Aus Dankbarkeit

Flüchtlinge streichen Klassenräume in Reinickendorfer Schule

21 Geflüchtete geben zusammen mit Eltern und Nachbarn der Ellef-Ringnes-Grundschule in Heiligensee einen neuen Anstrich.

Foto: Janine Richter

Der Iraker Ihab Habeeb ist froh, endlich etwas zurückgeben zu können. "Ich liebe Kinder und möchte etwas für sie machen. Deutschland hat mir geholfen und ich möchte jetzt helfen", sagt der 32-Jährige, der vor 17 Monaten nach Berlin geflohen ist. In weißer Malerkluft steht im Gespräch mit andere Flüchtlinge und Helfern auf dem Gelände der Ellef-Ringnes-Grundschule in Heiligensee. Das Fest ist in vollem Gange. Es wird gesungen. Hunderte Luftballons steigen in die Luft. Zahlreiche Kinder toben ausgelassen. Sein wehmütiger Blick geht ihnen nach. Der 32-Jährige ist selbst Vater von zwei Kindern und hat eine Ehefrau aber sie leben noch im Irak.

21 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak haben sich freiwillig gemeldet, um im Rahmen des Projektes "Zwischen Himmel und Erde" die Klassenräume, Flure und Treppenhäuser der Schule zu streichen. Ihab Habeeb hat sieben Jahre in seinem Heimatland als Maler gearbeitet. Dennoch nahm er wie die anderen am eintägigen Workshop der Firma "bito" teil, in dem sie die Grundkenntnisse des Malerns erlernten. Die Farben stellt "bito". Vier Mitarbeiter der Reinickendorfer Malerei Witzmann und mehr als 90 Ehrenamtliche gehen ihnen dabei zur Hand. "Wir renovieren zwölf Tage, auch während des Schulbetriebs und in den Osterferien", sagt Oliver Rabitsch, Integrationsbeauftragter des Bezirks Reinickendorf. Er hat das Projekt zusammen mit der Evangelischen Apostel-Petrus-Gemeinde und dem Diakonischen Werk Reinickendorf initiiert. "Meine Idee war genau die Schulen zu renovieren, dessen Turnhallen für die Versorgung geflüchteter Menschen beschlagnahmt wurde", sagt Oliver Rabitsch.

Die Turnhalle wurde in einer in Nacht-und-Nebel-Aktion beschlagnahmt

Die Turnhalle der Ellef-Ringnes-Grundschule in Heiligensee war wie vier weitere Turnhallen in Reinickendorf vor eineinhalb Jahren durch das Lageso beschlagnahmt worden, um dort Flüchtlinge unterzubringen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, wie überall in Berlin im Dezember 2015. "Man rief mich um 17 Uhr an und bereits um 23 Uhr fuhren die ersten Busse mit Flüchtlingen vor. Sie waren teilweise schwer verletzt und sehr krank", erinnert sich Schulleiterin Cordula Hobein genau. Für ihre Schüler sei am schlimmsten gewesen, dass sie nicht mit den Flüchtlingskindern spielen konnten. "Das haben sie nicht verstanden", sagt die Schulleiterin. Doch einige Eltern und das Lageso hätten dies so gewollt – auch den Zaun, der beide Welten voneinander trennte. Andere Eltern, die sich engagieren wollten, waren durch das Lageso nicht erwünscht. "Nur ich hatte aus dem Schulumfeld Zugang zur Halle", erzählt Cordula Hobein. Wenigstens Kleider- und Sachspenden seien angenommen worden. "Wir haben immer versucht, sensibel mit allem umzugehen."

Der Sportunterricht fand fortan stark verkürzt in der Turnhalle der Nachbarschule, auf den Schulfluren, dem Hof oder im Treppenhaus statt. Die Grundschule arrangierte sich mit der Situation. In der Turnhalle lebten zu Spitzenzeiten bis zu 200 Flüchtlinge – Familien mit Babys, Junge, Alte, alleinstehende Männer und Frauen. Sie wurden nach und nach auf andere Unterkünfte verteilt. Am vergangenen Dienstag (28. März) zogen die letzten 40 Menschen aus. Viele hätten geweint, ihre lieb-gewonnenes Stück Zuhause aufgeben zu müssen.

Flüchtlinge ziehen in Modularbau in Bernauer Straße

Die Flüchtlinge, auch aus anderen Reinickendorfer Turnhallen, leben nun in einer Gemeinschaftsunterkunft in der Bernauer Straße in Tegel-Süd. Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) hat Anfang März als Interimsbetreiber der Unterkunft den Internationalen Bund Berlin Brandenburg ausgewählt. Der neungeschossige Modularbau der Gewobag bietet Platz für 225 Personen in 62 Zwei-Bett-Zimmern, 32 Drei-Bett-Zimmern und ein barrierefreies Zimmer. Es gibt nach Geschlechtern getrennte Bäder und eine Küche, Aufenthalts-, Hausaufgaben- und Personalräume. "Es war uns vor allem wichtig, dass die Menschen nach dieser langen Zeit nicht getrennt werden, ihre soziale Kontakte behalten und die Kinder ihre Schul- und Kitaplätze behalten können", sagt Oliver Rabitsch.

Doch wann die Schüler der Ellef-Ringnes-Grundschule ihre Turnhalle wieder benutzen können, steht noch in den Sternen. "Wir wissen nur, dass Begehungen stattfinden werden, um den Sanierungsbedarf einzuschätzen", sagt Cordula Hobein. In ihren Augen sei die Halle verwohnt und die Sanitärbereiche müssten erneuert werden. Sie rechnet damit, dass die Kinder noch mindestens ein halbes Jahre auf die Turnhalle verzichten müssen.

Olympiasieger Robert Harting ist Schirmherr

Am 19. April sollen die Malerarbeiten an der Grundschule abgeschlossen sein. Der Olympiasieger Robert Harting ist Schirmherr des Projektes "Zwischen Himmel und Erde" und wird am 21. April die Fertigstellung mit Kindern, Eltern, Flüchtlingen, Ehrenamtlichen und Initiatoren feiern. "Durch dieses Projekt entsteht ein neuer Begegnungsraum für alle Beteiligten, bei dem neues Verständnis füreinander wachsen kann und sich Perspektiven verändern können", sagt Oliver Rabitsch. Im ersten Teil des Projektes hatte bereits eine Gruppe von 16 geflüchteten Männern im Herbst 2016 einen Spielplatz für Kinder im Märkischen Viertel in Reinickendorf gebaut.

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