Wahl in Großbritannien

Berliner Briten wählen: „Alles, nur nicht konservativ“

Am Donnerstag wählt England sein neues Parlament. Auch einige Berliner Briten beteiligen sich daran. Die Stimmung: frustriert.

Am Donnerstag wird in Großbritannien gewählt – es ist die erste Wahl nach dem Austritt aus der EU

Am Donnerstag wird in Großbritannien gewählt – es ist die erste Wahl nach dem Austritt aus der EU

Foto: Georg Wendt / dpa

Jonathan Whitlam (28) ist Tour Guide in Berlin und einer von 14.314 Briten in der Hauptstadt. Er lebt seit sechseinhalb Jahren in der Stadt. Sein Kreuz wird er bei der Labour Partei setzen. Jeremy Corbyn, der Parteivorsitzende, sei authentisch und vertrete fortschrittliche Ansichten. Nur seine Haltung zum Brexit findet Whitlam enttäuschend. „Viele, die für Brexit gestimmt haben, werden die Konsequenzen nicht mehr erleben.“ Vor allem ältere Bürger wollten den Austritt aus der EU. Dass Corbyn den Brexit hinnimmt, schade der jüngeren Generation.

Taktische Wahlen und Wunsch nach Freizügigkeit

Whitlam wählt taktisch. Eigentlich ist er für die Liberaldemokraten. Aber weil in Englands Wahlsystem alle Stimmen, bis auf die des Gewinners, wegfallen, hätten die Partei kaum eine Chance.

Die große Angst des Wahl Berliners ist es, das Recht in Deutschland zu leben und zu arbeiten zu verlieren. „Was ich mir hier aufgebaut habe, möchte ich nicht verlieren.“ Sein Wunsch: Freizügigkeit innerhalb der EU. Auch für seine englische Familie und Freunde geht Whitlam wählen: „Ich möchte unser Gesundheitssystem beschützen, in dem meine ganze Familie behandelt wurde und ich möchte, dass England auch weiterhin ein wichtiger Teil Europas bleibt.“

Briefwahl mit Hindernissen

Künstler Dave the Chimp würde gerne wählen, kann aber nicht. Nachdem er vor zwei Wochen die Briefwahl beantragt hatte, antwortete die zustände Behörde, dass sie erst Formulare drucken müsse. Diese sind bis heute nicht angekommen. „Warum haben sie die Wahl so kurzfristig angesetzt, wenn klar war, dass sie nicht rechtzeitig Briefe rausschicken können“, fragt der Künstler. Er lebt seit neun Jahren in Berlin, überlegt jetzt, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Auch er wählt für Freunde und Familie auf der Insel, vor allem für die, die selbst keinen britischen Pass besitzen. Dass zurzeit eine Frau regiert, die niemals gewählt wurde, empört Dave. Jeremy Corbyn hingegen gebe ihm Hoffnung. „Ohne ihn hätte ich keinen Grund gesehen, Labour zu wählen.“

Nicht mehr wahlberechtigt

Besonders problematisch ist die Situation für die circa 1,2 Millionen Briten, die seit mehr als 15 Jahren im EU-Ausland leben. Sie sind nicht mehr wahlberechtigt. „Wer so lange im Ausland lebt, wird natürlich für den Verbleib Englands in der EU stimmen“ sagt Dale Carr, (64). Nach fünfzehn Jahren in Deutschland und nach dem Brexit hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Wenn sie könnte, würde sie Corbyn unterstützen. „Der hat wenigstens Ideen, menschliche Ideen.“ Auch Sophia Raphaeline (65), die seit mehr als zwanzig Jahren in Berlin lebt, würde Labour unterstützen. „Wenn ich zurück nach England fahre, sehe ich immer mehr Armut. Ich will kein Teil einer solchen Gesellschaft sein. Wenn ich könnte, würde ich die Partei wählen, die nicht konservativ ist.“

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