Trotz Wohnungsnot

Mehrheit der Berliner will nicht in Neubau ziehen

Mieten für Bestandswohnungen sind oft günstiger. Die Akzeptanz sinkt vor allem im Umfeld von Bauprojekten .

Diese Wohnhäuser am Gleisdreieck wurden inzwischen fertiggestellt (Archivbild)

Diese Wohnhäuser am Gleisdreieck wurden inzwischen fertiggestellt (Archivbild)

Foto: Andrea Warnecke / picture alliance / dpa Themendie

Obwohl der Wohnungsmangel angesichts von jährlich rund 40.000 Neu-Berlinern rapide zunimmt, sind Neubauwohnungen in der Hauptstadt zunehmend unbeliebt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das kommunale Wohnungsunternehmen Stadt und Land am Dienstag vorgelegt hat. Nur 41 Prozent können sich demnach vorstellen, in einen Neubau zu ziehen. 2016 war es noch jeder Zweite.

Vor allem Berliner mit Umzugsabsichten sowie jüngere Menschen unter 30 Jahre gaben dabei mit 72 beziehungsweise 62 Prozent an, dass für sie ein Neubau nicht in Frage käme. Der Hauptgrund, da sind sich Experten einig, liegt vor allem in deutlich höheren Mieten, die für eine Neubauwohnung verlangt wird. Bei der Stadt und Land beispielsweise kostete eine Bestandswohnung 2016 bei Neuvermietung 6,28 Euro je Quadratmeter kalt. "Im Neubau verlangen wir für die frei finanzierten Anteil der Wohnungen zwischen neun und elf Euro", so Malter weiter.

Dabei ist das landeseigene Unternehmen weit davon entfernt, Luxusdomizile an den Markt zu bringen. Doch angesichts der steigenden Bau- und Grundstückskosten sei die verlange Miete bereits sehr niedrig, ergänzte Malters Mit-Geschäftsführerin Anne Keilholz. Schließlich muss, so ist es mit dem Senat vertraglich vereinbart, jede zweite neu errichtete Wohnung zu einer preisgebundenen Sozialmiete von 6,50 Euro angeboten werden. "Das ist schon sehr sportlich, das hinzubekommen", betonte Keilholz.

"Stadt und Land" will 11.500 Wohnungen neu bauen lassen

Bis 2026 werde das Unternehmen, das aktuell rund 68.000 Wohnungen bewirtschaftet, darunter knapp 43.000 eigene, gut 2,3 Milliarden Euro in den Neubau und den Ankauf von Wohnungen investieren. Rund 1400 Bestandswohnungen sollen dabei angekauft und rund 11.500 Wohnungen neu errichtet werden. "Ob das gelingt, hängt natürlich im Wesentlichen davon ob, wie sich der Markt entwickelt", sagte die Geschäftsführerin. Wie auch die privaten Bauträger sei man auf verfügbares Bauland und leistbare Marktpreise angewiesen.

Besorgniserregend für die sechs städtischen Wohnungsunternehmen, die nach dem Willen der rot-roten-Koalition im Senat noch in dieser Legislaturperiode mindestens 30.000 Wohnungen errichten sollen, ist darüber hinaus auch die sinkende Akzeptanz von Neubauten in der Nachbarschaft. So gaben 2017 nur noch 61 Prozent an, dass es für Sie in Ordnung wäre, wenn in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein Neubau entstehen würde. 2016 waren es noch 67 Prozent, die nichts dagegen hatten. Für die repräsentative Umfrage hat das Berliner Markt- und Meinungsforschungsinstitut Info GmbH im Mai 2017 insgesamt 1602 Berliner befragt.

"Mit guten Argumenten für neue Wohnungen werben"

"Wir sollten diesen rückläufigen Trend sehr genau im Auge behalten. Neubau ist das einzige Mittel, um den Wohnungsmarkt nachhaltig zu entspannen", sagt Stadt und Land-Geschäftsführer Ingo Malter. Dafür brauche es einen breiten Konsens in der Stadtgesellschaft. "Wir werden weiterhin sehr aktiv mit guten Argumenten für neue Wohnungen werben müssen", so Malter weiter.

In der nach Bezirken aufgeschlüsselten Befragung zeigt sich, dass die Zustimmung zu Bauvorhaben besonderes dort abnimmt, wo tatsächlich in großem Stil gebaut wird. So wurden 2016 in Treptow-Köpenick 2552 Wohnungen fertig gestellt – berlinweit mit Abstand die meisten. Mit nur 51,1 Prozent fällt die Zustimmung dort dagegen am geringsten aus. In Charlottenburg-Wilmersdorf ist die Akzeptanz von Neubauten mit 74,6 Prozent am höchsten. Allerdings wurden auch nur 410 neue Wohnungen fertig gestellt.

Unterdessen hat Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Dienstag einen Bericht über den Neubau der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften vorgelegt. Von 2013 bis Ende 2016 haben die sechs kommunalen Unternehmen demnach 36.000 Wohnungen in der Planung.

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