Putzaktionen

Wie Berlin sich für den Frühling fein macht

Anfang Mai nehmen Anwohner Kehrbesen, Harken und Schaufeln in die Hände. Für „Wir machen“ setzen sie sich für eine saubere Stadt ein.

Schulleiter Matthias Meyer mit Schülern beim Aufräumen im Stadtpark Steglitz

Schulleiter Matthias Meyer mit Schülern beim Aufräumen im Stadtpark Steglitz

Foto: Reto Klar

Sie rüsten sich mit Handschuhen, Schaufeln und Mülltüten. Sie kehren die Gehwege, sammeln Abfälle in Grünanlagen und auf der Straße ein. Sie pflanzen Blumen und streichen Zäune. In mehr als 240 Projekten setzen sich Bürger stadtweit im Rahmen der Aktionstage "Wir Berlin" in diesem Jahr am 5. und 6. Mai für eine schönere Hauptstadt ein. Kiezbewohner, Schulkinder, Nachbarschaftsvereine packen gemeinsam an, um ihre Umgebung sauber und fit für die warme Jahreszeit zu machen. Auf diesen Seiten stellen wir einige vor. Einige sind das ganze Jahr über damit beschäftigt, ihren Kiez sauber zu halten. Am heikelsten sind die Sommermonate. "Wenn es draußen schön und sonnig wird, dann sind Parks und öffentliche Plätze oft schon nach kurzer Zeit schmutzig und vermüllt", sagt Beate Ernst. "Wir wollen zeigen, dass Berlin auch anders aussehen kann."

Zum siebten Mal organisiert Ernst mit dem Verein "Wir Berlin" die Aktionstage. Ausgestattet sind die Helfer mit orangefarbenen Westen und Müllsäcken von der Berliner Stadtreinigung (BSR), die an den beiden Tagen Sonderschichten schieben und den gesammelten Müll abtransportieren. "Ein sauberes Berlin ist nur gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern möglich", sagt BSR-Sprecher Sebastian Harnisch.

Müll ist ein Dauerproblem. Berlin wächst – und mit der Zahl der Einwohner auch das Abfallaufkommen. Mehr Menschen hinterlassen auf Berlins Straßen und in öffentlichen Parks mehr Spuren. Essensreste, Tüten, Plastikflaschen, Zigarettenstummel bleiben an Parkbänken und Bushaltestellen zurück. Auf Wiesen und auf Gehwegen liegen Hundehäufchen.

Manchmal stehen an der Straße herrenlose Sofas oder Fernseher, für die offenbar niemand den Sperrmülldienst beauftragt hat: illegale Müllablagerungen, laut BSR oft in entlegenen Gegenden, "durch unseriöse Entrümpler oder verantwortungslose Gewerbetreibende verursacht", so BSR-Sprecher Harnisch. Grünflächenämter und Reinigungsbetriebe kümmern sich. In den schmutzigsten Straßen wird zehnmal pro Woche gereinigt, dazu gehört zum Beispiel die Hermannstraße in Neukölln. Doch auch der Kudamm als Aushängeschild Berlins wird so oft geputzt. Parkanlagen werden regelmäßig von Schmutz befreit, Hecken geschnitten, frische Blumen gepflanzt.

Doch manchmal sind öffentliche Plätze in kürzester Zeit wieder vermüllt. Im Preußenpark am Fehrbelliner Platz in Wilmersdorf findet einmal in der Woche ein Thai-Markt statt. "Danach ist es dort erst einmal schmutzig", sagt Beate Ernst. Essensreste, Servietten und Glasscherben liegen herum. "Der öffentliche Raum hat eine andere Bedeutung bekommen", sagt Beate Ernst. "Die Menschen wollen feiern, Spaß haben, draußen liegen und grillen. Mit diesen Nutzungsbedürfnissen müssen wir bei der Müllentsorgung umgehen."

Seit dem Start der Aktionstage haben sich seit 2011 mehr als 40.000 Menschen an rund 1000 Projekten beteiligt. "Für uns ist das eine Erfolgsgeschichte", sagt Ernst. Bislang sind in diesem Jahr mehr als 240 Anmeldungen eingegangen. Weitere Anmeldungen sind noch möglich.

