Bildung in Berlin

Wie die Talentförderung an Schulen verbessert werden soll

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will begabte Kinder in allen Schulformen fördern. Experten sollen jetzt ein Konzept erarbeiten.

Mit großem Spaß bei der Sache: Mitglieder des Bläserensembles des Kreuzberger Leibniz-Gymnasiums

Mit großem Spaß bei der Sache: Mitglieder des Bläserensembles des Kreuzberger Leibniz-Gymnasiums

Foto: Amin Akhtar

Das Bläserensemble der Leibniz-Oberschule in Kreuzberg kann sich hören lassen und das, obwohl die meisten der rund 50 Schüler ihr Instrument erst seit der siebten Klasse spielen. Sie haben damit angefangen, als sie von der Grundschule an das Gymnasium gewechselt sind. Zu ihnen gehören Lilith, Anais und Selina aus der zehnten Klasse. "Es ist super, dass wir hier musikalisch gefördert werden", sagt Anais, die nach dem Abitur Schauspiel, Gesang und Tanz studieren will. Sie ist sich sicher, dass es ihr bei der Bewerbung hilft, wenn auf ihrem Zeugnis vermerkt wird, dass sie ein Instrument spielen kann.

Renate Krollpfeiffer, Leiterin des Leibniz-Gymnasiums, sagt, dass etwa die Hälfte ihrer 800 Schüler während des regulären Musikunterrichts ein Instrument erlernen. "Wir gehen davon aus, dass jedes Kind eine besondere Begabung hat." Neben der musischen Förderung gebe es deshalb auch Angebote für Schüler mit naturwissenschaftlichen Neigungen oder mit Interesse an Mathematik, Philosophie oder Literatur. Die Schule habe sogar eine eigene Holzwerkstatt.

Talentförderung als Teil der inklusiven Schule

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will jetzt dafür sorgen, dass sich künftig jede Schule intensiv um begabte Kinder kümmert. Sie hat den Hamburger Bildungsforscher Thomas Trautmann beauftragt, bis Ende des Jahres ein Gesamtkonzept zur Begabtenförderung zu entwickeln. Dabei soll es sowohl um Schul- und Unterrichtsentwicklung als auch um den Ausbau von Netzwerken und Kooperationen gehen sowie um die Fortbildung von Lehrern und Erziehern.

"Im Rahmen der besonderen Förderung nehmen wir alle Talente in den Blick", sagte Scheeres am Montag in der Leibniz-Schule. Dabei gehe es nicht nur um die gängigen Fächer, sondern auch um kreative und handwerkliche Potenziale. Neben den Lehrern sollten künftig verschiedene externe Partner Förderarbeit leisten. "Talentförderung führt schließlich dazu, dass die Kinder mehr Spaß am Lernen haben und dadurch ihr Selbstbewusstsein stärken."

Scheeres will eine Begabtenförderung, die sich an alle Kinder in allen Schulformen richtet. Damit seien sozial benachteiligte Schüler ebenso gemeint wie Kinder mit Handicap oder besonders leistungsstarke Jungen und Mädchen, sagte sie. Begabtenförderung sei wie auch die Unterstützung von leistungsschwachen Kindern Bestandteil der inklusiven Schule.

"Talente werden oft verkannt"

Die Schulleiterin des Leibniz-Gymnasiums unterzeichnete am Montag einen Kooperationsvertrag mit der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Deren Präsident Gerhard Banse sagte, dass es für die Schüler wichtig sei, Wissenschaftler und deren Lebenswege kennenzulernen. Auch die Lehrer würden von der Zusammenarbeit profitieren und von den Experten viele Impulse für ihren Unterricht erhalten.

Der Sprecher des Landeselternausschusses, Norman Heise, ist froh, dass jetzt Bewegung in die Begabtenförderung kommt: "Berlin ist zwar in der Förderung der Spitze mit den Eliteschulen, Schnelllernergymnasien und den Verbünden für Hochbegabte sehr gut, doch in der Breite werden Talente oft verkannt oder nicht ausreichend entwickelt", sagte er der Berliner Morgenpost. Schon in der Kita sollten die Pädagogen die besonderen Fähigkeiten jedes Kindes erkennen und an die Schulen weitergeben. Das gelte natürlich auch für den Übergang von der Grund- auf eine weiterführende Schule. Bisher gehe es meistens vor allem darum, Defizite der Kinder zu erkennen.

Laut Heise genügt es aber nicht, Talente aufzuspüren. Die Lehrer müssten auch in der Lage sein, die Kinder individuell zu ihren besten Leistungen zu bringen. Doch daran mangelt es bisher. Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der zweite Runde der Schulinspektionen haben gezeigt, dass die Lehrer kaum binnendifferenziert unterrichten. Dabei zielten gerade darauf die Reformen in der Grundschule und in der Sekundarstufe ab. In der flexiblen Schulanfangsphase sollten die Kinder einer Klasse in unterschiedlichen Geschwindigkeiten lernen können.

Und auch an den Sekundarschulen sollten die Schüler einer Klasse die Möglichkeit haben, auf verschiedenen Niveaustufen zu lernen. Nach Einschätzung der Inspektoren klappt das in der Praxis noch nicht. Elternvertreter Heise fordert deshalb für die Umsetzung eines Konzeptes zur Begabtenförderung Zeit für Fortbildungen von Lehrern und mehr Personal.

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