Nachwuchssorgen in Berlin

Polizei verliert 40 Prozent ihrer Kräfte an den Ruhestand

Die Berliner Polizei braucht dringend Nachwuchs, der Bedarf ist dramatisch. Das führt zum Absenken der Standards.

Polizisten sichern den „Kirchentag“ in Berlin

Polizisten sichern den „Kirchentag“ in Berlin

Foto: Sophia Kembowski / dpa

Die Berliner Polizei plagen Nachwuchssorgen. Denn auf die Behörde rollt in den kommenden Jahren eine beispiellose Pensionierungswelle zu. Bis 2022 gehen knapp 40 Prozent der rund 16.000 Vollzugsbeamten in den Ruhestand. Gleichzeitig muss die Polizei es schaffen, doppelt so viele Bewerber einzustellen wie in den Jahren zuvor – und das bringt für die Behörde auch Probleme mit sich.

„Sie müssen die Leute so nehmen, wie sie aus der Schule kommen“, sagt Polizeipräsident Klaus Kandt im Interview der Berliner Morgenpost. Habe man früher die 100 besten Bewerber genommen, sei man heute gezwungen, die 200 besten zu nehmen, so Kandt weiter. Das Durchschnittsalter unter Berliner Polizisten beträgt 50 Jahre.

Nach einer Prognose der Senatsinnenverwaltung aus dem vergangenen Jahr scheiden in den kommenden drei Jahren mehr als 2300 der rund 16.000 Polizisten aus dem Dienst aus – rund 200 mehr, als sich in Ausbildung befinden. Eingerechnet sind noch nicht die Abbrecher und der hohe Krankenstand.

Zahl der Einstellungen stark gestiegen

Derzeit läuft bei der Polizei die neue Bewerberrunde für Einstellungen zum Frühjahr 2018. Diesen Freitag wurden in der Berliner Philharmonie 724 Auszubildende vereidigt, die im Herbst 2016 und im Frühjahr 2017 ihre Ausbildung bei der Polizei begonnen haben. Aus detaillierten Zahlen der vergangenen Jahre, die der Berliner Morgenpost vorliegen, geht hervor, dass die Einstellungen stark gestiegen sind.

Zum Vergleich: Wurden 2008 im mittleren und gehobenen Dienst der Kriminal- und Schutzpolizei noch insgesamt 459 Männer und Frauen eingestellt, kletterte diese Zahl 2016 auf 1056. Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Bewerber von 9966 im Jahr 2008 auf 12.951 im Jahr 2016 – zu wenig, wenn man bedenkt, dass der Personalbedarf sich bei der Polizei mehr als verdoppelt hat.

Zahl der Bewerber mit Migrationshintergrund gestiegen

Gestiegen ist bei der Polizei – vor allem im mittleren Dienst der Schutzpolizei – auch die Zahl der Bewerber mit Migrationshintergrund. Bewarben sich 2008 im mittleren Dienst 712 Frauen und Männer mit Migrationshintergrund, kletterte deren Zahl auf 2530. Tatsächlich eingestellt im mittleren Dienst wurden 2008 aber lediglich 30 Frauen und Männer mit Migrationshintergrund und 2016 nur 185.

Für den mittleren Dienst der Schutzpolizei gelten aktuell folgende Voraussetzungen: Aktuell müssen Frauen mindestens 1,60 und Männer mindestens 1,65 Meter groß sein, einen erweiterten Hauptschulabschluss vorweisen können und zwischen 16 und 29 Jahren alt sein. Die Abbrecherquote schwankt, je nach Ausbildungsjahrgang, derzeit zwischen 15 und 23 Prozent. Der Krankenstand bei der Berliner Polizei liegt konstant bei etwa zehn Prozent.

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