Informationen und Anmeldung unter:
www.berlinmachen.de

Wie aus alten Gläsern Kunstwerke entstehen

Müll ist eigentlich das, was Menschen nicht mehr wollen. Was in Ecken und im Straßenstaub liegen bleibt, verbraucht. Der Berliner Künstlerverein "The Glass Project" will zeigen, dass sich aus Müll auch etwas Ästhetisches gestalten lässt. Zusammen mit Moabiter Obdachlosen und sechs Gastkünstlern sammeln sie an den Aktionstagen im Kleinen Tiergarten Glasreste: Flaschen, Trinkgläser, Einmachgläser. Aus den Funden sollen Kunstwerke entstehen. Die Obdachlosen dürfen mitgestalten. "Glas kann auch durch Wegwerfen nicht schlecht werden", sagt Aleksandra Roth-Belkova. Gemeinsam mit der Künstlerin Lina Theodorou hat sie das Projekt initiiert. "Glas lässt sich schmelzen, schneiden, im Ofen brennen, bemalen." Die Aktion ist eine Kooperation mit dem Obdachlosenwohnheim an der Lübecker Straße. Die Unterkunft liegt wenige Schritte vom Platz entfernt. 70 Menschen wohnen in den Zimmern. Nach dem Frühstück zieht es viele auf den Platz. Auch zum Flaschensammeln. "Wer sein Zuhause verloren hat, der fühlt sich oft nutzlos", sagt Roth-Belkova. "Den Menschen wollen wir mit der Aktion Spaß und eine schöne Erfahrung bringen. Glas auf der Straße ist nicht wertlos, sondern in einem anderen Zustand. Wir wollen zeigen, dass der sich auch überwinden lässt." Heimleiterin Evelin Brand verteilt in diesen Tagen Flyer unter den Bewohnern, um sie zur Aktion einzuladen. "Viele zeigten sich überrascht, haben schon zugesagt", sagt sie. Die fertigen Kunstwerke sollen im Obdachlosenheim ausgestellt werden, in den Fluren und an der Frontseite des Gebäudes. "Entstehen könnten Installationen und dekorative Plättchen", sagt Roth-Belkova. Einige Kunstwerke werden in dem Haus bleiben. "Damit könnten wir neues Licht ins Zuhause der Bewohner bringen."

Engagierte Anwohner retten die Winzerin vom Bundesplatz

10 Uhr am Bundesplatz in Wilmersdorf. Der Verkehr fließt. Mittendrin teilen die Ströme der Bundesallee die Häuser in Fronten. Auf vier Fahrbahnstreifen verschwinden die Fahrzeuge im grauen Schlund des Tunnels, um wenige Meter weiter zwischen Cafés, Pelz- und Rollstuhlläden wieder an die Oberfläche gespuckt zu werden. Am Gebüsch hebt ein Hund sein Bein, der Fußgänger zerrt ihn weiter. Vorbei an Zigarettenkippen, Kronkorken und geknüllten Taschentüchern. Bundesplatz, das ist der Geruch von Teer, das Vibrieren von Motoren. Eigentlich eine Durchgangsstation.

Und doch hat sich mitten auf dem Platz so etwas wie eine Insel entwickelt, die Lärm und Straßenmüll trotzt. Auf den Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen blüht es: Tulpen, Waldmeister, Schachbrettblumen, Vergissmeinnicht sprießen aus dem mit Rechen aufgelockerten Boden. Zwischen geschnittenen Hecken hüpfen Sperlinge und Amseln über die fein gesäuberte Erde. Das Werk der Bürgerinitiative Bundesplatz. "18 Pflanzenarten habe ich gezählt, die heute blühen", sagt Margarete Goldberg, die am Morgen über das Areal spaziert ist. Mit der Initiative kümmert sich die Berlinerin seit sechs Jahren um die Verschönerung der Grünanlage.

