Energie

Vattenfall-Chef: „Berlin ist bald frei von Braunkohle“

Der Europa-Chef des Energiekonzerns Vattenfall, Tuomo Hatakka, über den Klimaschutz, Projekte, Konkurrenz und einen Stellenabbau.

Der Finne Tuomo Hatakka ist Chef von Vattenfall Europe

Der Finne Tuomo Hatakka ist Chef von Vattenfall Europe

Foto: Reto Klar

Der schwedische Staatskonzern Vattenfall kämpft derzeit darum, auch in Zukunft Berlins Grundversorger für Energie zu sein. Das Unternehmen betreibt das Stromnetz, zehn Heizkraftwerke und 45 Blockheizkraftwerke in der Stadt. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt der Chef von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka, wie das Unternehmen das Land von seinen Zukunftsplänen überzeugen will.

Vattenfall hat die Braunkohle in der Lausitz verkauft. Sind Sie jetzt ein sauberes Unternehmen?

Tuomo Hatakka : Wir sind gut positioniert, um die Herausforderungen der Energiewende zu meistern. Der Verkauf der Braunkohlesparte war ein wichtiger Meilenstein, der bestätigt, dass wir es ernst meinen mit unserer neuen strategischen Ausrichtung. Wir wollen CO2-neutral sein bis spätestens 2050, wir wollen die Chancen der Energiewende nutzen und neue Geschäftsfelder erschließen.

Haben große Energiekonzerne die Energiewende verschlafen?

Das ist eine sehr gute Frage. Wichtig ist jetzt, dass wir nach vorne gucken und die Wachstumschancen der Energiewende ausnutzen. Wir sind da gut unterwegs. Wir werden wachsen, auch in Deutschland. Deutschland ist der Kernmarkt für Vattenfall. Wir werden in den nächsten fünf Jahren in Deutschland drei Milliarden Euro investieren, weit mehr als eine Million jeden Tag.

Wie viel fließt davon nach Berlin?

Zwei Milliarden Euro. Es geht um den Ausstieg aus der Kohle, um Dezentralisierung und um Digitalisierung der Energieinfrastruktur in Berlin. Wir haben unsere Investitionspläne für Berlin noch einmal erhöht.

Wohin fließt das Geld konkret?

Allein in neue klimaschonende Erzeugungsanlagen und den Ausbau der Fernwärme investieren wir in dieser Stadt mehr als eine Milliarde Euro. Die Hälfte davon sind für den Fertigbau des Kraftwerks Lichterfelde und den Bau des neuen Gaskraftwerks Marzahn. Hinzu kommen Investitionen in den Ausbau des Fernwärmenetzes und Power-to-Heat-Anlagen. Und auch in das Stromverteilnetz investieren wir mehr als vor einiger Zeit kalkuliert. Beim Stromnetz erreichen wir für 2017 ein Allzeithoch mit 209 Millionen Euro pro Jahr, wobei ungefähr die Hälfte in Smart Grid, Digitalisierung und die wachsende Stadt investiert wird. Dieses Niveau muss jeder Betreiber beibehalten.

Sie investieren in Berlins Kraftwerkspark. Laufen diese Projekte nach Plan?

Im Großen und Ganzen läuft das wie geplant. Das Heizkraftwerk Lichterfelde kommt, dort werden wir eine neue Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD, Anmerk. der Redaktion) bauen, auch in Marzahn werden wir eine neue GuD-Anlage bauen. Das sind wichtige Projekte für uns, um unsere Fernwärmeaktivitäten neu zu gestalten. Unser Ziel ist es, Fernwärme CO2-neutral zu erzeugen bis 2050. Der erste Schritt dahin ist der Kohleausstieg. Damit haben wir begonnen. Nach dieser Heizperiode werden wir unser Braunkohlekraftwerk Klingenberg stilllegen, drei Jahre vor dem zugesagten Termin. So sind wir dann endgültig in Deutschland und in Berlin Braunkohlenfrei. Damit sparen wir zwei Millionen Tonnen CO2 in den Jahren 2018, 2019 und 2020. Danach folgt 2020 Reuter C.

Sind Sie denn auch bei den Kohlendioxideinsparungen im Plan?

Wir haben uns verpflichtet, bis 2020 unsere CO2-Emissionen um 50 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Das werden wir übertreffen. Dass nicht alle Projekte eins zu eins so realisiert werden wie geplant, das ist das kaufmännische Handeln. Man muss vernünftig bleiben.

Der neue Senat erweckt den Eindruck, er würde die Energiewende in Berlin lieber ohne Konzerne in eigener Regie bewältigen.

Energiewende ist ein Marathonlauf. Die Umsetzung verlangt allein hier in der Stadt Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe. Das ist eine Riesenaufgabe. Ich verstehe, dass die Berliner Politik sich Sorgen macht, wie diese notwendigen Investitionen realisiert werden. Mit unserem Programm leisten wir unseren Beitrag. Aber wir schaffen das nicht allein. Die Politik muss die Rahmenbedingungen setzen und die Umsetzung der Energiewende steuern, damit wir so schnell wie möglich ein klimaneutrales Berlin bekommen.

