 100.000 Einwohner im Schnitt 49,5. In Lichtenberg seien es 26,9, in Charlottenburg-Wilmersdorf 148,5.

Stadtrat Liecke: "Lage in Neukölln ist dramatisch"

Für Neukölln stuft Falko Liecke die Lage sogar als dramatisch ein: "Es kommen immer mehr Menschen, aber die Ärztedichte steigt nicht." 90 Prozent der Fälle in der Kinderrettungsstelle des Krankenhauses Neukölln seien keine Notfälle mehr. Liecke will jetzt Kontakt zur bundeseigenen Beratungsstelle aufnehmen und sie bitten, ein Konzept für ein MVZ zu erstellen.

"In Berlin gibt es insgesamt eine gute Versorgung mit Ärzten. Wenn das an der einen oder anderen Stelle nicht so sein sollte, müssen wir uns das mit allen Beteiligten anschauen", sagte Susanne Roßbach, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Die freien Sitze der niedergelassenen Ärzte werden von der KV ausgeschrieben. Über die Bewerber entscheidet ein Zulassungsausschuss aus Ärzten und Kassen. Seit 2003 ist Berlin ein Planungsraum. Seit 2013 dürfen Praxen nur noch in schlechter versorgte Bezirke verlegt werden. Für Neukölln und Lichtenberg hatte das jedoch kaum einen Effekt.

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