Einmal im Monat packen Nachbarn hier Schubkarren und Schaufeln zusammen, um Erde zu harken, Pflanzen zu setzen, Steinfließen zu kehren und Müll von den Flächen zu sammeln. Zwischen den Hecken liegen Plastikflaschen und Kaffeebecher. "Manchmal finden wir auch Spritzen", sagt Wolfgang Severin, Mitgründer der Initiative. "Wenn wir diese Reste nicht immer wieder sammeln würden, dann sähe es hier schlimm aus." Severin wohnt seit 20 Jahren hier, wenige Meter vom Platz. Angefangen hat es mit der Initiative, als die Marmorskulptur der Winzerin vom Platz verschwinden sollte, an einen Ort, wo sie "besser zur Geltung käme", so das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. "Konnte ich verstehen, zu so einem Müllplatz passte sie natürlich nicht", sagt Severin. "Eine No-go-Area war das damals." Entlang der Bundesallee zog sich eine zwei Meter hohe Mauer. "Alles was sich in einer Großstadt abspielt und man lieber nicht sehen möchte, konzentrierte sich dahinter." Die Stadt ließ zwar regelmäßig säubern, doch es genügte nicht.

Severin verhandelte mit Grünflächenamt und BSR. Zusammen mit einem Dutzend anderer Berliner schleppte er schließlich die Mauersteine vom Platz setzte Blumen, räumte den Müll fort. Inzwischen ist die Initiative auf 220 Teilnehmer angewachsen. Die Winzerin blieb. In Zukunft könnte es sogar ruhiger werden am Platz: Der Senat beschloss, das Tempo auf 30 zu limitieren.

Auf blühende Nachbarschaft: Gemeinsames Blumenpflanzen

Hinter den Häusern der Hofackerzeile in Charlottenburg blüht und grünt es. Mehr als ein Dutzend Mieter aus der Paul-Hertz-Siedlung graben mit Schaufeln in der Erde, setzen Dahlien, Zwerg-Canna, Königslilien, winterharte Herbstastern und weißen Sommerflieder in die Beete. Die siebenjährige Dama gießt mit dem Schlauch die frisch gesetzten Lilien. Unterm Zelt brutzeln Würstchen auf dem Grill.

An diesem Nachmittag machen Mieter aus den Wohnhäusern in der Nachbarschaft gemeinsam die Beete und Vorgärten fit für den Sommer. Mit Schaufeln, Wasserschlauch und Gartenkrallen ziehen sie vor die Häuser, um frische Erde auf dem Boden zu verteilen und die Anlage wieder in ein gemeinsam genutztes Resort vor der Haustüre zu verwandeln. "Bei unseren Pflanzaktionen kommen die Nachbarn mal wieder alle zusammen", sagt Mieterin Christiane Artelt, sticht Erde aus und macht so Platz für zartblaue Hortensien. "Auf dem Rasen legen wir kleine Oasen an, die wir gemeinsam nutzen können."

Jedes Jahr zweimal treffen sich die Mieter hier zum Pflanzen. "Mieter kommen und gehen in diesem Viertel", sagt Peter Krug vom Mieterbeirat. "Solche Aktionen bringen die Bewohner enger zusammen." Gemeinsam mit dem Wohnungsunternehmen Gewobag und dem Stadtteilzentrum von Charlottenburg-Nord kümmern sich die Mieter jedes Jahr um frische Bepflanzung, in der Siedlung hat sich inzwischen eine eigene AG zur Pflege der Beete gebildet.

Nicht die einzige Pflanzaktion von Mietern. Unter dem Motto "Gemeinsam für einen schönen Kiez" gärtnern Berliner auch in Kreuzberg und Spandau. So werden zum Aktionstag Anwohner zwischen Kemmannweg und Seegefelder Straße in Spandau Lavendel, Sommerflieder und Azaleen setzen.

