Berlin

Lehrer mit 72 - „Sie könnten ja mein Opa sein“

Er war schon im Ruhestand – doch die Pädagogen-Not ist groß. Jetzt steht Lehrer Helmut Helmer wieder in einem Berliner Klassenzimmer.

Helmut Helmer ist Rentner, unterrichtet mit 72 Jahren aber immer noch Mathe am Gymnasium zum Grauen Kloster

Helmut Helmer ist Rentner, unterrichtet mit 72 Jahren aber immer noch Mathe am Gymnasium zum Grauen Kloster

Foto: Ricarda Spiegel

Die Kinder staunten, als ihr neuer Mathelehrer die Klasse betrat. Ein Junge wagte sich hervor: „Wie alt sind Sie denn? Sie könnten ja mein Opa sein!“ Helmut Helmer muss noch immer lachen, wenn er an diese Begegnung vor einem Jahr denkt. Verraten, wie alt er ist, hat er der Grundschulklasse aus Kleinmachnow nicht, zumindest nicht gleich. Aber genickt hat er: Ja, der Opa könne er schon sein, schließlich hat er tatsächlich vier Enkelkinder. Erst in der letzten Stunde vor den Sommerferien hat er sich dann eine Textaufgabe ausgedacht. Die Lösung: sein Alter. Die Aufgabe war kompliziert, die Rechenergebnisse entsprechend vielfältig. „96“, rief ein Kind, wurde aber gleich von dem Rest der Klasse belehrt: „Nein, viel zu alt, dann wär er doch gar nicht mehr auf der Welt.“ „42“, schlug ein anderes Kind vor. Nein, das konnte auch nicht sein, dann wäre er ja jünger als der eigene Vater. Irgendwann kam dann das richtige Ergebnis: „71“.

Inzwischen ist Helmut Helmer 72 Jahre alt und unterrichtet noch immer. „Es ist ein toller Beruf“, sagt er. Seit letztem Sommer lehrt er am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Wilmersdorf. Acht Schulstunden Mathe gibt er dort zurzeit. In einer siebten Klasse und in zwei Grundkursen der Oberstufe. Gerade hat er mit der Schulleiterin ausgemacht, dass er auch im kommenden Schuljahr weitermacht. Vorausgesetzt, er bleibt fit und vor allem: „Ich will keinem jüngeren Kollegen einen Platz wegnehmen.“

Mathematiklehrer werden händeringend gesucht

Aber danach sieht es nicht aus. Mathematiklehrer werden händeringend gesucht. Wenn eine Lehrkraft erkrankt, gibt es an manchen Schulen über Wochen keinen Ersatz. Selbst mit Quereinsteigern ist der Bedarf nicht ausreichend zu decken. Daher werden auch immer wieder Lehrer aus dem Ruhestand zurück an die Schulen geholt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung sind es im laufenden Schuljahr 190 pensionierte Lehrer allein an den öffentlichen Schulen, davon 64 an Grundschulen, 52 an Gymnasien und 30 an integrierten Sekundarschulen. Bei 33.000 Lehrern in Berlin insgesamt ist das eine Quote von 0,5 Prozent. Und auch Privatschulen, zu denen das Graue Kloster gehört, greifen immer wieder auf Lehrer zurück, die bereits im Ruhestand sind. Einer von ihnen ist Helmut Helmer.

Nach dem Abitur 1962 in Rochlitz bei Chemnitz hat er an der damaligen pädagogischen Hochschule in Potsdam studiert. 1966, mit gerade einmal 22 Jahren, war er Erdkunde- und Mathematiklehrer und trat seine erste Stelle an der Polytechnischen Oberschule im sächsischen Meerane an. An seinem ersten Schultag stand er vor einer zehnten Klasse, seine Schüler waren nur sechs Jahre jünger als er. „Das war schon eine Herausforderung“, erinnert er sich. Und nach ein paar Wochen kamen noch mehr dazu. Der Schulleiter rief ihn zu sich, fragte ihn: „Was kannst du denn noch unterrichten?“ Naja, in Englisch sei er ganz gut. Der Schulleiter erwiderte: „Wer Englisch kann, kann auch Russisch“, also unterrichtete er auch noch Russisch. Es wurde improvisiert, auch damals in der DDR gab es zu wenig Lehrer.

Nach zwei Jahren wechselte Helmer dann nach Kleinmachnow, den Versetzungsantrag hatte er der Liebe wegen gestellt, denn während des Studiums in Potsdam hatte er seine spätere Frau kennengelernt, und die wohnte nun einmal dort. In Kleinmachnow blieb Helmer bis zur Rente, die meiste Zeit davon war er am heutigen Weinberg-Gymnasium, bis 1992 als Schulleiter, danach als Fachlehrer. 2009 ging er in Rente. Eine Zäsur, die ihm schwerfiel. „Als ich zu Hause war, merkte ich, dass mir etwas fehlt.“ Genieße deinen Ruhestand, habe man ihm noch auf den Weg gegeben, ja, aber das sei nicht so einfach. Der Beruf hat ihn immer ausgefüllt, wie sollte er jetzt seine Tage füllen? Klar, er hat Hobbys, hat sich vorgenommen, alle Geoparks Deutschlands zu besuchen, geht gern spazieren, aber das könne man doch nicht den ganzen Tag machen. Auf mehr Zeit mit seiner Frau hat er sich gefreut, aber die starb kurz nach seinem Renteneintritt. Es fiel ihm nun noch schwerer, sich neu zu sortieren.

