Flughäfen

Berlin bleibt am Boden - Weitere Streiks angedroht

Fast 700 Flüge sind in Berlin Tegel und Schönefeld ausgefallen. Manche Passagiere bleiben gelassen, andere sind wütend. Eine Reportage.

Flughafenstreik in Tegel

Flughafenstreik in Tegel

Foto: Jörg Krauthöfer

Simone Sen schaute etwas ungläubig hinauf zur großen Anzeigetafel im Terminal A. Aber tatsächlich. Ihr Flugzeug sollte zu den wenigen gehören, die an diesem Freitag doch noch in Berlin-Tegel abheben sollten. Die Maschine von Turkish Airline startete fast pünktlich um 11.52 Uhr in Richtung Istanbul. „Ich bin sehr glücklich, dass das mit meinem Flug heute klappt. Ich will für drei Wochen zu meiner Familie und haben mich schon lange darauf gefreut“, sagte die 27-jährige Berlinerin kurz vor dem Start.

Die meisten anderen Fluggäste in Berlin hatten da weniger Glück. Wie angekündigt, hatte das Bodenpersonal an den Flughäfen Tegel und Schönefeld am Freitagmorgen, 4 Uhr, die Arbeit niedergelegt. Nach zwei kürzeren Warnstreiks im Februar dieses Mal gleich für 25 Stunden – bis zum Sonnabend, 5 Uhr morgens. Die rund 2000 Beschäftigten bei den Flughafen-Bodendiensten waren dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi weitgehend geschlossen gefolgt. Koffer wurden nicht eingeladen, Maschinen nicht betankt und ach die Check-in-Schalter waren vielfach nicht besetzt.

Die Folge: Fast 700 Flüge fielen am Freitag in Berlin aus oder konnten nur von anderen deutschen Flughäfen ausgeführt werden. So wurden Flüge statt in Berlin in Leipzig, Dresden und Hannover gestartet. Die beiden sächsischen Airports dienten nicht zum ersten Mal als Alternative, sagte der Sprecher des Flughafens Dresden, Christian Adler. „Im Moment sind es außergewöhnlich viele Ausweichlandungen.“ Laut Berlins Flughafensprecher Daniel Tolksdorf mussten die Fluggesellschaften am Freitag allein in Tegel 466 Flüge absagen oder verlegen, in Schönefeld waren 204 von den Streikmaßnahmen betroffen.

Zu den Tausenden Betroffenen gehörte auch Jaqueline Freudling, die am Morgen mit ihren beiden kleinen Kindern mit Air Berlin zurück nach München fliegen wollte. „Ich habe durchaus Verständnis für die Forderungen der Beschäftigten. Aber nun bin ich in kurzer Zeit schon das zweite Mal von einem Streik betroffen – und ich bin wirklich keine Vielfliegerin“, sagt die junge Frau. Sie hatte erst in Tegel von der Flugabsage erfahren. „Da musste ich erst mal meine Kinder – zwei und vier Jahre alt – zurück zu meiner Schwester bringen.“

Nun stand sie in Tegel wie etwa 40 andere Fluggäste am Schalter von Air Berlin, um ihren abgesagten Flug umzubuchen. Die angebotenen Voucher für eine Bahnreise kamen für sie nicht in Frage. „Am Freitag sind die Züge nach München eh schon überfüllt, da müsste ich mit meinen Kindern mehr als sechs Stunden im Gang stehen“, sagte sie. Einzig vorstellbar für sie sei die Fahrt im Schlafwagen. Doch der Nachtzug war von der Bahn ausdrücklich ausgeschlossen worden. Jaqueline Freudling hoffte, spätestens am Sonntag einen Flug nach München zu bekommen. „Am Montag muss ich schließlich wieder arbeiten.“

Auch am Flughafen Schönefeld ging nichts mehr

Kaum besser sah es am Freitagvormittag am Flughafen Schönefeld im Südosten von Berlin aus. An der großen digitalen Anzeigewand stand hinter Flugzielen wie St. Petersburg, Zürich oder auch London jeweils „cancelled“ - also Flug gestrichen. „Ich wollte um 10.55 Uhr nach Pristina“, sagte Bogumita Mocek mit Tränen in den Augen. So sehr habe sie sich auf einen Kurzurlaub bei ihren Verwandten im Kosovo gefreut. „Ich habe von dem Streik nichts gewusst“, sagte die junge Frau, die am Tag zuvor aus Zürich in Berlin eingetroffen war.

Etwas gelassener und mit Humor ging Pierrot Obi mit der misslichen Situation um. An einem der Stützpfeiler im Flughafengebäude hatte er sich neben seinem Koffer auf dem Fußboden platziert. Vor ihm lag sein Handy. „Ich suche nach Alternativen, denn ich muss noch heute nach London“, sagte der Musiker. Seine Band „Brand + Bravez frick“ habe heute Abend einen Auftritt und ohne ihn als Sänger wäre das etwas einseitig, sagte der Brite.

Für Dimitri Simakov brach eine Welt zusammen. „Ich bin mit meiner Freundin in St. Petersburg verabredet. Wir wollten ein schönes Wochenende zu zweit verbringen, doch das haben die Streikenden verhindert. Dafür hasse ich sie“, sagte er. Mehr als 700 Euro hatte er für den Flug ausgegeben. Eine Umbuchung, um von Dresden aus zu fliegen, sei nach seinen Angaben um einiges teurer. „Wahrscheinlich werde ich aber in den sauren Apfel beißen“.

Verdi will Stundenlohn von zwölf Euro durchsetzen

Verdi-Streikleiter Enrico Rümker kann den Ärger vieler Passagiere durchaus nachvollziehen. Er sieht die Hauptverantwortung für den Streik jedoch in der unbeweglichen Haltung der Arbeitgeber. Die hätten erst gar kein, und dann nur ein unzureichendes Angebot vorgelegt. Die Positionen sind dabei noch weit auseinander: Während Verdi eine Erhöhung des durchschnittlichen Stundenlohns von derzeit elf auf zwölf Euro fordert, würden die Arbeitgeber nur ein Plus von 27 Cent verteilt auf drei Jahre anbieten. „Wenn das Angebot nicht deutlich nachgebessert wird, sehen wir uns hier bald wieder“, rief Rümker am Freitagvormittag den Streikenden bei der Kundgebung vor dem Terminal A in Tegel zu.

Unterstützung bekam er vom Parteivorsitzenden der Linken, Bernd Riexinger. Eine Konkurrenz um die schlechtesten Arbeitsbedingungen und die niedrigsten Löhne sei „hoch unanständig“, verurteilte der Linke-Chef die Gebaren der in Berlin tätigen Bodendienstleister. Dass es der damalige rot-rote Senat war, der 2008 mit der Privatisierung der Globe Ground, den mit harten Bandagen geführten Konkurrenzkampf erst auslöste, erwähnte Riexinger dann aber nicht.

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