Neubauten

Ende der Traufhöhe - Berlin muss nach oben wachsen

Lange galt in der Stadt die Traufhöhe von 22 Metern. Doch weil die Zahl der Einwohner steigt, muss nun höher gebaut werden.

Start für drei Neubauprojekte und eine Kita in Berlin-Lichtenberg

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Foto: thomaArchitekten

Berlin wächst stetig, 2015 sind 40.000 Menschen mehr zugezogen, als die Stadt verlassen haben. Flüchtlinge noch nicht einmal eingerechnet. Im vergangenen Jahr ist die Einwohnerzahl mutmaßlich noch stärker gewachsen, die Zahlen liegen bislang nicht vor. Folglich werden Zehntausende Wohnungen gebraucht. Und immer mehr reift die Erkenntnis, dass künftig dichter und höher gebaut werden muss – auch in der rot-rot-grünen Regierungskoalition. Die klassische Berliner Traufhöhe von 22 Meter wird als "Maß aller Dinge" immer mehr an Bedeutung verlieren.

In den Außenbezirken wurde bereits in den vergangenen Jahrzehnten häufig ganz anders gebaut – nämlich wesentlich niedriger. Das könne sich Berlin in Zukunft nicht mehr leisten, ist Antje Kapek, Fraktionschefin und Stadtentwicklungsexpertin der Grünen im Abgeordnetenhaus, überzeugt. "Berlin kann in den Außenbezirken dichter werden. Die Potenziale der Stadt liegen in Gatow und Rahnsdorf, nicht in Kreuzberg", sagte Kapek. Außerhalb der innerstädtischen Gründerzeitquartiere seien in der Vergangenheit Flächen verschwendet worden. "Es gibt zu große Lücken, und die Gebäude sind zu niedrig", sagte Kapek der Berliner Morgenpost. 70 Prozent der Baufläche in Berlin könnte höher bebaut werden, so die Grünen-Politikerin.

Es müsse eine grundsätzliche Debatte geführt werden, was "angemessene Dichte" für unterschiedliche Gebiete in Berlin bedeutet. Die bauliche Verdichtung müsse gerecht verteilt werden, forderte Kapek. In den gründerzeitlich bebauten Vierteln sei sie bereits erheblich. Dort könnten noch Dachgeschosse ausgebaut werden. Für Gebäude mit Flachdach seien Staffelgeschosse denkbar, bei einer Aufstockung sollte allerdings die Traufhöhe beachtet werden.

Rot-Rot-Grün hat elf neue Stadtquartiere definiert

Bei größeren, auch innerstädtischen Neubauprojekten wird die Traufhöhe indes nicht mehr uneingeschränkt gelten. "Dort, wo wir neu bauen, werden wir kompakter und höher bauen. Das heißt nicht, dass wir Hinterhöfe schaffen", so Kapek.

Rot-Rot-Grün hat im Koalitionsvertrag elf neue Stadtquartiere definiert, darunter das Schumacher-Quartier am Flughafen Tegel (Reinickendorf), die Europacity hinter dem Hauptbanhof in Mitte, den Standort Michelangelostraße in Prenzlauer Berg (Pankow) und ein Gebiet in Lichterfelde Süd (Steglitz). Sie sei für sieben oder acht Stockwerke offen, sagte Kapek. Zugleich verteidigte sie den Plan der Koalition, mit einem Hochhausentwicklungsplan ein Leitbild zu schaffen und den Bau deutlich höherer Gebäude zu regulieren.

Auch Daniel Buchholz, Stadtentwicklungsexperte der SPD-Fraktion, sieht angesichts des Wohnungsbedarfs die Notwendigkeit, dichter zu bauen. Grundsätzlich sei eine definierte Traufhöhe richtig, das Berliner Maß von 22 Metern habe das Stadtbild geprägt. "Aber man darf diese Traufhöhe auch nicht als Dogma für die nächsten einhundert Jahre festschreiben", sagte Buchholz der Morgenpost. Er sprach sich indes dagegen aus, eine neue Traufhöhe von etwa 28 oder 30 Metern festzuschreiben, damit würde man nur ein altes Dogma durch ein neues ersetzen. Buchholz empfiehlt, für jedes Baugebiet zu prüfen, wo Abweichungen möglich sind und was zu der jeweiligen Wohnlage passt. So seien zum Beispiel in der Wasserstadt Spandau deutlich höhere Eckbauten möglich. Auch im Entwicklungsgebiet Heidestraße nahe dem Hauptbahnhof weist das erste vorgestellte Neubauprojekt inklusive Erdgeschoss teilweise zehn Stockwerke auf. Eine bauliche Verdichtung auch in der Innenstadt sei zudem nötig, um die Verdrängung von angestammten Bewohnern an den Stadtrand zu verhindern, sagte Buchholz. Der Ausbau von Dachgeschossen sei daher vernünftig.

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) vertritt keine grundsätzlich andere Position. Auch sie betonte, dass höher gebaut werden müsse, um mit dem Flächenpotenzial der Stadt sorgsam umzugehen. Allerdings solle dies nicht generell festgeschrieben werden. Vielmehr müsse für jedes Baugebiet geprüft werden, was stadtverträglich sei, sagte Lompschers Sprecherin Petra Rohland. Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) sprach sich indes dafür aus, bei der Diskussion um den Hochhausentwicklungsplan auch darüber zu sprechen, "ob man in der Breite der Stadt höher bauen kann". Er äußerte sich kürzlich bei einer Veranstaltung des Vereins "Berliner Wirtschaftsgespräche".

Auch CDU und FDP für Überschreitung der Traufhöhe

Achtgeschosser als "gängigen Maßstab" kann sich Stefan Evers, stellvertretender Fraktionschef und stadtentwicklungspolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, vorstellen – allerdings nur außerhalb von Altbauquartieren. Dort habe die Traufhöhe für ein weitgehend einheitliches Stadtbild gesorgt, an dem er "nicht rütteln will". Grundsätzlich beschreibe die strikte Orientierung an dieser Traufhöhe aber "eine Phase, die weitgehend abgeschlossen ist", so Evers. Er plädierte für Gebiete außerhalb zusammenhängender Altbauviertel für ein "Höchstmaß stadtverträglicher baulicher Dichte, auch wenn es vielen weh tut". Als Beispiel nennt er den Campus Charlottenburg, nordwestlich vom Bahnhof Zoo. Sonst bliebe nur "das Wachstum in die Fläche" jenseits der Stadtgrenze. Das könne aber niemand wollen, auch wegen der dann entstehenden Pendlerströme.

Auch FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja setzt sich dafür ein, "punktuell" die übliche Traufhöhe von 22 Meter zu überschreiten. Die FDP-Fraktion nennt einen Fehlbedarf von 125.000 Wohnungen in Berlin, der nur durch Neubau beseitigt werden könne. Würden bei Neubauten generell drei bis vier Etagen mehr genehmigt, könne zudem eine Kaltmiete unter zehn Euro pro Quadratmeter erreicht werden, so der Fraktionschef. Czaja plädiert auch energisch für den Ausbau von Dachgeschossen. Er sieht darin ein Potenzial von 50.000 bis 70.000 Wohnungen.

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