Erst Nachhilfe, dann Vertretung für erkrankte Lehrer – und nun wieder fest im Lehrplan

Doch nach ein paar Monaten kamen schon die ersten Anfragen für Nachhilfeunterricht. Helmut Helmer war sofort wieder da, übte Bruchrechnen mit dem einen und den Satz des Pythagoras mit dem anderen Schüler. Die Erfolge der von ihm unterstützten Schüler sprachen sich schnell herum. Kleinmachnow ist klein. Bald bekam er auch Angebote von Schulen, einen erkrankten Lehrer zu vertreten. Und im vergangenen Schuljahr erhielt er dann eine E-Mail von einer Mutter, die in Kleinmachnow wohnt, deren Kinder das Evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin besuchen. Mathelehrer würden auch dort dringend gesucht, ob er vielleicht …? Er meldete sich und ist nun zum ersten Mal an einer Berliner Schule angestellt. Ein bisschen fühlte sich das auch wie beim Berufseinstieg an: „Für die richtige tarifliche Einstufung bei der evangelischen Stiftung musste ich all meine Zeugnisse wieder herausholen, sogar das Abiturzeugnis.“

Seit 50 Jahren ist Helmut Helmer also Lehrer. Aber eigentlich noch viel länger. „Schule hat mir von Anfang an Spaß gemacht“, schon als er selbst Schüler war, konnte er von ihr nicht genug bekommen. Auch am Nachmittag ging es für ihn weiter. Da trommelte er die Kinder von der Straße zusammen und spielte mit ihnen Schule. Die Rollenverteilung war dabei von vornherein klar: Helmut war immer der Lehrer. Später hat er im Unterricht immer die Lehrer beobachtet und analysiert: Was machen sie gut, was könnte man besser machen? Und klar auch, dass er beim Förderunterricht dabei war. Der lief nach dem Motto: Schüler helfen Schülern. Bald fiel er auch den Lehrern auf. „Irgendwann habe ich erfahren, dass sie beim Förderunterricht durchs Schlüsselloch geschaut haben.“ Später habe dann ein Lehrer zu seinem Vater gesagt: „Wenn der Lehrer werden will, lass den Jungen ruhig, der macht das gut.“ Nur einen Einwand gab es: Er sei so still, halte sich zu sehr zurück, als Lehrer müsse man doch immer den Ton angeben.

„Es ist doch langweilig, wenn ich die ganze Stunde rede“

Nein, muss man nicht, findet Helmer. Noch heute ist er nicht einer, der laut wird, der sich vor die Klasse stellt und immer sagt, wo es langgeht. „Es ist doch langweilig, wenn ich die ganze Stunde rede, dann schalten die Kinder irgendwann ab.“ Er sucht eher das Miteinander. „Ich habe mich immer gefragt: Wo ist der Schüler, was kann er im Unterricht machen?“ So sieht er auch viel eher, wo sie etwas nicht verstanden haben. „Und dann erklärt er es noch einmal“, sagt ein Schüler seiner jetzigen siebten Klasse. Auch die Schüler, die sonst nicht so gut in Mathe sind, verstehen bei ihm mehr, bestätigt ein anderer Junge. „Ich bin doch kein Mathematiker, sondern Mathelehrer“, sagt Helmer.

Klar ist für ihn: „Wenn Schüler etwas nicht verstehen, liegt das doch nicht an ihnen, sie sind so, wie sie sind. Dann muss ich eben meine Methode ändern.“ Früher ist er immer mit dem Fahrrad nach Hause gefahren und hat dabei die Schulstunden Revue passieren lassen. Aus der Bilanz hat er dann neue Ideen entwickelt, wie er den Kindern Sachverhalte anders erläutern kann. Das Allerwichtigste für ihn ist: „Die Freude am Lernen darf nicht verloren gehen, sonst baut sich eine Blockade auf.“ Er versteht bis heute nicht, wieso Mathe für so viele Schüler ein Angstfach sein muss. In seiner eigenen Schulzeit fand er es immer schrecklich, wenn Kinder an die Tafel gerufen wurden, um eine Aufgabe zu rechnen – dies aber offensichtlich nicht konnten. „Klar, müssen Kinder lernen, vor der Klasse zu stehen“, sagt er heute, „aber wenn jemand Schwierigkeiten hat, darf er sich aus der Klasse einen Assistenten mit nach vorne nehmen.“ In seiner siebten Klasse braucht heute keiner einen Assistenten. Vielleicht weil er Mathelehrer und kein Mathematiker ist.

