Asyl in Berlin

Flüchtlinge aus Syrien: „Wir leben uns immer mehr ein“

Die Morgenpost begleitet zwei Familien seit ihrer Ankunft in Deutschland im Herbst 2015. Auch Wünsche gehen jetzt in Erfüllung.

Eine Ewigkeit entfernt von Syrien: (v.l.) Teresa, Loris, Rafaat und Baby Josef Alaya

Eine Ewigkeit entfernt von Syrien: (v.l.) Teresa, Loris, Rafaat und Baby Josef Alaya

Foto: David Heerde

Ein Blick hat gereicht, um zu erkennen, dass in Rafaat Alayas dunkelbraunen Augen nicht nur Liebe und Dankbarkeit liegt, weil er den Großteil seiner Familie in Sicherheit weiß. Lange Zeit flackerte da nämlich noch etwas anderes: Trauer. Tief verwurzelt in der Seele des 27-Jährigen. Immerhin hat er als stolze Person verloren, was ihn zu einem Sohn, Vater und Ehemann gemacht hatte. Da spielen konservative Rollenbilder hinein. Vor allem aber Zweifel an sich selbst – er als Oberhaupt der Familie Alaya konnte zuletzt in vielen Situationen Vater und Schwester in Syrien nicht helfen.

Dass er mit seiner Mutter, den Brüdern, seiner Frau Loris und der gemeinsamen Tochter Teresa damals übers Meer in Sicherheit floh und die beiden anderen zurücklassen musste, brachte ihn an seine Grenzen. Dann aber kam endlich die Nachricht: Sein Vater wird mit Visum nach Deutschland reisen dürfen. Es war ein Kampf, bis er den Termin bei der Botschaft im Libanon bekam, die Botschaft in Syrien war längst zerstört. Monate vergingen bis dahin. Seine an Diabetes erkrankte Tochter Suzan starb in der Zwischenzeit – vor seinen Augen.

Jeden Tag ging er zum Grab seiner Tochter

Ein gebrochener Mann, auch zuckerkrank, der nichts mehr für sein 17-jähriges Kind tun konnte. Bis zum Zeitpunkt seiner Abreise nach Deutschland tat er so, als wäre sie am Leben. Wohl auch um es selbst zu bleiben, zumindest gedanklich. Jeden Tag ging er zu ihrem Grab, sprach mit ihr, aß dort. Rafaat schien diese Vorstellung aus der Ferne innerlich umzubringen.

Gebrochen ist daher auch er. Nur über gelegentliche Telefonate konnte er am Leid des Vaters Anteil nehmen. Wieder ist da diese lähmende Abhängigkeit von Behörden, dem Feind. Eine gute Bekannte der Familie in Berlin, die sie seit ihrer Ankunft immer wieder unterstützt, schickte unermüdlich Briefe ans Parlament – bis die Bitten nun gehört wurden.

Vor wenigen Tagen kamen er, Loris und die beiden Kinder, Teresa und Josef, aus Saarbrücken zurück, wo sie bei seiner Mutter zu Besuch waren und den Vater in Empfang nehmen konnten. Die Trauer in den Augen ist fast verschwunden. Ihr erster Urlaub sozusagen und dann gleich so ein großes Fest, die Wiedersehensfreude stieg ins Unermessliche. Da liefen Tränen. Der tot geglaubte, fast schon surreal scheinende Wunsch, ging nun endlich in Erfüllung. Unzählige Fotos wurden gemacht, um diese besonderen Stunden und Tage für immer festzuhalten.

Zusammen konnten sie bei einer Trauerfeier Abschied von der Schwester nehmen. Dem Vater fiel das besonders schwer. Noch immer macht er sich Vorwürfe, sie zurückgelassen zu haben. Doch hätte er es nicht nach Deutschland geschafft, wäre wohl auch er schnell zugrunde gegangen. Das alles sind Realitäten, die man nicht gegeneinander aufwiegen kann. Und trotzdem muss jeder Einzelne von ihnen für sich versuchen, mit all dem umzugehen.

„Haben keine Zeit, ständig zu hadern“

Das Wiedersehen in Saarbrücken war nun auch der Versuch, mit Dingen abzuschließen und einander zu motivieren, weiter nach vorne zu schauen. „Wir haben keine Zeit, ständig zu zweifeln und zu hadern“, sagt Loris Alaya. Rafaat, sagt sie, falle das noch sehr schwer. Sie hofft, dass auch er nun mehr das gemeinsame, ja eigentlich das einzige Ziel der jungen Familie, verfolgen kann: sich weiter ein Leben aufzubauen.