"Die Kiez-Hühner waren Kult im Stadtpark von Steglitz"

"Guckt mal, was ich gefunden habe!" Gabi (7) harkt gerade mit ihren Mitschülern im Vorgarten ihrer Grundschule am Stadtpark Steglitz. Ihre Klassenkameraden rechen den Boden, klauben Laub zusammen. Mit der Hand hält die Erstklässlerin eine Plastikschale in die Luft. Irgendwo hinter Gras und Sträuchern muss sie versteckt gelegen haben. Jetzt kommt sie ans Licht, mit ein paar Krümeln Erde benetzt. Die Schüler am Stadtpark Steglitz machen Frühjahrsputz. "Wir wollen das Grundstück einmal ganz sauber machen", sagt Schulleiter Matthias Meyer. Sauber von Resten, von einer anderen Zeit.

Bislang hat sich der Hausmeister um den Vorgarten der Grundschule gekümmert: Über 30 Jahre hatte er im Erdgeschoss seine Wohnung. An der Vorderseite pflegte er den Garten, mit Blick auf den Markusplatz. Dort pflegte er die Blumen und einen kleinen Teich. In einem Schober hatte er Hühner untergebracht, die jeden Sommer durch den Zaun auf den Platz spazierten und abends zum Schlafen wieder auf das Schulgelände zurückkamen. Doch damit ist nun Schluss. In diesen Wochen zieht der Hausmeister aus, mit ihm auch die Blumenkübel und die Hühner. "Kiezhühner waren das", sagt Schulleiter Matthias Meyer. "Die waren richtig Kult in unserem Viertel." Mit dem Umzug ist es ruhiger geworden. "Nun ist da plötzlich ganz viel Fläche frei", so Meyer. "Die würden wir gerne mit unserem Kiez gemeinsam neu gestalten und in diesen schönen Platz integrieren."

Gegenüber am Markusplatz sprießen die ersten Blumen. Spaziergänger sitzen auf den Bänken. "Ein Traum ist das mit all den Tulpen", sagt Meyer. "Die Bewohner sind gerne auf diesem Platz, setzen sich raus in unser Café." An den Aktionstagen soll der Vorgarten der Schule darum herausgeputzt, der Boden geebnet und geharkt, totes Laub entfernt, der Drahtzaun zur Straße abgerissen und entsorgt werden. "Wenn wir fertig sind, dann wollen wir gemeinsam überlegen, wie wir das Gelände zusammen mit den Bewohnern neu nutzen können", sagt Meyer.

Die Schule unterhält enge Beziehungen zur Initiative Markusgarten. Jedes Jahr sind hier Bürger aus der Nachbarschaft mit Schaufel und Harken auf dem Parkgelände unterwegs, räumen auf, pflanzen Blumen, rechen den Boden. "Die Initiative hat schon viel Erfahrung", so Meyer. "Sie unterstützt uns sehr." Am Aktionstag sind Schüler, Eltern und Anwohner eingeladen, beim Saubermachen im Schulgarten mitzuhelfen, aber auch Ideen einzubringen. Eine erste Klasse, mehrere Lehrkräfte und Eltern haben sich angemeldet. Nach den Aktionstagen sind Verhandlungen mit Schulamt, Denkmalschutz und Grünflächenamt geplant. Ziel ist ein gemeinsames Planungskonzept. "Und das soll auch den Bewohnern des Kiezes gefallen", sagt Meyer.

"In unserem Kiez halten die Bewohner eng zusammen"

Der Frühjahrsputz im Vorgarten hat für ihn auch eine symbolische Bedeutung. Die Grundschule am Stadtpark Steglitz war vor wenigen Jahren noch geteilt: Markus- und Hünfeld-Grundschule, beide im selben Gebäude, wurden 2013 zusammengeführt. Die Mauern zwischen Ost- und Westflügel wurden eingerissen, Räume saniert. "In unserer Grundschule wollen wir weiter zusammenwachsen", sagt Meyer. "In diesem Kiez halten die Bewohner eng zusammen."

Noch steht nicht fest, wie es mit dem Vorgarten weitergeht. Fragt man Schülerin Gabi, was sie gerne auf dem Grundstück hätte, dann antwortet sie: "Pferde". Und ein bisschen tierischer könnte es hier tatsächlich wieder werden. "Viele haben uns schon gefragt, ob die Hühner zurückkommen", berichtet Meyer. "Wer weiß, vielleicht schaffen wir uns wieder einen Schober an."

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