Sicherheitsbranche

"Wir alle haben ein erhöhtes Schutzbedürfnis"

Berlins Verbandschef Rainer Ehrhardt über den Boom der Branche und die Partnerschaft mit der Polizei

Rainer Ehrhardt, Chef von Gegenbauer Sicherheit und des Branchenverbandes BDSW in Berlin

Rainer Ehrhardt, Chef von Gegenbauer Sicherheit und des Branchenverbandes BDSW in Berlin

Foto: Maurizio Gambarini

Rainer Ehrhardt ist Chef der Gegenbauer Sicherheitsdienste und als Landesgruppenvorsitzender Berlin im Bundesverband der Sicherheitswirtschaft der oberste Repräsentant der Branche in der Stadt. "Wir haben zu viel zu tun", sagt er. Und nimmt sich dennoch Zeit für ein Gespräch.

Herr Ehrhardt, es ist verständlich, dass die Flüchtlingskrise der Sicherheitsbranche einen erheblichen Schub versetzt hat. Aber wie erklärt es sich, dass der Boom ungebrochen weitergeht?

Rainer Ehrhardt: Die Menschen, die zu uns gekommen sind, müssen ja immer noch in großer Zahl untergebracht werden. Dadurch ergeben sich weiterhin Aufgaben für Sicherheitsunternehmen. Inzwischen ist es aber auch das gesamte Umfeld. Wir alle haben ein höheres Sicherheitsbedürfnis. Obwohl wir nicht mehr so viele Neuankömmlinge regis­trieren, bleibt der Bedarf nach unseren Leistungen bestehen. Er hat sich nur verlagert.

Welche Rolle sollten private Sicherheitsdienste für die Sicherheitsarchitektur in Deutschland insgesamt spielen?

Die Innenministerkonferenz hat vor Jahren erkannt, dass die privaten Sicherheitsdienste ein Bestandteil der Sicherheitsarchitektur sind. In vielen Bundesländern gibt es Partnerschaften zwischen Polizei und Privaten. Das stellt hohe Qualitätsanforderungen an die Unternehmen, die in solchen Partnerschaften engagiert sind, deshalb machen das nur ein Teil der Firmen.

Wie äußert sich diese Partnerschaft? Werden Sie einbezogen bei Konzepten für Veranstaltungen oder Demonstrationen?

Ja, so kann man sich das vorstellen. In jedem Bundesland wird das individuell gelebt. In Berlin läuft das sehr diskret. Das ist auch so gewollt. Es werden Informationen getauscht, damit der Bürger sich sicherer fühlen kann. Denken Sie daran, wie viele Autos von privaten Sicherheitsdiensten nachts in der Stadt unterwegs sind. Wenn die eine Straftat beobachten, melden die das und gucken nicht weg. Das ist so verabredet. Zudem haben wir in Berlin viele Veranstaltungen, viele Straßensperren. Für uns ist es sehr hilfreich, entsprechende Informationen frühzeitig zu erhalten.

Das Image der Branche ist nicht das beste. Was tun Sie, um insgesamt seriöser zu werden?

Als Bundesverband grenzen wir uns von den Außenseitern ab. Viele Firmen sind nicht Mitglied bei uns, weil wir auch Tarifverhandlungen führen und verpflichtet sind, diese Tarifverträge einzuhalten, auch die, die nicht allgemeinverbindlich sind. Für Firmen, die aus einem anderen Bundesland wie etwa Thüringen kommen und Leistungen in Berlin erbringen, gilt der Tarifvertrag auch bei Allgemeinverbindlichkeit nicht. Solche Firmen können hier den Tarifvertrag unterlaufen, wenn sie nicht Mitglied bei uns sind.

Es gibt den Vorschlag, alle Mitarbeiter zu kennzeichnen und zu registrieren.

Das begrüße ich sehr und wünschte, wir hätten diese Datenbank schon. Das würde unser Leben deutlich vereinfachen. Wir sind interessiert daran, dass unsere Mitarbeiter alle Rahmenbedingungen erfüllen.

Sicherheitsmitarbeiter verdienen in der untersten Stufe knapp mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Ist es da nicht vorgezeichnet, dass es in diesem Sektor auch viele unqualifizierte Akteure gibt, die die Stabilität der Branche gefährdet?

Da unterscheiden wir uns wenig von anderen Branchen im Niedriglohnsektor. Wir erleben die gleiche demografische Entwicklung und ein hohes Beschäftigungsniveau. Die Menschen sind auch im Niedriglohnsektor mobiler als früher. Wenn heute Mitarbeiter in Bayern gesucht werden, dann gehen da auch Menschen aus anderen Bundesländern hin. Die Fluktuation bei uns ist nicht größer als in anderen Branchen.

Wie groß ist Ihrer Einschätzung nach die Personalnot in Berlin?

Wir suchen, wie fast alle Branchen. Die Lage wird verschärft, weil wir eine Wachstumsbranche sind. Wenn ich wachsen will, bin ich darauf angewiesen, neue Menschen zu begeistern. Deswegen wenden wir uns immer mehr jungen Leuten zu. Früher hätten wir uns nie mit Schulabgängern beschäftigt. Heute machen wir das und werben auch in Schulen für unsere Branche.

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