Zu Gast

Türkei-Reisen kaum nachgefragt

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Andreas Gandzior

ITB im Zeichen von Terrorgefahr und politischem Streit

Mit weit mehr als 50 Anbietern ist die Türkei in diesem Jahr das größte Gastland unter den Ausstellern auf der diesjährigen Internationalen Tourismus-Börse (ITB). Das Land wirbt in einer ganzen Messehalle (3.2) für sich als Reiseland. Nach mehreren Terroranschlägen und dem Putschversuch im vergangenen Jahr steckt die Tourismusindus­trie der Türkei in der Krise. Mit dem Auftritt auf der ITB sollte diese Entwicklung gestoppt werden. Doch die jüngsten Nazi-Vergleiche des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und auch des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu haben für Aufregung und Empörung gesorgt. Nicht nur auf deutscher Seite.

„Wir geben hier unser Bestes, damit wieder mehr Touristen aus Deutschland in die Türkei kommen und dann ziehen unsere Politiker solche Vergleiche“, sagt Doğan Dönmez. „Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht und die Stimmung vergiftet.“ Dönmez lebt in Berlin und repräsentiert die türkischen Küstenstädte Bodrum, Marmaris und Fethiye ehrenamtlich auf der ITB. Er bestätigt auch, was in der am Sonnabendmittag schlecht besuchten Messehalle offensichtlich ist. Das Interesse an Reisen in die Türkei und die Nachfrage seien sehr, sehr schlecht. Der 54-Jährige beschreibt die diesjährige ITB als „die schlechteste Messe seit 15 Jahren.“ Am Freitag sei die Halle so leer gewesen, dass man ungehindert hätte Fußball spielen können, so der Aussteller. Er habe in den vergangenen Tagen gerade drei interessante Gespräche geführt. „2016 war für uns schon ein schlechtes Jahr und ich dachte, es kann nicht schlechter werden“, sagt Dönmez. „2017 ist noch deutlich schlechter.“

Auch Aussteller aus anderen türkischen Regionen attestieren auf Anfrage schlechte Messe-Geschäfte. „Ich habe in diesem Jahr keine Abschlüsse mit deutschen Fachbesuchern gemacht“, sagt ein Aussteller, der seinen Namen nicht nennen möchte. Und selbst für viele Türken in Deutschland sei die Heimat nicht unbedingt auch ein Reiseziel. „Ich kenne viele Türken die nur in die Türkei fliegen, weil sie ihre Familie besuchen, zum Urlaub fliegen sie in andere Länder.“

Buchungen für Türkeiurlaube um 58 Prozent gesunken

„Für den Sommerurlaub 2017 ist die Türkei derzeit kaum gefragt“, heißt es beim Deutschen Reise-Verband (DRV). Aktuell verzeichne man einen Rückgang der Buchungen bis Ende Januar gegenüber dem Vorjahr von 58 Prozent.

Cathleen und Oliver Otte schlendern durch die sehr überschaubare Messehalle. „Wir sammeln Informationen, planen derzeit aber keine Reise in die Türkei“, sagen sie. Vor einigen Jahren habe man in der Türkei mehrmals Urlaub gemacht. „Wenn der Preis stimmt, würden wir jetzt auch dort Urlaub machen. Aber zuerst möchten wir eine Kreuzfahrt machen.“

Nachdem in den vergangenen Jahren viele deutsche Urlauber aufgrund der Anschläge in der Türkei in andere Länder gereist sind, hatten wir gehofft, dass sie aufgrund der Beruhigung der Situation und des besseren Preis-Leistungs-Verhältnisses in unserem Land in diesem Jahr wieder in die Türkei reisen“, sagt Necati Kaya, Vorsitzender des Vereins der türkischen Reiseagenturen Berlin e. V. „Der politische Streit hat diese Hoffnungen leider zerstört und muss schnell beendet werden. Er schadet dem Tourismus. Das deutsche und das türkische Volk sind Freunde.“ Habe sich die Lage erst einmal wieder beruhigt, so Kaya, erwarte er in diesem Jahr noch viele Last-minute-Gäste.

Neben der Türkei mussten auch Ägypten und Tunesien 2016 starke Rückgänge hinnehmen. Für Ägypten sieht der DRV aber eine positive Entwicklung. „Hier ziehen die Buchungen wieder sichtlich an“, heißt es in einer aktuellen Publikation. Die alten Bestmarken habe man aber noch nicht erreicht.

Besuch der Bundeskanzlerin war gut für den Tourismus

„Die Leute wollen wieder nach Ägypten reisen“, sagt Hesham Idries, Inhaber von Wadi Tours. „2017 läuft es besser als in den vergangenen Jahren.“ Dazu habe auch der Besuch der Kanzlerin Angela Merkel beigetragen, ist sich Idries sicher. Das hätte gezeigt, dass man in Ägypten sicher Urlaub machen könne. „Wir waren vor zwei Jahren zum Tauchen in Ägypten“, sagen Akasha, Justin und Elias. „Dort hatten wir auch Kontakt zu Einheimischen, die uns von steigender Arbeitslosigkeit erzählt haben, wenn weniger Touristen kommen. Wir würden immer wieder nach Ägypten fahren.“ Auch Tunesien weiß von steigender Nachfrage zu berichten. Das Fremdenverkehrsamt Tunesien konnte nach eigenen Angaben ab Herbst 2016 auf dem deutschen Markt wieder eine leichte Erholung bei den Einreisen verzeichnen. „Die Veranstalter meldeten positive Zahlen für die kommende Sommersaison“, heißt es von offizieller Seite. „Im Moment können wir im Vergleich zum Vorjahr ein Buchungsplus von elf Prozent für den Sommer verzeichnen.“

Nach eineinhalb Jahren lief im Oktober vergangenen Jahres mit der deutschen MS Europa das erste Kreuzfahrtschiff wieder den Hafen La Goulette bei Tunis an. Auch andere Kreuzfahrtgesellschaften hätten eine baldige Rückkehr nach Tunesien angekündigt.