Berliner Originale

Wie der Gullydeckel per „Raubdruck“ auf das T-Shirt kommt

Textildesignerin Emma France Raff hat ihr Atelier auf der Straße. Sie druckt die Stadt auf T-Shirts.

Raubdruckerin Emma France Raff am Rollandufer

Raubdruckerin Emma France Raff am Rollandufer

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

An einem sonnigen Frühlingsmorgen kniet Emma France Raff im Staub des Rolandufers an der Spree und malt mit einer kleinen Farbrolle aus Schaumstoff zügig, aber sorgfältig einen Gullydeckel schwarz an. „Ich muss schnell arbeiten“, erklärt sie, „die Farbe trocknet sonst in der Sonne.“ Das muss Emma France Raff unbedingt verhindern, denn die Farbe soll ultimativ nicht auf der Kanalabdeckung sein, sondern auf den T-Shirts, die sie im Gepäck hat. Raff ist Textildesignerin, als „Raubdruckerin“ druckt sie Kanalabdeckungen auf T-Shirts, Kapuzenpullover, Jutetaschen und Sportbeutel. Viele ihrer Motive findet sie in Berlin.

Berliner Sehenswürdigkeiten schmücken die Gullydeckel

An diesem Morgen druckt Raff T-Shirts mit dem Motiv „Mitte“ nach, von einem großen Gullydeckel, der Berliner Sehenswürdigkeiten zeigt – 500 solcher Schmuckdeckel hatten die Wasserbetriebe zu ihrem 150. Jubiläum 2006 in der Stadt verlegen lassen, seitdem kamen laufend weitere dazu. Die Gedächtniskirche verschwindet zuerst unter schwarzer Farbe, dann folgt der Bundestag. Als etwa zwei Drittel des Deckels mit Farbe eingedeckt sind, holt Raff eines der mitgebrachten T-Shirts.

Vorsichtig legt sie den Stoff an den Klebestreifen zur Positionsmarkierung, klopft ihn sanft am Metall fest und streicht mit der Hand darüber, bis wirklich alle Teile des Motivs das Shirt berühren. Bis das Motiv vom Deckel auf dem T-Shirt ist, vergehen nur wenige Minuten. „Mehr als 30 Shirts kann man an einem Tag nicht machen, ohne Rückenschmerzen zu bekommen“, sagt Raff.

Damit die Oberteile hinterher alle gleich aussehen, muss sie immer aus derselben Position arbeiten. Mit ihrem Koffer mit Zubehör – Farbe, Malerrolle, Plastikbrettchen, Klebeband zum Markieren, Wasser, um die Deckel nach dem Druck zu säubern – zieht Raff zwei Mal die Woche los, etwa einen halben Tag ist sie meistens unterwegs. Im Gegensatz zur Farbe auf dem Gullydeckel ist das Shirt nach dem Trocknen wasserfest und kann also auch gewaschen werden.

„Wir drucken dann nach, was sich verkauft hat“, sagt sie. Der Rest der Zeit geht drauf für das, was Raff „Büro“ nennt: Fotos neuer Motive hochladen, Bestellungen bearbeiten, Termine für Workshops mit Schulklassen oder auf Festen vereinbaren. Seit drei Jahren sind die „Raubdrucke“ ihr Hauptprojekt und zudem das, mit dem sie die meiste Zeit verbringt. Der Name leitet sich aus dem Verfahren ab: „Die Motive kommen aus meiner Umgebung, dem städtischen Raum“, sagt die Designerin. „Es sind Alltagsgegenstände, und die Leute, die Raubdruckerin-T-Shirts tragen, nehmen sie mit nach Kanada oder Südamerika, in die ganze Welt. Es ist ein bisschen wie geklaut und woanders hingebracht.“ Was sie sich als Motiv ausgesucht und interpretiert hat, bekomme so ein „weiteres Leben“, so Raff.

Auf ihrer Website und im Neuköllner Atelier gibt es auf fair gehandelter Bio-Baumwolle neben Abdeckungen mit Stern-Prägung vom Reuterplatz, Kreuzberger Gittern und Drucken, die großformatig ihren Neuköllner Ursprung kundtun, auch viele europäische Motive. Die Schiffe, die die Hafenstadt Lissabon auf ihre Kanalabdeckungen prägt, finden sich auf T-Shirts wieder, ebenso die Blumen-gemusterten Pflastersteine von Barcelona und spiralförmigen Gitter des Montmartre. „Egal wo ich hinfahre, ein bisschen Farbe muss immer mit“, sagt Raff, „es könnte mir ja ein Motiv entwischen.“

Motive aus anderen Städten ebenfalls im Sortiment

Sie sei schon immer detailaffin gewesen, sagt sie. Seitdem sie Kanalabdeckungen auf Kleidung druckt, sucht ihr Blick in jeder Stadt Motive.

Egal wo sie druckt, Raff arbeitet immer in der Öffentlichkeit. Passanten gehen langsamer, neugierig auf das, was da passiert, immer wieder halten auch Menschen an und fragen nach, was sie tut. An besonders zentralen Orten, wo sich Trauben von 20 bis 30 Leuten um sie sammeln könnten, sei es zwar manchmal schwierig, sich zu konzen­trieren, sagt Raff. Generell freue sie sich aber über das Interesse. „Das ist ein schöner Teil meiner Arbeit, man trifft die verschiedensten Leute und bekommt oft ein direktes und positives Feedback.“ Gleichzeitig ist das öffentliche Arbeiten Teil des Gedankens hinter dem Projekt. „Die Stadt gehört doch uns“, sagt Raff, „der Gehweg ist doch auch nur ein erweitertes Wohnzimmer.“ Wo sie ihr Material-Köfferchen öffnet und die Farbe auspackt, ist für ein paar Stunden deshalb ihr „Pop-up-Atelier“.

Etwas problematisch sei allein die Wetterabhängigkeit des Arbeitsplatzes, sagt sie: Zu heiß darf es nicht sein, bei Regen kann auch nicht gedruckt werden, Wind ist ebenfalls nicht optimal. Im Winter zieht Raff im Skianzug durch die Straßen. Sie sei inzwischen eine sehr aufmerksame Leserin von Wetterberichten, sagt Raff. Und wenn die sie doch einmal im Stich lassen und das Drucken an einem Tag unmöglich ist, kommt sie eben an einem anderen wieder: Ihr Atelier ist immer offen.

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