„Wir Lehrer sind die Profis und müssen uns darauf eintstellen“

Mit pädagogischen Moden aus dem Lehrbuch hat er es weniger. Mode, das scheint für ihn ohnehin kein großes Thema zu sein. Ein bisschen sieht man ihm das an. In seiner braunen Baumwollhose und dem farbneutralen, locker geschnittenen Jackett sieht er aus, als wäre er irgendwo in den 80er-Jahren steckengeblieben. Auch bei seinen Schülern haben ihn Moden nie interessiert. Er hat falsche und echte Jeans gesehen, manche saßen in der Taille, manche hingen in der Kniekehle, mal waren die Haare lang, mal blau, mal grün, mal zum Minipli gewellt, mal saß auch ein Irokesenschnitt vor ihm. Ja, verändert hätten sich die Schüler schon, aber sie seien nicht besser oder schlechter geworden, findet er. Dieses „Früher war doch alles besser“, das mag er nicht, Veränderungen gehörten doch dazu. „Und wir Lehrer sind die Profis und müssen uns darauf einstellen.“

Aber dass er immer gern als Lehrer gearbeitet hat, liegt nicht nur daran. Der wichtigste Grund ist ganz schlicht: „Ich mag Kinder, das ist die Grundvoraussetzung.“ Ja, manche Kinder würden es einem schwer machen, ihnen freundlich zu begegnen. Aber für Helmer war klar: „Nur wenn ich ihnen mit Respekt begegne, kann auch ich Respekt erwarten.“ Wenn der mal ausbleibt, spricht er sie an, fragt sie, ob er sich ihnen gegenüber schon mal so verhalten hat. Meist reiche das schon. Aber er sagt auch, dass die Kinder, die er unterrichtet hat, meist ganz gut behütet waren. Er weiß, dass es auch ganz andere Verhältnisse gibt.

Natürlich gab es auch bei ihm Zeiten, in denen Schule belastend war. Mit 25 Jahren wurde er schon stellvertretender Schulleiter und war für die Vertretungspläne zuständig. „Puh, das hätte ich nicht mein Leben lang machen wollen“, sagt er. Und er weiß, dass der bürokratische Aufwand heute um ein Vielfaches größer, die Personaldecke dafür aber noch dünner ist. Es ärgert ihn, wenn über den Lehrerberuf hergezogen wird, wenn der Fokus nur auf die vielen Wochen Ferien gelegt wird, die Lehrer ja genauso wie Schüler haben. „Ich maße mir doch auch kein Urteil über andere Berufsgruppen an.“ Dass er selbst die Belastung nicht so stark empfindet, liegt vielleicht auch daran, dass er keine 20, 30 Berufsjahre mehr vor sich hat. Es ist seine Art, den Ruhestand zu genießen.

Manchmal überträgt sich die Schulabneigung der Eltern auf die Kinder

Und dass er so lange durchgehalten hat, dafür hat er auch noch eine andere Weisheit: „Man darf sich die Dinge nicht zu Herzen nehmen. Die Welt kann man als Lehrer nicht ändern.“ Am Donnerstagabend schaut er gern die RTL-Serie „Der Lehrer“, Helmer amüsiert sich über die kleinen und großen Katastrophen, die dort passieren. Manches habe er auch schon erlebt, aber es gebe einen großen Unterschied zwischen Film und Realität: „So schnell wie am Donnerstagabend lassen sich die Dinge im wahren Leben nicht regeln.“ Und manchmal ließen sie sich eben gar nicht ändern.

Mitunter stehen dabei auch die Eltern im Wege. Einige Eltern würden schon aus ihrer eigenen Jugend eine Antihaltung gegenüber der Schule mitbringen. „Schade ist nur, wenn sich das dann auf die Kinder überträgt.“ Mit den meisten Eltern komme er aber gut zurecht, versichert er. Viele seien ja sehr interessiert daran, was in der Schule stattfindet. Wie er das sagt, klingt es so, als seien manche Eltern vielleicht sogar etwas zu interessiert. Er fügt auch noch hinzu: Die Schüler seien heute selbstbewusster, im Großen und Ganzen sei das eine positive Entwicklung. Nur, der Grad zur Selbstüberhebung, der sei eben schmal. Aber eines wünscht er sich dann doch von den Eltern: „Viele sind heute bis über beide Ohren vollgestopft mit Arbeit, und die Kinder müssen in diesen Lebensplan passen.“ Da gehe die Ruhe verloren, aber gerade die sei für Kinder so wichtig.

Er hat jedenfalls immer versucht, Ruhe und Geduld zu bewahren. „Manchmal muss man als Lehrer auch ein guter Schauspieler sein.“ Darf sich nicht provozieren lassen und muss ernst bleiben, wenn man eigentlich laut lachen könnte. In der Schule, in der er vorher unterrichtet hat, kam einmal ein Mädchen zu ihm und erzählte: „Wissen Sie, dass meine Mama mal in Sie verliebt war?“ Herr Helmer muss noch immer lächeln, wenn er daran denkt. Mehr noch allerdings über die Reaktion der Freundin des Mädchens. Die musterte ihn ungläubig von oben bis unten und dann platzte es aus ihr heraus: „Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen!“ Ja, Lehrer sein ist wirklich ein toller Beruf. Und ein bisschen Humor hilft dabei.