Sich eine eigene Lebenswirklichkeit zu erschaffen, ist ihnen in Berlin in den vergangenen anderthalb Jahren doch sehr gut gelungen. Ihre zweijährige Tochter spricht gutes Deutsch und mag es, in den Kindergarten zu gehen. Sie ist ein liebenswertes Kind, das sich mit Hingabe und Selbstlosigkeit um andere kümmert. Wer sie hat aufwachsen sehen, weiß, dass Teresa zu einem richtigen Persönchen geworden ist. Die 24-jährige Loris spricht mit ihr Arabisch, Englisch, manchmal auch Französisch. „Ich möchte ihr den Zugang zu Sprachen ermöglichen – was sie schon mal gehört hat, wird ihr später leichter fallen, zu lernen, wenn sie es will.“

Und auch ihr zweites Kind Josef, fast sieben Monate alt, macht Fortschritte. Mittlerweile sieht man die Zugehörigkeit zur Familie auch bei ihm sofort. Die großen, wachen, treuen Augen mit den dichten Wimpern. Die ausgeprägte Nase des Vaters, die großen Ohren. Ein gut gelauntes Baby ist er. „Die beiden wachsen in einem für uns eigentlich fremden Land auf, an das wir uns immer mehr gewöhnen. Für sie aber ist es das nicht, sie kennen nur das hier, wo sie aufwachsen“, sagt Loris. Das beginnt schon beim Essen. Wurst und Käse zum Frühstück, kein Fladenbrot mit Satah.

Noch immer leben sie in ihrer kleinen Wohnung im Westen der Stadt. Mittlerweile haben sie ein Leben, das funktioniert, findet Loris. Darauf ist sie stolz. Natürlich hat es nichts mit damals zu tun, als zu Hause in Syrien noch alles friedlich für sie war. Als Rafaat Auto fuhr, einen Job hatte und sie studierte. Als sie frisch verheiratet waren und in ein Haus zogen. In Berlin fährt er höchstens Rad und muss noch immer Sprachtests bestehen, um irgendwann seinen Beruf als Zahnarzt ausüben zu können. Während Loris sich weiter vor allem um die Kinder kümmert.

Eltern Anfang 20, die hier noch oft umdenken müssen

Zwischen all dem Erlebten vergisst man immer wieder, wie jung die beiden eigentlich noch sind. Dass auch sie, wie andere mit Anfang 20, in Teilen noch erwachsen werden, sich selbst finden müssen, manchmal zweifeln und überfordert sind. Auch davon, sich von den eigenen Eltern zu emanzipieren, was sie so oder so mussten. Heute, sagt Loris, ist sie fast froh, dass sie schon früh selbstbestimmt und unabhängig leben. „Wir sind die Basis, und zwar nur wir, niemand ist da, der sich einmischen kann.“ In Syrien wäre das wohl anders gewesen.

Sie scheinen ihr Selbstbewusstsein zurückzuhaben. Loris und Rafaat Alaya bleiben wissbegierig. Vor allem aber sind sie geduldig und nachsichtig. Mit sich und Mitmenschen. Manchmal, wenn sie Fremden begegnen, die spürbar ein Problem mit ihnen haben, weil sie Flüchtlinge sind, blocken sie diese Energien einfach. „Das sind nur ein paar von so vielen anderen, denen wir bislang begegnet sind“, sagt Loris nachsichtig. Der Rest, das betont sie immer wieder, haben ihnen bedingungslos geholfen. Der Glaube an das Gute begleitet sie.

In Syrien lief das Putzen ganz anders. Und Strom gab es nur selten

Nun kann es immer mehr um den Feinschliff im Alltag gehen. Und das fängt beim Putzen an, sagt Loris. Natürlich hat sie das die ganze Zeit getan, jetzt aber auch den Kopf dafür, alle Details darüber kennenzulernen. Was genau sie damit meint, versteht man erst, wenn man weiß, wie ein durchschnittlicher Haushaltsputz in Syrien funktionierte: Mit einem Schlauch Wasser haben sie über den Steinboden im Haus gespritzt, die Wärme von draußen hat die Flächen von alleine getrocknet.

Hier dagegen, mit Dielen gibt es verschiedenste Mittel für etliche Oberflächen. „In Syrien hatten wir außerdem über Jahre nur selten Elektrizität. Wir hatten uns damit arrangiert und die Wäsche mit der Hand, nie in einer Maschine gewaschen.“

Jetzt, wo die Grundzüge und Grundlagen alle im Lot scheinen, bleibt Zeit, um sich um vermeintliche Lappalien zu kümmern. Die am Ende aber ein „ganz normales Leben“ ausmachen, das sie irgendwann ohne Einschränkungen, ohne zu hadern so gerne führen wollen.

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