Besuch am Bau

So sieht es auf der Baustelle der Neuen Nationalgalerie aus

Seit 2015 ist das Museum geschlossen, 2020 soll das Haus am Kulturforum wieder eröffnen. Ein Besuch auf der Baustelle.

Spiegelung im Regenwasser: 2020 soll die generalsanierte Neue Nationalgalerie am Kulturforum wieder eröffnet werden

Spiegelung im Regenwasser: 2020 soll die generalsanierte Neue Nationalgalerie am Kulturforum wieder eröffnet werden

Foto: Reto Klar

Dirk Lohan gefällt es, er ist die „Seele des Projekts“. Mehrmals im Jahr kommt er aus Chicago nach Berlin geflogen, der Enkel von Mies van der Rohe ist nämlich Berater bei der Grundsanierung der Neuen Nationalgalerie. „So viel Mies wie möglich“ heißt das Motto der Chipperfield-Architekten, und genau da ist Lohan der richtige Mann. Er ist nicht nur Zeitzeuge, sondern war selbst Projektleiter beim Bau der Nationalgalerie, setzte die Pläne seines Großvaters um, der nicht mehr reisen konnte. Mit knapp 30 Jahren war er jung für den Berliner Job, machte sich etwas älter, um seriös zu wirken. „Er hilft uns Dinge zu verstehen und auszuwerten. Er kennt jeden Millimeter des Gebäudes“, erzählt uns Arne Maibohm, der heute Projektleiter beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) ist.

Die Frage ist, wie man heute mit dem historischen Material und den heutigen Anforderungen eines musealen Betriebes umgeht. Es ist so, dass die Familie Mies van der Rohes das Urheberrecht auf den Berliner Bau besitzt, Dirk Lohan, Jahrgang 1968, also die Familienmitglieder sowohl über den Fortgang der Sanierung als auch über die Veränderungen am denkmalgeschützten Bau unterrichtet. Dazu gehört etwa der Einbau eines Buchshops und die Garderoben im Untergeschoss – die originalen Mantelablagen waren für 300 Mäntel ausgerichtet und noch mehr Hüte – damals gab es eben noch keine Blockbuster und die Kopfbedeckung gehörte zum guten Ton.

Ende 2017 wird die gläserne Fassade demontiert

Wer dieser Tage an der Nationalgalerie vorbeifährt, sieht außer Dach und Glasfassade nichts, eine Bauwand verdeckt den Fortgang der Bauarbeiten. Wer auf der Baustelle steht, umringt von Containern, erschrickt erst einmal, die Ikone aus Stahl ist innen komplett zerlegt, wie ein armer hohler Zahn sieht sie aus, überall Zementberge, Kabelsalat, Schrott und Matsch am Boden. Der gesamte Naturstein ist abgetragen, alle Bodenplatten sind weg, die Treppenplatten auch – an Kunst mag man hier gar nicht mehr denken. Ende 2017, Anfang 2018 wird von der Nationalgalerie nichts mehr zu sehen sein, nur noch Gerüste und Baufolien – dann soll die Fassade demontiert werden.

Arne Maibohm führt Direktor Udo Kittelmann gelegentlich durch das Haus. Seinen Blick kann man sich denken. An Fantasie darf es nicht mangeln, um sich vorzustellen, dass hier 2020 die Bilder wieder an der Wand hängen werden. Draußen im Skulpturengarten stehen einsam zwei Pissoirs an einem Mäuerchen gelehnt, sieht aus wie ein letzter Gruß von Marcel Duchamp. Da hat sich jemand einen schönen Witz auf der Baustelle erlaubt. Dieses museale „Arkadien“ , wie man es zur Eröffnung 1968 nannte, wird nach der Sanierung wieder öffentlich zugänglich sein, so wie früher, als dort die legendäre Konzertreihe „Jazz in the Garden“ veranstaltet wurde.

Irgendwo zwischen Baustaub und dem abgetrennten Schwarzbereich leuchtet es frühlingshaft – absurd, wie die Kirschblütentapete von Thomas Demand etwas Poesie in die Trümmer bringt. Die Decke drüber ist freigelegt, sie sieht aus wie ein Wabenmuster aus Beton – im Garderobenbereich soll das später so sichtbar bleiben – die Handschrift der zuständigen Chipperfield-Architekten, erzählt Maibohm. Hier den Überblick zwischen den Gewerken zu behalten, sei so, als ob man „einen Ameisenhaufen unter Kontrolle bringt“, erzählt Maibohm.

Allein 2000 originale Leuchten wurden eingelagert

Bereits seit 2009 befasst sich das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und seit 2012 das Planungsteam um die Architekten von Chipperfield mit dem Bau, untersuchten ihn auf Herz und Nieren, um sich einen Überblick zu verschaffen über die Anti-Aging-Maßnahmen des „weit überalterten“ Glasbaus. Sie unternahmen chemische Analysen, recherchierten in Archiven in Washington und Chicago. Klima- und Sicherheitstechnik entsprechen längst nicht mehr dem heutigen Standard internationaler Museen, die gläserne Fassade weist Risse auf und optische Mängel. Viel Zeit brauchte es, das Museum erst einmal zu leeren, alle Kunstwerke zu codieren, zu listen und einzulagern. Allein mehr als 2000 Leuchten, originale „downlights“ wurden eingelagert, sie werden nun mit LED-Technik flottgemacht. Mehr als 100 originale Mies-Möbel, darunter der Direktorentisch und die Barcelona-Sessel kommen zur Auffrischung.

Weit über 30.000 Teile, so schätzt Maibohm, wurden derweil registriert. „Das ist so, als würde man ein Puzzle zerlegen.“ Wer sich die metergroßen, mit verschiedenen Farben untersetzten Baupläne in seinem Bürocontainer anschaut, der weiß, was für eine Logistik das bedeutet. Und was für eine Millimeterarbeit, Mies van der Rohe arbeitete exakt in Rastern. Sollten die neuen Betonoberflächen im Wandbereich also nur wenige Millimeter zusätzlich auftragen, passt nichts mehr.

Am 10. September, Tag des offenen Denkmals, wird es für die Öffentlichkeit Führungen in der Neuen Nationalgalerie geben

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