Kolonialnamen

Streit um Umbenennungen in Berlins Afrikanischem Viertel

Der Bezirk will Lüderitzstraße, Nachtigalplatz und Petersallee umbenennen. Die Bürgerinitiative kritisiert Verfahren als intransparent.

Die Lüderitzstraße in Wedding soll nach dem Willen der Bezirksverordneten umbenannt werden

Die Lüderitzstraße in Wedding soll nach dem Willen der Bezirksverordneten umbenannt werden

Foto: imago stock / imago/Jürgen Ritter

Der jahrelange Streit um die Neubenennung von drei Straßennamen im Afrikanischen Viertel in Wedding geht in eine neue Runde. Kulturstadträtin Sabine Weißler (Grüne) informierte am Mittwoch darüber, welche Vorschläge die von ihr eingerichtete Jury für die Neubenennung der Lüderitzstraße, des Nachtigalplatzes und der Peters­allee macht.

Aus 196 Vorschlägen suchte die Jury in acht Sitzungen sechs aus, darunter auch zwei Namen von Männern – Martin Dibobe und Manga Bell – denn im Bezirk Mitte können zu einem kleinen Teil auch Männernamen für Straßen vergeben werden. Bei allen Vorschlägen sollte es sich um eine herausragende historische Persönlichkeit handeln, die Widerstand gegen Kolonialismus und Rassismus geleistet hat.

"Das war wirklich viel Arbeit. Es wurde sehr ernsthaft geprüft", versicherte Sabine Weißler. Und der Vorsitzende der Jury, Bertrand Njoume (Vorstandsmitglied des Afrika-Rats Berlin-Brandenburg), bestätigte: "Wir haben gewissenhaft alle Aspekte in Betracht gezogen." Der Beschluss der Bezirksverordneten sei ihre "Bibel" gewesen.

Die Initiative von Weddinger Bürgern "Pro Afrikanisches Viertel" (PAV), die sich ebenfalls einen verantwortungsvollen Umgang mit dem geschichtlichen Erbe im Afrikanischen Viertel auf die Fahnen schreiben, kritisiert unterdessen, dass "die grüne Stadträtin in aller Heimlichkeit" die Straßennamen-Jury berufen habe. "Die Zusammensetzung, die erst jetzt bekannt wurde, zeigt, dass die Stadträtin ausschließlich Unterstützer von ihr berufen hat. Außerdem haben Juroren auch über ihre eigenen Vorschläge beraten", kritisierte Karina Filusch, Sprecherin der Initiative PAV.

Die Lüderitzstraße könnte auch einfach der Stadt gewidmet werden

Die Bürgerinitiative habe sich gegen die Teilnahme an der Jury ausgesprochen, so Filusch weiter, weil "das Verfahren zu intransparent war und uns gleich zu Anfang gesagt wurde, dass unser Vertreter nichts nach außen kommunizieren durfte".

Nach Auskunft von Weißler stimmt es, dass die Jury in der ersten Sitzung beschlossen hat, dass sie ihren "geschützten Raum" habe. "Das ist auch in Kunstjurys üblich, damit alles gesagt werden kann. Der Umstand ist nicht außergewöhnlich, es war richtig, auch wenn ich viel Prügel dafür einstecken musste." Ob von den Juroren auch eigene Vorschläge der Namensumbenennung diskutiert wurden, konnte Weißler nicht mit Sicherheit ausschließen.

Für Lüderitz und Nachtigal hatte die Bürgerinitiative vorgeschlagen, die Namen nur umzuwidmen: statt des Kolonialpolitikers Adolf Lüderitz könnte die Straße sich auf die gleichnamige Hafenstadt Namibias beziehen, und der Nachtigalplatz könnte sich auf den Theologen und Schriftsteller Johann Nachtigal statt auf den Kolonialpolitiker Gustav Nachtigal. "Das wäre namensneutral und wurde ja auch bereits bei der Petersallee praktiziert. Stattdessen könnte man mit den neuen Vorschlägen die namenlosen Straßen in der Kleingartenkolonie Togo im Afrikanischen Viertel benennen", schlägt die Sprecherin der Bürgerinitiative vor. Ob das jedoch überhaupt noch überlegt wird, ist mehr als fraglich.

Die Petersallee wurde eigentlich längst umbenannt - in Petersallee

Wie Stadträtin Weißler erklärte, hat die Jury ihre Aufgabe jetzt beendet. Als nächstes beraten zwei Ausschüsse und die BVV über die Namensvorschläge, zu denen neben den zwei männlichen folgende von Frauen ausgesucht wurden: Asanteewa, Nzinga, Mathaai und Makeba. Sie hoffe zudem, vor den Sommerferien noch in einer Veranstaltung die Anwohner zu informieren. Zum Schluss werde dann das Bezirksamt entscheiden. Bei der erneuten Umbenennung der Petersallee erhofft sie sich noch juristischen Rat, denn die wurde bereits 1986 nach Hans Peters umgewidmet, einem Widerstandskämpfer, dessen Name nicht so einfach verändert werden kann.

Laut Rechtsauslegung des Bezirksamtes handele es sich aber "im Grunde um eine nicht wirksame Umbenennung", da das zu wenige wüssten. Hans Peters solle im Bezirk an anderer Stelle geehrt werden.

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