Berlin

Anwohner am Flüchtlingsheim sorgen sich vor Übergriffen

Nachbarn und Bewohner des Flüchtlingsheims am Fehrbelliner Platz reden über den Gewaltausbruch.

Drei der fünf Angreifer leben im Flüchtlingsheim im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf

Drei der fünf Angreifer leben im Flüchtlingsheim im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

„Wenn mir im Dunkeln eine große Gruppe junger Männer auf dem Bürgersteig entgegenkommt, wechsele ich die Straßenseite“, sagt Margarita O. Vor 16 Jahren hat sie ihre Heimat Bulgarien verlassen und lebt in Berlin. Die 73-jährige Rentnerin ist am Freitagmittag auf dem Weg zum Einkauf am Fehrbelliner Platz. Von dem Vorfall am vergangenen Dienstagabend dort habe sie gehört, sie selber habe solche Erfahrungen noch nicht machen müssen. Andere Anwohner, auch eine junge Frau, berichteten in der RBB-„Abendschau“, sie seien am Fehrbelliner Platz bedrängt oder sexuell belästigt worden.

Der Vorfall, von dem Margarita O. spricht, beschäftigt die Menschen im Wilmersdorfer Kiez: Fünf junge Männer pöbeln am 2. Mai gegen 22.40 Uhr Fahrgäste in der U-Bahn an, treten gegen Türen und Bänke. Sie verlassen die U-Bahn am Fehrbelliner Platz, kurz darauf stößt einer der jungen Männer eine Frau von ihrem Fahrrad. Sie stürzt auf die Straße und verletzt sich.

Der Täter ging weiter, seine Begleiter halfen dem Opfer

In der RBB-„Abendschau“ schilderte die 49 Jahre alte Berlinerin am Mittwoch ihre Ängste, aber auch ihre „große Wut, dass so etwas möglich ist“. Während der 20 Jahre alte Täter nach dem Zwischenfall einfach weitergegangen sei, seien die anderen geblieben und hätten sie gefragt, ob sie verletzt sei. Zudem hätten sie das Fahrrad von der Straße geholt, bevor sie sich in Richtung des Flüchtlingsheims im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf entfernt hätten.

Wenig später konnte die Polizei die fünf Männer dort festnehmen. Sie alle sind Flüchtlinge aus Afghanistan und sind der Polizei bekannt. Drei wohnen im ehemaligen Rathaus, die anderen beiden in einer anderen Unterkunft. „Wegen begangener Rohheitsdelikte wird bereits gegen sie ermittelt“, bestätigte ein Polizeisprecher ohne konkrete Angaben zu machen. Unter Rohheitsdelikte fallen Bedrohung und Raub ebenso wie Körperverletzung und Misshandlung. Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen und die Unterlagen noch nicht bei der Staatsanwaltschaft. Wann es zu einer Anklage kommt ist ungewiss.

So leben Flüchtlinge in Berlin

Dass Bewohner des Flüchtlingsheims im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf andere Menschen auf der Straße angegriffen hätten, sei ihm fremd, sagt Anwohner Freimut Uhlig. Was er kritisiert: „Die Leute werfen ihren Abfall und ihre Kippen einfach aus dem Fenster auf den Rasen und die Straße.“ Auch andere Nachbarn und Passanten bekunden, der Fehrbelliner Platz und die angrenzenden Nebenstraßen hätten sich seit der Eröffnung der Flüchtlingsunterkunft keinesfalls in eine No-go-Area verwandelt – auch nach dem brutalen Übergriff auf eine Radfahrerin am Dienstag nicht.

„Bislang haben sich alle Flüchtlinge, die in meinem Geschäft eingekauft haben, sehr anständig benommen“, sagte Nadeshda Bekker. Sie betreibt auf der Zwischenebene des U-Bahnhofes Fehrbelliner Platz einen Lebensmittelladen mit russischen Spezialitäten. „Wenn syrische Familien mit ihren Kindern in den Laden kommen, stürzen sich die Kinder sofort auf die Süßigkeiten. Da reichen zwei Sätze von den Eltern und die Kleinen stehen stramm wie die Soldaten.“ Die Ladeninhaberin kam 1993 aus Sibirien nach Berlin. „Nur wenn ich nach Feierabend oben auf der Straße warte, bis ich abgeholt werde, fühle ich mich nicht besonders sicher“, räumte sie ein.

