Prozess in Berlin

Obdachlosen angezündet - „Eine furchtbare, gefährliche Tat“

Im Prozess um die Brandattacke auf einen Obdachlosen wurde der Haupttäter zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Vor der Urteilsverkündung im Kriminalgericht: Die Angeklagten verbergen ihre Gesichter. Nur einer von ihnen ist noch in Untersuchungshaft

Vor der Urteilsverkündung im Kriminalgericht: Die Angeklagten verbergen ihre Gesichter. Nur einer von ihnen ist noch in Untersuchungshaft

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Es gibt Unverständnis im Publikum, als das Urteil gesprochen ist. Zu milde scheinen die Strafen: Zwei Jahre und neun Monate Haft für den Haupttäter Nour N. wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, ansonsten Bewährungsstrafen – und für zwei Angeklagte sogar nur vier Wochen Jugendarrest. Nichts ist geblieben vom einstigen Vorwurf des versuchten Mordes an einem schlafenden Obdachlosen in der Nacht zum 25. Dezember 2016 im U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg. Der 37-Jährige wurde damals rechtzeitig von einem Fahrgast geweckt und blieb glücklicherweise unverletzt. Im Prozess wurde er nicht gehört.

Gericht stützt sich auf Einschätzung der Gutachter

Auch die Kammer habe anfangs einen versuchten Mord gesehen, sagte die Vorsitzende Richterin, Regina Alex, bei der Urteilsbegründung, „aber eben nur nach Aktenlage“. Die achttägige Hauptverhandlung habe an dieser Sicht einiges verändert. Wobei das Gericht nach wie vor davon ausgehe, dass es sich um „eine furchtbare, gefährliche Tat“ handele. „Das Opfer war völlig wehrlos“, so Alex, „Obdachlose gehören zu den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft.“

Bei der Beurteilung des Gerichts sei entscheidend gewesen, was in den Köpfen der Angeklagten zur Tatzeit vorgegangen sei. Sehr wichtig seien dabei die Einschätzungen der psychiatrischen Sachverständigen. Alle sechs zwischen 15 und 21 Jahre alten Angeklagten seien „unreife Persönlichkeiten“, hätten „eine geringe Schulbildung“, seien erst kurze Zeit zuvor als Flüchtlinge aus Syrien und Libyen nach Deutschland gekommen und hätten „ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden“.

Nour N. „hat den großen Macker markiert

Am 24 . Dezember seien sie zufällig aufeinandergetroffen, kannten sich kaum, hätten, wie es für junge Männer nicht untypisch sei, ihre „Positionen untereinander abgeklärt, ihre Rollen abgestimmt“, sagte die Richterin. Bei diesen Rangkämpfen hätten sie nach Meinung der Gutachter die Gefährlichkeit der Brandattacke auf den Obdachlosen gar nicht wahrgenommen. Eine Psychiaterin hatte nicht ausschließen können, „dass die Fluchterfahrung Einfluss auf die Risikobereitschaft hatte“.

Unstrittig sei, so Richterin Alex, dass der 21-jährige Nour N. die treibende Kraft war. „Er hat den großen Macker markiert“, habe „den Alleinunterhalter gespielt“. Er hatte zugegeben, neben dem Kopf des Schlafenden ein brennendes Taschentuch gelegt zu haben, sodass der Plastikbeutel mit den Habseligkeiten des Obdachlosen in Brand geriet. Dabei sei Nour N. auch klar gewesen, dass der Schlafende „gefährliche schmerzhafte Verletzungen“ davontragen könne. Das Gericht ist aber überzeugt, dass er nicht dachte: „Ich will den Mann jetzt umbringen“.

„Kein Distanzierungsverhalten erkennbar, keine Abscheu“

Drei weitere Angeklagte haben nach Meinung des Gerichts „psychische Beihilfe geleistet“. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigten, „dass sie das Geschehen sehr interessiert verfolgten“, so die Richterin. Es sei „kein Distanzierungsverhalten erkennbar, keine Abscheu“. Sie hätten Nour N. das Gefühl gegeben, sein Verhalten sei in Ordnung. Das Gericht verurteilte sie – neben den Bewährungsstrafen wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung – zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Die beiden anderen Angeklagten saßen abseits, hätten aber dennoch mitbekommen, was geschieht, schätzte Richterin Alex ein. Wegen unterlassener Hilfeleistung bekamen sie vier Wochen Jugendarrest. Diese vier Wochen gelten aber schon als verbüßt, weil die Angeklagten fünfeinhalb Monate in Untersuchungshaft verbrachten. Für die restlichen viereinhalb Monate Untersuchungshaft bekommen sie sogar noch Haftentschädigung: Jeder rund 3400 Euro. Beide müssen 36 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten. Haupttäter Nour N. bleibt als Einziger in Haft. Der Grund ist Fluchtgefahr.

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