Lieferdienste

Wenn Ex-Soldaten plötzlich in Berlin Pakete ausliefern

Weil der Onlinehandel boomt, suchen Paketdienste Zusteller. DHL setzt dabei auf Bundeswehrpersonal.

Die Deutsche Post will bei ihrem Zustelldienst DHL ehemalige Bundeswehrsoldaten engagieren

Die Deutsche Post will bei ihrem Zustelldienst DHL ehemalige Bundeswehrsoldaten engagieren

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Von Jutrczenka / picture alliance / dpa

Die Lage ist ernst. Angesichts der boomenden Nachfrage an Paketdienstleistungen durch den Internethandel verabredete die Deutsche Post DHL jetzt mit der Bundeswehr, ausscheidenden Heeresangehörigen den Übergang in den Lieferdienst zu ebenen. Wo Paketempfänger inzwischen bangen müssen, ob sie ihre Sendung überhaupt erhalten, verspricht sich die DHL einen Qualitätsgewinn durch das neue Personal.

Jährlich wechseln 10.000 bis 15.000 Frauen und Männer nach ihrer militärischen Dienstzeit zu zivilen Arbeitgebern. "Gerade vor dem Hintergrund des stark wachsenden Paketmarktes sind wir immer auf der Suche nach zuverlässigen, motivierten und gut qualifizierten Mitarbeitern", sagt Jürgen Gerdes, der im DHL-Vorstand für Pakete zuständig ist. Nach Unterzeichnung der Kooperation zwischen Verteidigungsministerium und DHL im März in Berlin soll es etwa in Bundeswehrveröffentlichungen Stellenangebote der DHL geben. Interessenten werden auf Messen Berufsbilder und Stellenprofile vorgestellt und zu Berufspraktika eingeladen.

Über den Mitarbeiter-Bedarf in der Hauptstadt könne man keine Zahlen nennen, so Sprecherin Sarah Preuß. Für die Bundesrepublik aber plane man, bis zum Jahr 2020 im Bereich Paketzustellung bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. "Bis 2025 könnte der Bedarf auf 20.000 Mitarbeiter steigen." Rund 103.000 Menschen sind bei der DHL mit der Zustellung von Paketen befasst. Fehlende Arbeitskräfte beklagt auch Anbieter Hermes. "Wir haben zunehmend Nachwuchssorgen", sagt Sprecher Ingo Bertram.

Für Kunden indes ist Paketversand längst zum Risiko geworden. Was oft nach Lachnummer klingt, ist für die Betroffenen oft ein Ärgernis. Joachim Krüger* aus Steglitz-Zehlendorf etwa berichtet, er habe daheim auf eine Sendung gewartet, als ein DHL-Wagen vorbeifuhr. "In diesen Minuten kam die Sendungsverfolgung im Internet mit der Meldung: Zustellung erfolglos, Empfänger nicht angetroffen. Er habe sich telefonisch beschwert, aber nur "Unschuldsbeteuerungen" erhalten. Eine erneute Zustellung des Pakets wurde für das kommende Wochenende zugesagt. "Es kam aber nie an", so Krüger. "Vom Lieferanten erfuhr ich später, das Paket sei von ihm als vermisst gemeldet worden und vier bis fünf Wochen später zurückgekommen."

Das Paket war auf dem Rückweg zum Verkäufer

Verärgert reagierte auch Stefan Meier* aus demselben Bezirk nach einer Buchbestellung. Als er in der Abhol-Filiale seine gelbe Karte vorzeigte (Überschrift: "Ihre Sendung ist da!"), sagte man ihm, sie sei auf dem Rückweg zum Händler. Denn das Paket war schon eine Woche bevor die Karte im Postkasten gelegen hatte in der Filiale eingetroffen. Die Lagerzeit war seitdem abgelaufen. "Steckte der Bote heimlich die Karte nachträglich ein?", habe er sich gefragt, so Meier.

Auf seine Beschwerde hin schrieb ihm eine DHL-Mitarbeiterin, verbunden mit einer förmlichen Entschuldigung: "In dem konkreten Fall trat der sehr seltene Umstand ein, dass der Zusteller an diesem Tag nicht ausreichend Benachrichtigungskarten an Bord hatte." Nach Zustell-Ende habe er die Benachrichtigung ausgefüllt und Meier zugesandt. Warum sie den Kunden dann am Ende erst so spät erreicht habe, "können wir uns im Nachgang auch leider nicht wirklich erklären", beteuerte die DHL-Mitarbeiterin in dem Schreiben.

Das Porto wurde zurückerstattet. Meier stornierte dennoch entnervt die Buchbestellung, erfuhr aber beim Versandhändler in Nordrhein-Westfalen, dass dieser weiterhin mit der DHL versenden werde. "Die Kunden wünschen das so, weil es etwa auf dem Land nur den Lieferanten, selten aber nahegelegene Abholstationen, etwa von Hermes gibt."

Eine aktuelle Diskussion im sozialen Netzwerk nebenan.de zeigt, dass sich in Berlin die Meinung verbreitet, die Boten seien überlastet. Alexis K. etwa schreibt: "Ich vermute da oft auch einen dermaßen großen Zeitdruck auf der Tour, dass sich die Zusteller manchmal einfach nicht mehr anders zu helfen wissen." Ein 26-jähriger Paketbote sprach gegenüber der Berliner Morgenpost von der Aggression im Alltagsgeschäft: "Ein Arzt sagte mir, ich hätte wohl in der Schule besser aufpassen sollen, dann hätte ich nicht Paketbote werden müssen."

Frischen Wind und korrektere Zustellung erhoffte man sich im Frühling 2016 in Berlin von Onlinehändler Amazon mit seinem Lieferservice Prime Now. Doch viele, die dort orderten, wurden seitdem enttäuscht. "Dass die Boten gar nicht erst bei einem klingeln, daran hat man sich ja schon gewöhnt", so eine Kundin aus Pankow. "Aber immer wieder gibt es auch keine Benachrichtigungskarte."

Erst im Internet erfuhr sie, dass ihre zwei bestellten Bücher tags zuvor bei einem Nachbarn abgegeben worden waren. "Statt eines Namens stand dort allerdings nur der Buchstabe ,E'. Das Problem: Keiner in unserem Haus hat einen Nachnamen, der mit ,E' beginnt." Nach fast zwei Wochen hatte sie dann endlich ihre Lieferung in den Händen. "E", so hatte sie endlich herausgefunden, stand für einen Laden in 500 Metern Entfernung. Dessen Branche: "E" wie "Elektrogeschäft".

Ob zumindest die DHL das Botenproblem mit Bundeswehrdisziplin meistern kann, werden zukünftige Einstellungen zeigen. Allerdings ist Eile geboten: Derzeit wächst das Paketvolumen in Deutschland jährlich in zweistelligen Raten. (*Name geändert)

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