Gendarmenmarkt

Tausende Berliner feiern EU bei „Pulse of Europe“

Tausende kamen am Sonntag auf den Berliner Gendarmenmarkt, um für ein friedliches, geeintes und grenzfreies Europa zu demonstrieren.

Foto: dpa

Luftgefüllte, azurblaue EU-Buchstaben, die aufgeblasene Zahl 60 und ein Herzluftballon umspielen am Sonntagnachmittag bei Sonnenschein das Schiller-Denkmal auf dem Gendarmenmarkt. Vor dem Konzerthaus Berlin sind nach Veranstalterangaben rund 6500 Demonstranten versammelt, als die dumpfen Pulsschläge aus den Lautsprechern ertönen. Die Demonstranten schwingen symbolisch große und kleine Europafahnen, um für ein geeintes, demokratisches und rechtsstaaatliches Europa zu demonstrieren. Dazu aufgerufen hatte zum siebten Mal die Bürgerinitiative „Pulse of Europe“ (PoE), der sich mittlerweile über 70 Städte in elf Nationen angeschlossen haben.

„Dieses ganzes populistische Geschrei von Trump, Erdogan oder der AfD ist ganz fürchterlich“, sagt Heike Wanke, die eine riesige Europafahne hochhält, zum ersten Mal in ihrem Leben demonstriert und sich als Ordnerin bei der Veranstaltung freiwillig gemeldet hat. Sie möchte, dass Frieden und Freiheit in Europa erhalten bleiben. „Wir machen hier den Mund auf und das steckt hoffentlich weiter an“, sagt die 54-Jährige. Man könne Krieg, Terror und Entzweiung nur mit europäischem Zusammenhalt begegnen. Neben ihr posieren gerade spanische Austauschschüler vor dem aufgebauten Schlagbaum für ein Foto: „Ohne das Erasmus-Programm wären wir nicht hier“, sagt die 16-jährige Ángela Musillo, die in Llerena, Spanien, die Sekundarstufe einer Schule besucht. Erasmus ist ein Austauschprogramm der Europäischen Union. Ángela Musillo ist gerade mit fünf weiteren Austauschschülern eine Woche in Berlin, um in der Gastschule an einem Projekt über erneuerbare Energien mitzuwirken. „Unsere Kulturen und Wirtschaften können so viel voneinander lernen.“

Für Ruven Rotzinger war die EU nicht nur ein Konstrukt, sondern immer gelebte Realität. Er ist gerade mit Freund Pascal Secorsky dabei, den „Vertrag der europäischen Freundschaft“ zu unterschreiben, den die Initiatoren von PoE ausgelegt haben. „Ich bin im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz, im badischen Schwarzwald ohne Grenzen aufgewachsen“, erzählt der Architektur-Student. „Ich spüre eine Verbundenheit mit diesen Ländern.“ Er liebe es, zu reisen und durch keine Grenzkontrollen zu müssen. „Wir dürfen den Rechtspopulisten nicht nachgeben und auch wir Jungen müssen aktiv dabei sein“, sagt der 25-Jährige. Er habe Angst vor einem Rechtsruck und Freiheitseinschränkungen. Johanna Woelki und der Syrer Jody Semmo aus Lübeck halten einen Pappschild in die Höhe, auf dem „Wir einigen keine Staaten, wir führen Menschen zusammen“, geschrieben steht. Ein Ausspruch von Jean Monnet, dem Gründervater Europas. Die beiden betreiben so etwas wie Demonstrations-Hopping: „Letzte Woche waren wir auf der PoE-Demo in Stuttgart, heute Berlin und nächste Woche Hamburg“, sagt Johanna Woelki. Sie sei immer schon pro-europäisch gewesen und es sei wichtig, diese Idee zu verteidigen. „Ich habe mein Freiwilliges Soziales Jahr in Schottland gemacht und viele europäische Freunde. Wir sollten alle mehr unsere Gemeinsamkeiten betonen“, sagt die 20-Jährige. Für ihren Freund Jody Semmo, der aus der syrischen Stadt Kamichle nach Lübeck floh, ist der Frieden ein Herzensanliegen. „Viele halten es für selbstverständlich in Frieden zu leben, aber das ist es nicht“, sagt er in perfektem Deutsch. „Wir alle müssen daran arbeiten.“

Stiller Moment für Terroropfer von London und Berlin

Musikalisch eröffnete der deutsche Cellist Alban Gerhard mit einem nachdenklich-mahnenden Stück von Johann Sebastian Bach die Veranstaltung. „Ich habe Herzrasen bekommen, als der Clown ins Weiße Haus einzog“, sagt Gerhard anschließend. Er habe die europäische Identität beschwören wollen. „Ich möchte, dass mein Sohn in einem freien, weltoffenem Europa aufwächst.“ Eine bedrückende Stille legt sich über den Gendarmenmarkt, als die Veranstalter zu einem Moment der Stille aufrufen, um den Opfern des Terror-Anschlags in London am Mittwoch, des Breitscheidplatz in Berlin im Dezember und allen Opfern von Krieg und Terror zu gedenken. Im Anschluss hält die Journalistin Lea Rosh eine flammende Rede. Sie ist den Berlinern durch ihr Engagement für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas bekannt. „Ich sage ihnen, Europa wird für immer halten. Europa muss sein, denn zusammen sind die 27 Staaten stärker als der Nationalismus. Das haben wir hinter uns“, sagt sie. Nie wieder Verdun, nie wieder Stalingrad, nie wieder Ausschwitz, ruft sie aus und wird frenetisch bejubelt. Sie schildert auch eindrücklich, wie ihr 48-jähriger Vater im Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde und nie zurückkehrte. „Ich weine noch heute manchmal um ihn“, sagt sie.

Später sangen die Europa-Fans anlässlich des 60. Jahrestages der Römischen Verträge „Happy Birthday“, die Europahymne „Ode an die Freude“ und tanzten zu „Let the sun shine“ im Kreis. Nach der Rede des Künstlers Wolfgang Tillmans wird symbolisch einen Schlagbaum zersägt. Auch in anderen deutschen Städten wie Frankfurt, Hamburg, und Köln versammelten sich Tausende zu Kundgebungen. Die Bürgerbewegung „Pulse of Europe“ war Anfang 2017 in Frankfurt am Main gestartet.

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