Tag der Arbeit

Aufschwung: Berliner Arbeitnehmer verdienen mehr Geld

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Joachim Fahrun
Nur noch 15.000 Berliner (minus 71 Prozent) verdienten für rund 40 Stunden Wochenarbeitszeit im Monat brutto weniger als 1000 Euro

Nur noch 15.000 Berliner (minus 71 Prozent) verdienten für rund 40 Stunden Wochenarbeitszeit im Monat brutto weniger als 1000 Euro

Foto: Paul Zinken / dpa

Unternehmensverbände: Der Trend geht zu immer höherwertigen Arbeitsplätzen. Niedriglöhne sind dagegen auf dem Rückzug.

Berlin.  In Berlin wächst die Zahl der Arbeitnehmer, die sich hohe Mieten und teure Restaurants auch leisten können. Ein Großteil der neuen Jobs, die in den vergangenen zehn Jahren in der Hauptstadt entstanden sind, wird verhältnismäßig gut bezahlt. Entsprechend hat sich die Zahl der Beschäftigten, die am Monatsende mehr als 4000 Euro brutto auf dem Gehaltszettel stehen hatten, auf 229.000 mehr als verdoppelt. Auf Löhne zwischen 3000 und 4000 Euro kommen knapp 180.000 Berliner Arbeitnehmer – das ist ein Plus von 44 Prozent im Vergleich zu den Werten im Jahr 2005. Nahezu unverändert ist der Mittelbau. 235.000 Arbeitnehmer, ein Plus von nur drei Prozent, verdienen zwischen 2000 und 3000 Euro.

Gleichzeitig weisen die von den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg aufbereiteten Daten der Bundesagentur für Arbeit auch aus, dass zumindest für Vollzeitjobs der absolute Niedriglohn auf dem Rückzug ist. Nur noch 15.000 Berliner (minus 71 Prozent) verdienten für rund 40 Stunden Wochenarbeitszeit im Monat brutto weniger als 1000 Euro. Zwischen 1000 und 1500 Euro bekamen 46.000 Berliner Arbeitnehmer, 43 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Dafür wuchs die Gruppe derer, die zwischen 1500 und 2000 Euro erhält, um 20 Prozent auf 123.000 Personen.

Die Zahl der Teilzeitjobs ist stark gestiegen

Insgesamt machen die Zahlen aber auch deutlich, dass das Berliner Jobwunder auf einer Ausweitung der Teilzeitarbeit beruht. Von den 350.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen, die seit 2005 geschaffen wurden, sind 100.000 in Vollzeit entstanden, 20.000 in der Zeitarbeit (jetzt 33.000). Der Löwenanteil mit einem Plus von 230.000 entfällt auf die Teilzeitarbeit, die nun 440.000 Menschen ausüben. Insgesamt hat der Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre aber die Jobverluste aus der Nachwendezeit wieder ausgeglichen. Wie 1992 gibt es in Berlin etwa 1,4 Millionen sozialversicherungspflichtige Stellen. Hinzu kommen noch 143.000 Menschen, die ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung, zum Beispiel einem Minijob, nachgehen. Auch diese Gruppe wuchs über zehn Jahre um 12 Prozent.

Aus Sicht von UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck belegen die Zahlen, dass der wirtschaftliche Aufschwung der Region bei immer mehr Menschen ankomme: „Zudem gibt es einen Trend zu immer höherwertigen Arbeitsplätzen mit immer höheren Einkommen“, sagte Amsinck. Tatsächlich sind mit den Gehältern auch die Anforderungen an die Beschäftigten gestiegen. Fast jeder fünfte Arbeitnehmer gilt inzwischen als Experte, das ist die höchste Qualifikationsstufe. Diese Gruppe wuchs allein in den letzten drei Jahren um fast ein Fünftel. Auch die darunterliegenden „Spezialisten“ sind zahlreicher geworden in der Stadt, ihre Zahl wuchs um 15 Prozent. Aber auch einfache Jobs sind entstanden.

DGB: verbreitet „unfreiwillige Teilzeit“

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin-Brandenburg (DGB) teilt man die positive Einschätzung der Wirtschaftsverbände nur zum Teil. Die Beschäftigung und Einkommen hätten zugenommen, räumt der DGB ein. Allerdings gebe es verbreitet „unfreiwillige Teilzeit“, weil Branchen wie der Einzelhandel oder die Gastronomie häufig kaum volle Stellen anböten, um flexi­bler disponieren zu können. Das führe zu Altersarmut, auch weil es kein Rückkehrrecht auf eine Vollzeitstelle gebe, wenn sich die Lebenssituation geändert habe und beispielsweise Kinder aus dem Haus seien. „Dass die Niedriglöhne in Berlin zurückgegangen sind, ist unmittelbare Folge der Mindestlohneinführung im Januar 2015“, sagte DGB-Landeschefin Doro Zinke. Einkommen unter 1360 Euro für einen Vollzeitjob mit 160 Stunden im Monat seien von diesem Moment an illegal gewesen. „Die Lage ist nicht rosig“, sagte Zinke. Mehr als jeder Fünfte in Berlin müsse mit weniger als zehn Euro Stundenlohn auskommen, in Brandenburg sei es jeder Dritte.

Berlin muss weiter aufholen