ICE-Strecke

Von Berlin nach München in weniger als vier Stunden

Die neue Schnellfahrstrecke verkürzt die ICE-Fahrzeit ab Berlin um rund ein Drittel. Die Bahn hofft auf deutlich mehr Fahrgäste.

Es ist ein Angebot, das selbst überzeugte Autofahrer zum Nachdenken bringen dürfte. Ab Dezember wird die Deutsche Bahn die Metropolen Berlin und München in weniger als vier Stunden miteinander verbinden. „Damit sind wir gegenüber dem Pkw unschlagbar und im Vergleich zum Flugzeug von City zu City die bessere Alternative“, hofft Bahnchef Richard Lutz. Bei der Premierenfahrt über die neue ICE-Strecke durch den Thüringer Wald kündigte der Grube-Nachfolger am Freitag zugleich „die größte Angebotsverbesserung seit der Bahnreform 1994“ an. Durch mehr Zugfahrten und bessere Umsteigemöglichkeiten sollen sich die Bahnverbindungen für rund 17 Millionen Menschen in Deutschland verbessern.

Berlin wird davon besonders profitieren. Ab Fahrplanwechsel am 10. Dezember soll bis zu drei Mal täglich ein ICE-Sprinter fahren, der nur drei Stunden und 55 Minuten nach der Abfahrt im Berliner Hauptbahnhof in München eintreffen soll. Aktuell benötigt das Flaggschiff der Bahn für diese Verbindung noch mehr als sechs Stunden. Doch auch „normale“ ICE, die mehr Zwischenstopps einlegen, sollen nur geringfügig mehr Zeit benötigen. Über Halle/Saale soll die Fahrt etwa viereinviertel Stunden dauern, über den Kopfbahnhof Leipzig rund zehn Minuten mehr.

Neue Bahntrasse kostet mehr als zehn Milliarden Euro

Möglich wird der Zeitgewinn vor allem durch den Abschluss eines der teuersten, technisch anspruchsvollsten, aber auch umstrittensten Infrastrukturprojekte nach der Wiedervereinigung. Bereits 1991 hatte der Bund den Bau einer neuen Bahntrasse durch den Thüringer Wald als „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ (VDE) Nummer 8 beschlossen. Nach mehreren Korrekturen und Baustopps steht das am Ende mehr als zehn Milliarden Euro teure Vorhaben jetzt vor dem Abschluss.

Als letztes großes Teilstück der VDE-8-Verbindung wird derzeit die 107 Kilometer lange Schnellfahrstrecke zwischen Erfurt und Ebensfeld (bei Bamberg) fertiggestellt. Die Neubautrasse verkürzt nicht nur die Fahrstrecke um viele Kilometer, sie ermöglicht dem ICE auch Geschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometern. Derzeit schlängeln sich die Fernzüge meist nur mit Tempo 120 durch die Mittelgebirge in Thüringen und Franken. In Kombination mit der 2015 eröffneten Neubautrasse zwischen Halle/Leipzig und Erfurt sind die neue Fahrzeiten möglich.

Nach mehr als zehn Jahren ist die 107 Kilometer lange Bahntrasse durch den Thüringer Wald baulich fertiggestellt. Gut die Hälfte der Strecke führt dabei durch Tunnel (insgesamt 22) und über Brücken (allein 29 längere Talbrücken). Derzeit werden die technischen anlagen Anlagen ausgiebig getestet, darunter das neue elektronische Fahrsicherungssystem ETCS, das ohne herkömmliche Signale auskommt. Ab Dezember sollen über die sogenannten Schnellfahrstrecke dann endlich ICE3-Züge mit Tempo 300 und regulären Fahrgästen an Bord über die Gleise rauschen. Für sie wird sich die Fahrzeit zwischen Berlin und München dann auf unter vier Stunden verringern. Das ist eine Reisezeit-Verkürzung um mehr als zwei Stunden zum bisherigen Angebot.

Die Bahn setzt dafür zwischen Berlin und München „ICE-Sprinter“ ein, die zwischen den Hauptbahnhöfen beider Metropolen nur noch in Berlin-Südkreuz, in Halle/Saale, Erfurt und in Nürnberg halten sollen. Bei „normalen“ ICE, die mehr Zwischenstopps einlegen, soll die Fahrzeit für Verbindungen, die über Halle/S. führen, bei vier Stunden 15 liegen. Die ICE, die im Kopfbahnhof Leipzig „kehren“, sollen für die Strecke etwa zehn Minuten mehr benötigen.

