Grundschule in Berlin

Schüler ekeln sich vor den Klos - und trinken nichts mehr

Eltern klagen über schmutzige Räume und mangelnde Sauberkeit in den Toiletten. Reinigungsfirmen erfüllen die Vorgaben nicht.

Boris Gesillon, Nicole Hoefer, Uta Lucas und Heiko Heublein (v.l.) beschweren sich über unhaltbare Zustände an Judith-Kerr-Schule für ihre Kinder

Boris Gesillon, Nicole Hoefer, Uta Lucas und Heiko Heublein (v.l.) beschweren sich über unhaltbare Zustände an Judith-Kerr-Schule für ihre Kinder

Foto: joerg Krauthoefer

Mit einem verzweifelten Hilferuf haben sich Eltern der Judith-Kerr-Grundschule in Schmargendorf nun an die Öffentlichkeit gewandt. Grund ist der „katastrophalen Hygiene- und Sauberkeitszustand“ der Schule, schreiben die Eltern in ihrem offenen Brief an die Bezirks- und Senatsverwaltung. Vorausgegangen waren monatelange Bemühungen der Gesamtelternvertretung gemeinsam mit der Schulleitung und dem Hausmeister, den Zustand vor Ort zu verbessern.

Beinahe täglich finden Begehungen statt. Die Mängel in den Klassenräumen und Toiletten werden dabei dokumentiert und an die Reinigungsfirma weitergeleitet. Auch die Bezirksverwaltung hatte sich schon eingeschaltet und die Firma abgemahnt, bestätigte der zuständige Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne).

Doch eine dauerhafte Besserung blieb bisher aus. Außer den Böden würden weder Tische noch Türen oder Fensterbänke bereinigt, obwohl das vertraglich vorgesehen ist. In einigen Klassen hätten Eltern-Putzdienste die Reinigung der Klassenräume übernommen, weil der Schulalltag sonst für Lehrer und Schüler nicht zumutbar wäre, heißt es in dem Brief.

„Viele Schüler vermeiden es, die Toiletten zu benutzen“

„Es gibt viele Schüler, die vermeiden, die Toiletten zu benutzen, weil sie so schmutzig sind“, sagte Nicole Hoefer, die Mutter eines Zweitklässlers. Die Kinder würden sogar darauf verzichten, zu trinken, um den Tag ohne Toilettengang zu überstehen. „Das ist ungesund und unwürdig“, sagte Nicole Hoefer. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei der deutsch-französischen Europa-Schule um eine gebundene Ganztagsschule handelt, in der alle Kinder verbindlich bis 16 Uhr bleiben.

Nicole Hoefer ist überzeugt, dass die Reinigungskraft die vertraglichen Vorgaben in der zur Verfügung stehenden Zeit gar nicht erfüllen kann. Fünf Minuten stünde der Mitarbeiterin pro Klassenraum oder Toilettenraum zur Verfügung. Das reiche gerade, um oberflächlich den Boden zu wischen.

Das Problem an der Judith-Kerr-Grundschule ist kein Einzelfall. Immer wieder berichten Eltern, dass sie selbst Putzdienste übernehmen, weil die Reinigungskräfte nicht hinterherkommen. Das bestätigt auch die Senatsverwaltung für Bildung, wo ähnliche Beschwerden auflaufen. „Es kann nicht sein, dass die Eltern Reinigungsleistungen für bezahlte Firmen erbringen“, sagte Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), der Berliner Morgenpost. Die Vergabe der Reinigungsverträge und die Kontrolle sei allerdings Sache der Bezirksverwaltungen.

Experten fordern eine andere Vergabepraxis

Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses, macht vor allem die Vergabepraxis bei den Ausschreibungen für den schlechten Zustand vieler Schulen verantwortlich. „Die Bezirke sind gehalten, den günstigsten Anbieter auszuwählen, doch die könnten häufig die Vorgaben für den von ihnen kalkulierten Preis gar nicht erfüllen. „Wir kennen Fälle, in denen Reinigungskräfte unbezahlte Überstunden machen oder noch Familienangehörige mit einspannen, um die Schule überhaupt sauber zu bekommen“, sagte Heise. In anderen Fällen bleibe der Dreck liegen.

Zwar habe der Bezirk die Möglichkeit, Vertragsstrafen zu verhängen, wenn die Leistungen nicht erbracht werden, doch häufig würden die Bezirksmitarbeiter bei der Menge der Beschwerden mit den Mahnungen nicht hinterherkommen, sagte Heise. Im Bezirk Lichtenberg beispielsweise sei das ebenfalls ein Dauerthema. Es gebe aber auch Bezirke, in denen es gut klappe.

Aus Sicht des Landeselternausschusses müsste die Vergabepraxis verändert werden, ähnlich wie bei den Essensanbietern. Jahrelang hatten sich die Schulcaterer gegenseitig bei den Ausschreibungen unterboten, bis sie die Qualitätsstandards nicht mehr einhalten konnten. Seit der Reform der Ausschreibungen gibt es beim Schulessen einen vom Land vorgeschriebenen Festpreis pro Portion.

Nicole Hoefer von der Judith-Kerr-Grundschule ist überzeugt, dass auch die Standards verbessert werden müssen. „In einer Ganztagsschule mit mehr als 400 Kindern reicht es nicht, einmal am Tag die Toiletten zu wischen“, sagte die Mutter. Auch die bildungspolitische Sprecherin der CDU, Hildegard Bentele, forderte eine Reform der Vergabepraxis bei den Reinigungsfirmen.