Selbsthilfewerkstätten

Wie in Berliner Repair Cafés ehrenamtlich repariert wird

In Repair Cafés helfen Handwerker ihren Nachbarn ehrenamtlich bei Reparaturen. Der Run auf die Selbsthilfewerkstätten ist ungebrochen.

 Tüftler Ingo Junge bei der Arbeit

Tüftler Ingo Junge bei der Arbeit

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Kaffee und Kuchen gibt es schon am Eingang kostenlos, aber deshalb ist niemand ins Repair Café gekommen. Die Gänge der Sprachschule an der Sophie-Charlotte-Straße sind voll. Klaus Betz, der am Eingang zum improvisierten Werkstattraum die Warteliste führt, muss bereits kurz nach der Öffnung Interessenten abweisen. „Das ist mir noch nie passiert“, sagt der Vorsitzende „Kiezbündnis Klausener Platz“ in Charlottenburg, das die Selbsthilfewerkstatt organisiert.

Drei der sonst sechs Handwerker, die für die Nachbarschaft ehrenamtlich defekte Geräte und Haushaltsgegenstände reparieren, sind an diesem Donnerstag ausgefallen. „Einer hat Urlaub, zwei sind krank. Da ist nichts zu machen“, sagt der pensionierte Medienwissenschaftler.

Bei Wartenummer 17 ist deshalb an diesem Tag schon Schluss. Monika Matthias gehört zu den Glücklichen, die einen Platz auf der verkürzten Warteliste ergattert haben. Die Frau ist mit der S-Bahn aus Wilmersdorf gekommen, um eine kleine Digitalkamera instand setzen zu lassen. „Ein Geschenk eines Freundes“, erzählt sie und zeigt, dass das Zoomobjektiv sich nicht mehr bewegen lässt. Sie halte nichts davon, alles gleich wegzuwerfen, sagt sie, und die kleine Kamera sei eben handlich und praktisch. Vom Repair-Treff in Charlottenburg hat sie von Bekannten erfahren.

Die Nachfrage nach weiteren Terminen ist groß

Die Reparatur-Nachmittage an der Sophie-Charlotte-Straße finden nur einmal im Monat statt. Entsprechend groß ist der Andrang. „Die Menschen stehen neuerdings schon eine halbe Stunde vor der Öffnung an“, sagt er. Die Nachfrage nach zusätzlichen Terminen ist groß. Aber das Repair Café sei eben nur Untermieter in der Sprachschule, erklärt Betz. Vor allem aber sei die Zahl der Handwerker begrenzt, die ihre Freizeit für das Projekt hergeben – Elektriker, Bauingenieur oder einfach handwerklich begabte Laien.

16 Repair Cafés gibt es inzwischen in Berlin, bundesweit sind es mehr als 250, und der Run auf die Selbsthilfewerkstätten ist ungebrochen. In der Spandauer Wilhelmstadt wurde erst kürzlich das zweite Repair Café des Außenbezirks eröffnet. In der Kreuzberger Schokofabrik hat ein Reparaturcafé nur für Frauen aufgemacht. Auch Marine Froideraux hat sich kurzentschlossen Werkzeug geben lassen, als sie erfahren hat, dass sie bei den Handwerkern nicht mehr zum Zuge kommt. Jetzt sitzt sie mit Schraubendreher und Teppichmesser da, um das defekte Ladegerät für das Laptop eines teuren Markenherstellers zu öffnen. Es in die Fachwerkstatt zu geben, ist der Studentin aus der Schweiz einfach zu teuer. „Zu Hause habe ich aber kein Werkzeug“, sagt die Wahl-Charlottenburgerin.

Um Geld zu sparen oder ein unersetzbares Lieblingsstück vor der Mülltonne zu bewahren, nutzen viele das Angebot der Repair Cafés. „Die meisten kommen aber, um die Umwelt zu schonen. Sie wollen nicht gleich alles wegwerfen“, sagt Klaus Betz vom „Kiezbündnis Klausener Platz“. So war es auch das Umweltamt Charlottenburg-Wilmersdorf, das die Initiative für das Repair Café in der Nähe des Klausener Platzes ergriffen und das Kiezbündnis mit Werkzeug ausgestattet hat. Und so schrauben denn auch an diesem Nachmittag die drei Ehrenamtlichen an alten Verstärkern und Radios, einem defekten Staubsauger und einer Stehlampe, deren Gewindefuß ausgeleiert ist.

Christa Penné ist selig. Der winzige Kassettenrekorder, den sich die Charlottenburgerin Abend für Abend aufs Kopfkissen legt, um ihre Einschlafmusik abzuspielen, läuft wieder. Das gehört zu ihrem Abendritual, die Aufnahmen sind für die blonde zierliche Frau unersetzlich, ein vergleichbarer Minirekorder ist im Zeitalter von CD und MP3 kaum noch einmal zu beschaffen. „Ich habe gejubelt, geschrien und gejauchzt, als wieder die ersten Töne kamen“, erzählt Christa Penné strahlend. 20 Euro steckt sie als Dank in die Spendendose. Auch Christa, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, strahlt über das ganze Gesicht, als ihr mehr als 30 Jahre alter Verstärker der untergegangen Kulturmarke Fisher wieder seinen Dienst tut.

Bei der Kamera kommt der bekannte Vorführeffekt

Nach rund einstündiger Wartezeit ist auch Monika Matthias mit ihrer Digitalkamera an der Reihe. Erwartungsvoll setzt sie sich an den Tisch von Ingo Junge. Sie habe schon vieles versucht, um das Gerät in Gang zu bringen, mehrfach die Akkus ausgetauscht und auch jetzt noch einmal neue mitgebracht, erklärt sie ihm. Der pensionierte Lehrer für Medientechnik wechselt noch einmal die Batterien – und siehe da: Das Display des Fotoapparates leuchtet auf, der Zoom fährt aus. „Das ist mir jetzt peinlich“, jammert die Wilmersdorferin. Ingo Junge sieht dafür keinen Anlass. Das komme öfter vor, eben der Vorführeffekt, sagt der 65-Jährige.

Den Menschen eine Freude zu machen, bringe ihm gerade den Spaß an dem Ehrenamt, sagt Junge. Seit etwa einem Jahr arbeitet er im Charlottenburger Repair Café. „Am schönsten ist es, wenn ein wirklich sehr, sehr altes Gerät wieder funktioniert.“ Etwa die Hälfte der Geräte und Alltagsgegenstände, die zu Ingo Junge und seinen Mitstreitern gebracht werden, ließen sich in der kurzen Zeit, die für die Arbeiten zur Verfügung steht, reparieren. „Nach einer dreiviertel Stunde geben wir auf“, so der Tüftler. Für einige Dinge aber gebe es schlicht keine Ersatzteile mehr. Und: „Viele der neuen Geräte kann man nicht einmal mehr öffnen.“ Monika Matthias ist einfach nur „superglücklich“, dass ihre Fahrt zur Sophie-Charlotte-Straße nicht erfolglos war.