Ärztemangel

In diesen Berliner Bezirken gibt es zu wenige Kinderärzte

Die Zahl der Geburten steigt in Berlin, doch an Kinderärzten herrscht Mangel. Diese fünf Bezirke sind besonders betroffen.

Vater und Kind beim Arzt

Vater und Kind beim Arzt

Foto: Ute Grabowsky/photothek.net / imago/photothek

Eltern von Neugeborenen haben es in vielen Berliner Bezirken inzwischen sehr schwer, einen Kinderarzt zu finden. Obwohl sich die meisten von ihnen schon vor der Geburt ihres Kindes darum bemühen, finden immer weniger junge Familien einen Arzt in ihrer Nähe. Sie sind deshalb extrem unter Druck. Schließlich wollen und müssen sie die verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen termingerecht absolvieren.

Außerdem brauchen sie einen Arzt, der ihr Kind fachgerecht behandelt, wenn es krank ist. Am auffälligsten ist der Mangel in den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Pankow, Neukölln und Lichtenberg. Dort müssen die vorhandenen Kinderärzte bereits viel zu viele kleine Patienten behandeln.

Veraltete Statistik zeigt rechnerischen Überschuss

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), die für die Zulassung von Ärzten verantwortlich ist, ist Berlin mit Kinderärzten allerdings überversorgt. Es gebe 307 Praxen gegenüber einem Soll von 243. „Das entspricht einem Versorgungsgrad von 126,2 Prozent“, sagte Susanne Roßbach, Sprecherin der KV. Jakob Maske vom Vorstand des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte hält dagegen: „Der Bedarf an Kinderärzten wurde Anfang der 90er-Jahre berechnet, inzwischen leben aber deutlich mehr Kinder und Jugendliche in Berlin“, sagte er der Berliner Morgenpost. Laut Statistischem Landesamt gab es im Jahr 2005 404.667 Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren, 2015 waren es bereits 474.131. Und die Tendenz ist weiter steigend.

Kinderarzt Jakob Maske nennt weitere Gründe für den spürbaren Mangel an Kinderärzten. „Viele der Kollegen haben sich spezialisiert und stehen für die normale Versorgung einschließlich der Vorsorgeuntersuchungen gar nicht mehr zur Verfügung.“ Hinzu käme, dass immer mehr Kinderärzte nicht mehr voll arbeiteten. „Der Bedarf muss deshalb dringend neu berechnet werden“, forderte er. Kinderarzt Steffen Lüder kann sich dieser Forderung nur anschließen. Er praktiziert seit zehn Jahren am Prerower Platz in Hohenschönhausen.

Angefangen hat er mit 900 Patienten pro Quartal, inzwischen sind es 1600, darunter rund 200 Flüchtlingskinder. Seine Praxis arbeite am Limit, sagte er. „Trotzdem rufen jeden Tag Eltern an, die keinen Kinderarzt für ihre Neugeborenen finden.“ Sogar aus weit entfernten Bezirken wie Charlottenburg gebe es Anfragen, so Lüder.

In der Gesundheitsverwaltung heißt es dazu: „Das Problem vieler Eltern, in der Nähe einen Kinderarzt zu finden, ist uns bekannt.“ Das teilte Oliver Fey, Sprecher von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD), mit. Steigende Geburtenraten führten zu Engpässen. 2005 wurden 685.755 Kinder geboren, 2015 waren es bereits 737.575. Außerdem gebe es eine dramatische Ungleichverteilung von Kinderarztpraxen in der Stadt, die nicht der Nachfrage vor Ort entspreche.

Wachsende Bevölkerung und Babyboom

Auch KV-Sprecherin Susanne Roßbach räumte ein, dass die Verteilung der Ärzte in den einzelnen Bezirken nicht einheitlich sei, sodass es Engpässe geben könne. Hinzu kämen die wachsenden Bevölkerungszahlen und ein Babyboom, was die Kinderärzte in ihren Praxen zu spüren bekämen. Laut Roßbach gab es allein in den letzten fünf Jahren (2011 bis 2016) eine Steigerung der Behandlungsfälle um 9,5 Prozent. Zudem habe sich der Umfang der Untersuchungen vergrößert. Das läge unter anderem am erweiterten Kinder-Früherkennungsprogramm und an neuen Schutzimpfungen.

Kinderarzt Lüder warnte jetzt davor, dass die Qualität der Behandlung leidet, wenn der Arzt pro Tag immer mehr Patienten behandeln muss. Es bleibe einfach zu wenig Zeit, sich um jedes Kind genügend zu kümmern, sagte er. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU, Gottfried Ludewig, forderte ebenfalls, den Versorgungsgrad neu zu berechnen. Das sei Sache der Kassenärztlichen Vereinigung und der Gesundheitssenatorin, sagte er der Berliner Morgenpost.