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Industrie

Bei BAE hat das Schwermetall Blei eine Zukunft

Nach der Wende sah es schlecht aus für die BAE. Doch der Banker Jan IJspeert hat für den Batteriehersteller einen lukrativen Markt gefunden.

Geschäftsführer Jan IJspeert steht in der Produktionshalle der Batteriefabrik BAE in Schöneweide. Das Unternehmen stellt Bleiakkus für die Energieversorgung her

Foto: joerg Krauthoefer

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Berlin.  Seit über hundert Jahren werden in Schöneweide Bleibatterien hergestellt – für Gabelstapler, Notstromaggregate, Umspannwerke. Nach der Wende drohte das Aus. Da war Jan IJspeert zur Stelle. Der Bankkaufmann aus den Niederlanden führte die Berliner Akkumulatoren- und Elementefabrik (BAE) auf die Erfolgsspur zurück. IJspeert sieht für die Technologie auf der Basis des Schwermetalls Blei und für den Industriestandort Schöneweide eine positive Zukunft.

Herr IJspeert, Ihr Unternehmen stellt Bleibatterien her. Welche Zukunft hat diese Technologie?

Jan IJspeert: Bleibatterien werden seit einem Jahrzehnt fast von jedem totgesagt, sind aber immer noch "alive and kicking" (gesund und munter). Unser Schwerpunkt sind Batterien für die Notstromversorgung in Datenzentren oder Krankenhäusern. Sie machen 60 Prozent unseres Umsatzes von 32 Millionen Euro aus.

Sie bauen also keine Autobatterien?

Das ist ein Massenmarkt, der stark preisgetrieben ist. Wir haben uns im Jahr 2007 für den Nischenmarkt entschieden, wo Kunden bereit sind, für Verlässlichkeit zu bezahlen.

Batterien von BAE sind also teurer?

Die Lebensdauerkosten sind für uns das wichtigste Thema. Ein Produkt darf zehn Prozent teurer als das unserer Marktbegleiter sein, wenn die Lebensdauer 30 oder 40 Prozent länger ist. Das ist unsere Philosophie.

Sie sind Banker? Was hat Sie in die Elektroindustrie verschlagen?

Ich habe Investoren betreut. Zwei Handelsunternehmen aus Holland waren bereits in dem Geschäftsfeld Batterien tätig und wollten Zugang zu einer Produktionsstätte haben. Ich konnte die Investoren 2005 überzeugen, in BAE zu investieren. Kurz danach wurde ich für BAE verantwortlich.

Worin bestand damals die Herausforderung?

Ich bin notgedrungen eingestiegen, weil die Firma die ersten anderthalb Jahre nach der Übernahme nicht gut gewirtschaftet hat. Sie haben damals versucht, Batterien für Gabelstapler nur über den Preis zu verkaufen. Ich musste ungehemmt von technischen Kenntnissen und Produktionserfahrung die Verantwortung übernehmen. Wir haben BAE strategisch neu ausgerichtet.

Wann kamen die Erfolge?

Schon im Jahr 2007 hat das gefruchtet. Wir haben uns von unwirtschaftlichen Kunden verabschiedet.

Welche Rolle spielt der Batteriehersteller Varta in ihrer Unternehmensgeschichte?

Eine wichtige Rolle. Dieses Werk wurde um 1901 von der AFA, einem der damals großen Batteriehersteller, übernommen. Sie produzierte in Hagen und in Berlin. 1904 wurde dann Varta gegründet. Das Akronym steht für Vertrieb, Aufladung, Reparatur von Transportablen Akkumulatoren. In den 20er-Jahren wurde die Mehrheit der AFA von der Quandt-Familie übernommen. Manche sagen, das sei die erste feindliche Übernahme an der Börse gewesen. Nach der deutschen Teilung musste die Quandt-Familie ihre Produktion in Hagen fortsetzen.

Und dann kam die Wende …

Nach dem Fall der Mauer haben viele Westfirmen ihre alten Ansprüche geltend gemacht. Es gab zwei Jahre eine Lizenzvereinbarung mit Varta. Sie sah die BAE auch als Brücke zu den Ostmärkten. 1992/93 wollte Varta das Werk erheblich zurückfahren. Das hat dann zu der Privatisierung geführt. Die BAE musste von Null anfangen.

BAE gehört zu den wenigen ostdeutschen Unternehmen die die Wende überlebten. Gelang das aus eigener Kraft?

Unter Verantwortung eines Managers der "Accumulatorenfabrik Sonnenschein" aus Marienfelde wurden neue Produkte eingeführt. Die Gel-Technologie von "Sonnenschein" war die Grundlage für die Entwicklung unserer Produkte. Besonders in entfernten Gebieten, wo es kein destilliertes Wasser gibt, kommt unsere Gel-Technologie zum Tragen. Diese Produkte sind wartungsfrei.

Welche Potenziale sehen Sie in der Energiewende?

