Berlin

Jugendämter, Kliniken und Ärzte kooperieren bei Kinderschutz

Kinderschutzambulanzen ziehen eine Bilanz des ersten Jahres: Es gibt 366 Verdachtsfälle, fast jeder dritte wurde bestätigt.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will Berliner Kindern besser helfen

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will Berliner Kindern besser helfen

Foto: dpa Picture-Alliance / Fabian Stoffer / picture alliance / Fabian Stoffe

Immer wieder werden Kinder geschlagen, verbrüht, vergewaltigt – oder es kümmert sich niemand um sie. Bei 14.400 Kindern in Berlin bestand 2015 ein Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch. Seit Jahren steigt diese Zahl. Umso dringlicher erscheint die Verbesserung des Kinderschutzes. Einen wichtigen Baustein bilden dabei die fünf Berliner Kinderschutzambulanzen, die vor einem Jahr ihre Arbeit aufgenommen haben. Nach einer ersten Bilanz wurden zwischen April 2016 und März 2017 in 366 Verdachtsfällen die Kinderschutzambulanzen aufgesucht, in 29 Prozent der Fälle wurde der Verdacht bestätigt, bei knapp der Hälfte der Kinder konnte eine Gefährdung zumindest nicht ausgeschlossen werden.

Die Ambulanzen sind an der Charité in Mitte, am Vivantes Klinikum Neukölln, am Helios-Klinikum Buch, am DRK-Klinikum Charlottenburg sowie am St. Joseph Krankenhaus Tempelhof angedockt. „Mit der Einrichtung der Kinderschutzambulanzen haben wir es geschafft, dass Jugendämter, Kliniken und Ärzte enger im Bereich des Kinderschutzes zusammenarbeiten“, sagte Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) bei der Vorstellung der Bilanz am Montag. Es könne jetzt schneller geklärt werden, ob ein Kinderschutzfall vorliege. „Dieser Baustein hat vorher gefehlt“, so Scheeres.

Das Projekt trägt sie gemeinsam mit Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) und Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Die drei Ressorts teilen sich auch die Finanzierung. Im ersten Jahr wurden aus den Ressorts zusammen 650.000 Euro zur Verfügung gestellt. Kolat kündigte am Montag an, dass die Arbeit der Ambulanzen auch über die zweijährige Anfangsphase hinaus fortgesetzt werden soll.

Die Hälfte der Überweisungen an die Kinderschutzambulanzen erfolgte durch die Jugendämter, 22 Prozent kamen über die Kliniken, elf Prozent durch niedergelassene Ärzte. Bei 52 Prozent bestand ein Verdacht auf körperliche Misshandlung, bei 18 Prozent auf sexualisierte Gewalt. „In 87 Fällen wurde die Gewaltschutzambulanz der Charité hinzugezogen“, sagte Behrendt am Montag. Häufig sei eine eindeutige Aussage aber nicht möglich, weil die Verletzungen zu unspezifisch seien oder Kinder zu spät vorgestellt würden.

Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten weiter auszubauen, um schneller reagieren zu können. Positiv sieht Matthias Brockstedt, ärztlicher Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes Mitte, dabei, „dass wir bei den Eltern nicht so stigmatisiert sind“, gegenüber den Jugendämtern hätten Mütter und Väter hingegen oft Berührungsängste. Er sieht auch Bedarf für einen sechsten Standort in der Kinderklinik Lindenhof in Lichtenberg. Der Bedarf sei da, er schätzt, dass die Zahl der vorgestellten Fälle auf mindestens 500 ansteigen werde.