Nach Brand in London

So feuerfest sind Berlins Hochhäuser

Nach dem Londoner Brand ergeben sich viele Fragen. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten.

Benjamin Opitz vor dem höchsten Wohnhochhaus Berlins

Benjamin Opitz vor dem höchsten Wohnhochhaus Berlins

Foto: David Heerde

Das Unglück ist noch immer schockierend: Mindestens 58 Menschen starben bei dem verheerenden Feuer im Londoner Grenfell Tower, einige Verletzte befinden sich noch in einem kritischen Zustand – und das, obwohl nur sechs Minuten nach dem Alarm die ersten Einsatzkräfte vor Ort waren. Die Ursache für das Feuer in dem 24-stöckigen Gebäude ist noch unklar. Das Gebäude war 1974 fertiggestellt worden und wurde 2016 modernisiert. Vor allem die erneuerte und gedämmte Fassade steht nun in Verdacht, für die schnelle Ausbreitung des Feuers verantwortlich zu sein.

Auch in Berlin wurden in den 60er- und 70er-Jahren viele Wohnhochhäuser gebaut und inzwischen saniert. Doch wie sieht es aus mit dem Brandschutz in den Hochhaussiedlungen der Gropiusstadt, im Märkischen Viertel, auf der Fischerinsel in Mitte oder in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf? Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen:


Welche Fassaden dürfen an Hochhäusern verbaut werden?

"In Deutschland dürfen an Hochhäusern, und dazu zählen alle Gebäude, deren Fußboden der letzten Etage über 22 Meter liegt, keine brennbaren Fassaden verbaut sein. In London war dies, wie die Bilder zeigen, anscheinend anders", sagt Margot Ehrlicher, die als Berlins Koryphäe im vorbeugenden Brandschutz gilt. Die 65-Jährige, die 22 Jahre bei der Berliner Feuerwehr in leitender Funktion arbeitete, ist seit 2000 Gesellschafterin der hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH. Diese Regelung gelte, weil die Feuerwehr ihre Drehleitern nur bis zu dieser Höhe ausfahren kann, ergänzt die Prüfingenieurin für Brandschutz. Besonders strenge Vorschriften gelten, wenn die Häuser 60 Meter und höher sind. Dann fallen sie nicht mehr unter die Erleichterungen der Muster-Hochhaus-Richtlinie (MHHR), die 2008 noch einmal verschärft wurde. "Doch auch in den Häusern, die zuvor errichtet und noch nicht saniert wurden, waren keine brennbaren Fassadenelemente zulässig", so die Expertin. Dies gelte gleichermaßen für die in Ost- und West-Berlin errichteten Hochhäuser. In Berlin, habe es nach ihrer Kenntnis auch noch nie einen Hochhausbrand gegeben, bei dem sich das Feuer über mehr als zwei Etagen ausgebreitet hat.

Gab es schon mal einen Fassadenbrand in Berlin?

Lediglich einen Fassadenbrand in Berlin listet die von der Frankfurter Feuerwehr geführte Statistik zu Bränden in Verbindung mit Wärmedämmverbundsystemen in der Hauptstadt auf. Im Mai 2005 brannte an der Treskowstraße in Pankow ein Mehrfamilienhaus über mehrere Geschosse. Dort war im zweiten Obergeschoss ein Feuer ausgebrochen, weil ein 85-jähriger Mieter durch eine brennende Kerze auf seinem Fernseher einen Wohnungsbrand verursachte, der sich innerhalb von 20 Minuten über die verwendeten Polystyrol-Holz-Dämmplatten der Fassade über alle Etagen ausbreitete. Traurige Bilanz damals: Zwei Tote, drei Verletzte. "Inzwischen gelten auch für Regelbauten strengere Auflagen", sagt Brandschutzexpertin Margot Ehrlicher. So müssten etwa Brandsperren in die Fassade integriert werden und die Hinterlüftung der Fassade so konstruiert werden, dass sie nicht wie ein Kamin wirke, in dem ein möglicher Brandherd noch besonders angefacht werde.

Wie viele Wohnhochhäuser gibt es in Berlin?