Im Bereich der erneuerbaren Energien sind wir stark aufgestellt. Das beginnt auf der Mikroebene der Privathaushalte bis hin zu Schwarmnetzen, die Kommunen dezentral mit Energie versorgen. Hinzu kommt die Frequenzregelung von Netzen, wo Batterien als Zwischenspeicher eingesetzt werden, oder Batterien zum Abdecken von Spitzenlasten in Netzen. Wo Gewicht und Räumlichkeit keine Rolle spielen, ist die Bleibatterie noch immer ein sehr wettbewerbsfähiges Produkt.

Ist Blei denn noch Stand der Technik?

In 2012/2013 spielten Bleibatterien in Eigenheimen mit Solartechnik mit einem Marktanteil von 70 Prozent die wichtigste Rolle. Bis zu 50 Prozent des Eigenverbrauchs wurden zwischengespeichert. In 2015/2016 haben Lithium-Ionen-Batterien zwischen 80 und 90 Prozent des Marktes übernommen, was mit dem extremen Preisverfall dieser Technologie zu tun hat. Hier stellt sich die Frage, ob dieser technologiegetrieben oder durch Überkapazitäten bedingt ist.

Aber Elektroauto-Hersteller setzen auf Lithium-Ionen-Technik.

Es sind große Kapazitäten für Lithiumzellen aufgebaut worden, weil man in Deutschland für das Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge erwartet hat. Die sind nicht gebraucht worden und so haben die Batterien ihren Weg in die Eigenheimversorgung gefunden. Vor vier Jahren waren Lithiumbatterien für Eigenheime im Vergleich zu Blei doppelt so teuer und hatten doppelte Lebensdauer. Jetzt sind die Preise 1:1. Auf dem Papier stellen sich Lithiumbatterien attraktiver dar. Und auch das Design ist schöner und moderner.

Hat Blei da noch eine Zukunft?

Wir sehen sogar neue Möglichkeiten, etwa bei der Frequenzregelung in Stromnetzen ist die Blei-Batterie noch immer eine geeignete Technologie. Oder bei Solarenergie im Off-Grid-Bereich, also in entfernten Gebieten, wo es um die Elektrifizierung kleiner Dörfer geht. Das sind Geschäftsfelder, die in den nächsten Jahren wachsen werden.

Was sagt die Forschung?

Wir fokussieren Forschung und Entwicklung noch immer auf Blei, denn die theoretische Energiedichte von Blei wird nur zu 25 Prozent ausgenutzt. Über die Gewichtsreduktion kann man Bleibatterien attraktiver gestalten – zum Beispiel mit Nanotechnologien. Hinzu kommt, dass Blei weltweit im Überfluss vorhanden und zu 98 Prozent recyclierbar ist.

Wie bewerten Sie Ihren Standort?

Schöneweide ist einer der zehn Zukunftsstandorte auf Landesebene. Ein Nachteil ist, dass hier Flächen nicht so frei verfügbar sind wie im CleanTech-Park Marzahn, was die Ansiedlungsstrategie erschwert. Mit der Änderung des Flächennutzungsplans 2004 wurde Industrie- und Gewerbegebiete in Mischgebiet umgewandelt. Die Wohnbebauung rückt näher heran.

Schafft das Konfliktpotenzial?

Ich vergleiche das mit einem Flughafen. Wenn man in die Nähe eines Flughafens zieht, hat man trotzdem Rechte, sich über Fluglärm zu beschweren. Das ist eine Entwicklung, über die man sich als Unternehmen nicht freut. Auch wenn man alle Vorschriften einhält, kommt es vor, dass einer nachts nicht schlafen kann.

Haben Sie denn Erweiterungsmöglichkeiten?

Unser Gelände hat 40.000 Quadratmeter. Deshalb haben wir Möglichkeiten, unsere Produktionsabläufe zu optimieren und zu wachsen. Wir haben eine komplizierte Gebäudestruktur, die wir optimieren wollen. Es stehen erhebliche Investitionen an.

Haben Sie dazu Zahlen?

In den nächsten zwei Jahren wollen wir zehn Prozent unseres Umsatzes in neue Anlagen investieren. Davor will man natürlich Planungssicherheit haben. Der Bezirk hat uns versichert, dass BAE ein wichtiger Leuchtturm in der Entwicklung von Schöneweide als Industriestandort ist. Diese Aussage möchten wir in den nächsten zwei bis drei Monaten gerne weiter konkretisieren.

Es gibt also Beratungsbedarf?

Ja, denn in der zweiten Phase wollen wir in die Gebäudesubstanz eingreifen, um die Produktionsprozesse zu optimieren.

Klappt die Kooperation mit dem Bezirk?

Das wird sich hoffentlich in den nächsten Monaten bestätigen.

Sie sind Niederländer. Wie fühlen Sie sich in Berlin?

Ich fühle mich wie ein Berliner. Schöneweide hat mein Herz gestohlen. Die wenigsten sind sich bewusst, was für eine einzigartige Industriehistorie das hier ist. Das hätte man 2003 nicht gedacht, dass sich hier jemals wieder Unternehmen ansiedeln. Wir haben die HTW hier und das Regionalmanagement. Es siedelt sich Gastronomie an. Schöneweide wird sich in den nächsten Jahren weiter positiv verändern.

Und die Berliner?

Sie sind offen, direkt, international und multikulturell. Das passt auch gut zu den Niederländern. Ich fühle mich sehr wohl in Berlin.