Appell an die Anwohner zum direkten Kontakt

Holger Michel organisiert die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer in der Notunterkunft. Er betonte, dass sie noch nie zuvor mit einem solchen Fall konfrontiert worden seien. Es habe auch bislang keine Beschwerden von Anwohnern wegen sexueller Belästigungen oder Bedrohungen gegeben. Daher sei er über die in Medien geäußerten Vorwürfe erstaunt. Die Kontaktdaten der Heimleitung, des an allen sieben Wochentagen besetzten Helferbüros sowie seine eigene Handynummer seien an die Anwohner weitergegeben worden und würden an der Unterkunft aushängen, erläuterte Michel.

Er appellierte an die Anwohner, diesen Weg des direkten Kontakts zu nutzen. Bisherige Beschwerden hätten ausschließlich Müll auf der Straße betroffen, der werde dann umgehend von Bewohnern der Unterkunft beseitigt.

Betreuer kennen die Namen der Randalierer nicht

Weder die Heimleitung noch die Freiwilligen wüssten, wer die drei afghani­schen Flüchtlinge sind, die in die Vorfälle verwickelt waren. Aus Datenschutzgründen gebe die Polizei die Namen nicht heraus. „Wir würden sehr gerne ein Auge auf sie haben und mit ihnen reden“, sagte Michel der Berliner Morgenpost. Die Vorfälle würden die Heimbewohner sehr beschäftigen. Viele seien verärgert, weil sie sich erneut pauschal an den Pranger gestellt sehen.

Drei Menschen würden eine ganze Unterkunft in Verruf bringen, so laute der Tenor. In der Notunterkunft im ehemaligen Rathaus leben derzeit rund 950 Menschen. Es seien dort mehr Familien als alleinreisende Männer untergebracht, sagte der Freiwilligen-Koordinator.

Flüchtlinge müssen zu lange in Notunterkünften bleiben

Auch Philipp Bertram, ehemals stellvertretender Heimleiter und heute Abgeordneter der Linken, spricht von einem Einzelfall, aus dem man keine generellen Schlussfolgerungen ziehen könne. Er wolle den Vorfall keinesfalls entschuldigen, aber man solle auch die Situation der Flüchtlinge in Notunterkünften betrachten. Mehr und mehr Menschen bräuchten psychologische Betreuung, weil sie über einen viel zu langen Zeitraum ohne erkennbare Perspektive mit mehreren anderen auf engem Raum zusammenleben müssten. Daher müssten die Notunterkünfte so schnell wie möglich geschlossen werden. Dafür sei aber notwendig, zunächst Kapazitäten in besseren Unterkünften wie den Modularbauten oder den Containerquartieren zu schaffen.

Er sei erschüttert gewesen, als er von dem Vorfall mit den fünf Flüchtlingen am Fehrbelliner Platz gelesen habe, sagte Thomas de Vachroi der Berliner Morgenpost. Er hatte die Notunterkunft für Flüchtlinge im früheren Rathaus bis Anfang des vergangenen Jahres geleitet. „Das gab es zu meiner Zeit nicht, die jungen Männer waren friedlich“, so de Vachroi weiter. Ab und zu sei zwar Alkohol getrunken worden, aber das habe nicht zu Gewalt geführt. De Vachroi leitet inzwischen das Haus Britz der Diakonie, eine Wohnanlage für Menschen mit Handicap.

Er warnte davor, die jungen Flüchtlinge allein zu lassen. „Dann könnte das jetzige Phänomen zu einem größeren Problem werden. Man muss ihnen die Chance geben, unsere Kultur zu erlernen. Integrations- und Kommunikationsprogramme für die Jugendlichen sind ganz wichtig, und das funktioniert auch“, sagte de Vachroi. In jeder Flüchtlingseinrichtung sollte ein Begegnungscafé eingerichtet werden, das von den Bewohnern selbst geführt wird. „Das wäre wichtig, um die Bevölkerung einzubinden, um eine Anlaufstelle zur Kommunikation zu haben“, erklärte er.

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