In der Hauptstadt stehen rund 100 Hochhäuser, die mindestens eine Höhe von 60 Metern haben. Von diesen sind 67 Wohnhäuser, beziehungsweise Wohnhäuser mit einem geringen Anteil an Handel und Dienstleistungen. Das höchste Wohnhaus Berlins steht in der Neuköllner Gropiusstadt an der Fritz-Erler-Allee. Auf den 32 Stockwerken des 90 Meter hohen Turmes sind 228 Wohnungen verteilt. Das Haus wurde 1969 fertiggestellt und 2008 saniert. Benjamin Opitz erledigt als Elektroniker regelmäßig Wartungen. Vor Kurzem, erzählt er, wurden im Keller des Hochhauses Brandmelder installiert.

Müssen Hochhäuser Sprinkleranlagen haben?

In London berichteten überlebende Mieter des Grenfell Towers, dass ihr Wohnhaus keine Sprinkleranlagen hatte. In Berlin sind Sprinkleranlagen grundsätzlich Pflicht in Häusern, die nach 2008 errichtet wurden. "Ältere Gebäude genießen allerdings Bestandsschutz und benötigen diese nicht", sagt Feuerwehr-Sprecher Thomas Kirstein.

Was sollten Mieter in Wohnhochhäusern beachten?

Kirsten Grail ist Mieterin in Berlins höchstem Wohnturm an der Fritz-Erler-Allee 120. Sie wohnt im 20. Stock. "Nach dem Brand in London habe ich mich mit meiner Tochter darüber unterhalten, was wir machen, wenn es brennt", sagt die 55-Jährige. Die einzige Lösung sei die Flucht über die Treppe. "Wenn wir es nicht ganz runter schaffen, dann gehen wir ganz hoch, da ist eine große Terrasse", sagt die Mutter. "Es ist gut, wenn sich die Bewohner eines Hochhauses die Fluchtwege ihres Hauses einmal genau ansehen", lobt Feuerwehr-Sprecher Thomas Kirstein. Zwar seien die Vorschriften zum Brandschutz in Hochhäusern besonders streng, weil es schließlich auch besondere Risiken gebe. "Aber es ist immer wichtig, dass die Bewohner im Notfall den Rettungsweg kennen", sagt er.


Gibt es separate Rettungswege?

Im Londoner Wohntower gab es offenbar nur eine Treppe und zwei normale Aufzüge. In Deutschland ist so etwas nicht zulässig, betont Brandschutzexpertin Ehrlicher. Jedes Hochhaus benötigt mindestens einen Sicherheitstreppenraum. Ab 60 Meter Höhe brauche das Hochhaus eine zweite Sicherheitstreppe, die entweder über Balkone außen an den Gebäuden oder mit Sicherheitsschleusen und rauchfreiem Vorraum im Inneren des Turmes sein müsse. Außerdem muss einer der Fahrstühle als Feuerwehraufzug ausgestattet sein. Neben einem eigenen Stromsystem muss dieser auch eine eigene Belüftung haben und über einen Schlüssel, über den jede Feuerwehr verfügt, steuerbar sein.


Müssen Brandmeldeanlagen vorhanden sein?

Ferner berichteten die Londoner Mieter, dass es keinen Alarm im Hause gegeben habe. "Auch in Deutschland sind die Wohnhochhäuser, anders etwa als Hotel- und Bürotürme, nicht mit einer Brandmeldeanlage ausgestattet, die die Feuerwehr automatisch alarmiert", so die Expertin. Allerdings ist auch in Berlin als einem der letzten Bundesländer am 1. Januar dieses Jahres das Gesetz zur Rauchmelderpflicht in Kraft getreten. Diese regelt, dass in Schlafräumen, Kinderzimmern und Fluren jeweils ein solches Gerät hängen muss. Während der Einbau von Rauchmeldern in neu gebauten Wohnungen ab diesem Jahr Pflicht ist, gilt für Bestandswohnungen eine Übergangsregelung. Hier wird der Einbau der Rauchmelder ab Ende 2020 vorgeschrieben. Für den Einbau ist der Eigentümer verantwortlich.

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