Berlin soll bis 2050 klimaneutral sein ...

Das ist machbar.

Fehlt dafür eine Weichenstellung der Politik?

Wir brauchen vernünftige Rahmenbedingungen und Planungssicherheit für unsere Investitionen. Da besteht noch Nachholbedarf. Denken wir an die Elek­tromobilität. Ein kleines Beispiel: Ich habe selber ein Elektroauto. Es gibt aber zu wenige Ladesäulen in Berlin und es ist sehr kompliziert, eine neue Säule genehmigt zu bekommen. Es wäre gut, wenn wir da schneller wären.

Sie haben CO2-neutrale Fernwärme angekündigt. Wie soll das funktionieren?

Zuerst kommt der Kohleausstieg. Wir ersetzen die Kohle durch Gas als Brennstoff. Dazu kommt Power-to-Heat. Wir haben die ersten Pilotanlagen in Neukölln und Buch, die leisten zusammen 20 Megawatt. Dort heizen wir Wasser für die Fernwärme mit nicht genutztem Öko-Strom auf. Wir planen eine echte große Anlage auf dem Gelände des Kraftwerks Reuter in Ruhleben, das wird ein riesiger Speicher. Die wird 120 Megawatt leisten. Wir speichern also den Überschuss an erneuerbarem Strom vor allem aus den Windkraftanlagen im Umland in unserem Fernwärmenetz. Ich gehe davon aus, dass wir noch in diesem Jahr eine Investitionsentscheidung für diesen Speicher treffen. Eine andere Priorität wird sein, die Abwärme aus Industrieanlagen zu nutzen. Die gibt es auch in Berlin.

In Berlin sind die Strom- und Gaskonzessionen in der Schwebe. Inwieweit beeinflusst das Ihre Investitionsentscheidungen?

Natürlich sind wir nicht immun gegenüber diesen Diskussionen. Aber es ist eine Tatsache, dass wir investieren. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass unsere Netze „fit“ für die Energiewende bleiben. Sie sind schon fit, könnten aber noch fitter werden. Meine Kollegen von Stromnetz Berlin investieren so viel wie nie in die Modernisierung der Netze, allein im vergangenen Jahr knapp 200 Millionen Euro, dieses Jahr noch mehr. Das ist wichtig für die Integration dezentraler Energieerzeuger. Davon gibt es jetzt schon 6000 bis 7000 Anlagen in Berlin. Die Versorgungssicherheit ist hoch und die Netzentgelte sind niedriger als anderswo in Deutschland.

Sind Vattenfalls Investitionspläne für Berlin unabhängig von der Konzessionsvergabe?

Ja. Das stimmt.

Es gibt auf dem Strommarkt neue Konkurrenz. Die Gasag drängt hinein und das landeseigene Stadtwerk will Vattenfall auch Kunden wegnehmen. Wie bewerten Sie das?

Wir sind an Wettbewerb gewöhnt. Berlin und Hamburg sind am meisten betroffen von Wettbewerb. Es sind große, wachsende Städte, mehrere hundert Anbieter haben Interesse, hier in Berlin ihr Geschäft auszubauen. Wir haben kein Problem damit. Das bedeutet, dass wir wach bleiben. Wir wachsen erfolgreich seit mehreren Jahren. Im Moment haben wir 3,4 Millionen Kunden in Deutschland, rund die Hälfte davon in Berlin. Wir haben keine Angst vor Wettbewerb, sondern Respekt. Die Energiewende ist eine Riesenaufgabe, da ist genug Platz für viele Akteure.

Ist es ein fairer Wettbewerb, wenn das Stadtwerk 100 Millionen Euro Startkapital erhält und zusammen mit landeseigenen Wohnungsunternehmen Mieterstrommodelle entwickelt?

Ich habe keinen Grund daran zu zweifeln, dass es ein fairer Wettbewerb ist.

Die Gewerkschaft Verdi kritisiert, Sie betrieben Outsourcing und Personalabbau im Unternehmen, konkret geht es aktuell um 200 Beschäftigte im Business Service. Warum machen Sie das?

Das zeigt, dass wir auf dem Markt bleiben wollen. Unsere administrativen Prozesse sollen so effizient wie möglich sein, um unser Geschäft zu unterstützen. Die Digitalisierung ist ein Paradigmenwechsel für die administrative Prozesse und wir brauchen Kompetenzpartner

Werden Sie weiter Personal abbauen?

Von den Umstrukturierungsprozessen sind in der Administration etwa 200 unserer rund 7000 Vollzeitstellen in Deutschland betroffen. Beim Kundenservice arbeiten wir seit Jahren an Umstrukturierungen. Aber wir wachsen auch in vielen Bereichen (zum Beispiel Wind) und stellen neue Leute ein. Gleichzeitig brauchen wir neue Mitarbeiter für einen geordneten Generationswechsel im operativen Geschäft in Wärme, Vertrieb und Netze.

Ist es richtig, dass Sie Ihren Standort an der Puschkinallee aufgeben?

Ja. Bis zum Sommer wird der Umzug realisiert. Damit konsolidieren wir unsere Standorte und sparen viel Geld.

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