Nur die Airlines können beim Tempo mithalten

Mit ihrer neuen Schnellverbindung, die die Deutsche Bahn ab dem nächsten Fahrplanwechsel am 10. Dezember ins Programm aufnimmt, macht sie den anderen Verkehrsmitteln ordentlich Konkurrenz. Einzig die Airlines können zeitlich mit der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse mithalten. Zwar ist die reine Flugzeit von einer Stunde und zehn Minuten, die Air Berlin und Lufthansa benötigen, gegenüber der Bahnfahrt deutlich kürzer. Doch dazu kommen noch die Fahrten von und zu den Airports inklusive der Zeit für Check-in und Sicherheitskontrollen. Während Tegel zumindest an die westliche Innenstadt gut angebunden ist, dauert die Fahrt vom Flughafen München bis zum Hauptbahnhof eine Dreiviertelstunde. So kommt eine Reisezeit „Tür zu Tür“ von mindestens drei Stunden zusammen.

Preislich ist die Bahn im Vorteil, zumindest bei Spontanreisenden. Während das Sprinter-Ticket bei kurzfristiger Buchung aktuell für 132 Euro zu haben ist, gibt es einen einfachen Flug von Air Berlin nicht für unter 200 Euro. Ob die Bahn ihre Preise nach dem Fahrplanwechsel im Dezember erhöht, lässt sie noch offen. Zugschläge wie einst für den ICE-Sprinter Berlin–Frankfurt seien aber für die schnelle Verbindung Berlin–München nicht geplant, sagte am Freitag ein Bahnsprecher.

Cord Schellenberg glaubt, dass das neue Bahnangebot besonders bei Privatreisenden, Familien mit Kindern, gut angenommen wird. „Für Geschäftsreisende ist es hingegen nicht das Optimum, wenn sie morgens und abends jeweils vier Stunden im Zug sitzen“, meint der Luftverkehrsexperte. Denkbar sei aber, dass einige kombinieren, sprich die Hinreise mit dem Flugzeug und die Rückreise mit dem Zug bewältigen.

Einen massiven Einschnitt für die innerdeutsch fliegenden Airlines erwartet Schellenberg nicht, da viele Fluggäste weiterhin auf die Verbindung angewiesen seien, um am Lufthansa-Drehkreuz München in Langstreckenflüge umzusteigen. Air Berlin, für die die Verbindung Berlin–München wirtschaftlich eine besonders wichtige ist, will dennoch nicht ausschließen, mit Preisaktionen auf die flotten ICE zu reagieren.

Mit der Bahn geht es schneller als mit dem Auto

Zeitlich überlegen ist die Bahn auf der Strecke Berlin–München künftig definitiv dem Auto. Brauchen Pkw für die knapp 600 Kilometer je nach Verkehrslage mit sechs Stunden, ist man auf der Schiene bald deutlich flotter am Ziel. Zwar ist die Fahrt im Auto – vor allem bei mehreren Insassen – finanziell oft günstiger als eine Bahnfahrt, dafür muss das Auto bei Komfort, Stresslevel und Umweltfreundlichkeit gegenüber dem ICE klar zurückstecken.

Preislich nach wie vor unschlagbar ist der Fernbus. Egal ob Spontan– oder Frühbucher – viele Fahrten sind nach wie vor für nicht viel mehr als 20 Euro zu haben. Je nach Verbindung dauert die Fahrt mit Flixbus und Co. neun bis zehn Stunden (schnellste Verbindung sieben Stunden). Doch je nach Verkehrsaufkommen können die von den Unternehmen angebenden Fahrzeiten oft nicht eingehalten werden.

Die Bahn hofft ihrerseits, mit dem schnellen ICE-Angebot ihren Marktanteil im Reiseverkehr zwischen Berlin und München von aktuell 20 auf 40 Prozent mindestens zu verdoppeln. Damit es in den Zügen nicht zu eng wird, will das bundeseigene Verkehrsunternehmen das Platzangebot auf der Strecke um 80 Prozent erhöhen. Ab 11. September stehen die Zugverbindungen im Fahrplan, ab Mitte Oktober können die Tickets gebucht werden.

Weitere Infos www.vde8.de