Berlin

Sag mir, wo die Blumen sind

Der Botanische Garten muss ein Gewächshaus kahl lassen und einige Bereiche schließen, weil Gärtner fehlen

Die Riesenseerose Victoria sollte schon vor einem Jahr wieder im Botanischen Garten Dahlem blühen. Mit ihrer 30 Zentimeter großen Blüte gehört sie zu den Prachtexemplaren des Gartens. Doch dann gab es Probleme bei der Sanierung des Gewächshauses, die Wiedereröffnung verzögerte sich. Seit November 2016 ist das Victoriahaus nun fertig, dennoch wird die Riesenseerose auch in diesem Jahr nicht zu sehen sein. „Wir können das Gewächshaus nicht in Betrieb nehmen“, sagt Thomas Borsch, Direktor des Botanischen Gartens und Museums. Die angespannte finanzielle und personelle Situation lasse es nicht zu, den Mitarbeitern noch mehr Arbeit zuzumuten.

Eigentlich müsste das Victoriahaus spätestens im März bepflanzt werden, damit die Riesenseerose am längsten Tag des Jahres in voller Blüte steht. Das passiert jetzt nicht. „Es ist eine pragmatische Entscheidung, die weh tut, weil die Riesenseerose ein Besuchermagnet ist“, sagt Borsch. Aber ohne Gärtner keine Pflanzen. Er habe nicht genügend Personal, um dieses „tolle energetisch sanierte Gewächshaus“ zu betreiben. Noch vor mehr als 30 Jahren waren 110 Gärtner angestellt. Aktuell sind es 70. Leisteten die Gärtner 1980 knapp 230.000 Arbeitsstunden pro Jahr, waren es 2016 nur noch etwa 120.000. „Mit 17 weiteren Gärtnerstellen hätten wir eine realistische Minimalausstattung“, sagt der Direktor.

Problematisch ist auch die finanzielle Ausstattung. Der Garten ist eine Zentrale Einrichtung der Freien Universität und wird vom Land über das Budget der Hochschule finanziert. 8,5 Millionen Euro betrug der Etat vor 20 Jahren, heute ist es genau dieselbe Summe. „Die Inflation und den Kaufkraftverlust eingerechnet, müssten wir heute 11,5 Millionen Euro vom Land bekommen“, sagt Borsch.

Dass das Victoriahaus geschlossen bleibt, ist nur eine Konsequenz, die Thomas Borsch aus der prekären Lage zieht. Um überhaupt das 43 Hektar große Gelände bewirtschaften zu können, wurde schon vor einiger Zeit ein Ampelsystem eingeführt. Das unterteilt die Anlage in rote Bereiche, die gar nicht mehr bewirtschaftet werden, gelbe, wo der Gesamteindruck stimmen muss und grüne, die so gepflegt werden, wie es sein soll. Das führt dazu, dass einige Bereiche stillgelegt, Beete unter einer Folie verschwunden sind.

430.000 Besucher kamen 2016 in den Botanischen Garten

„Wir haben an vielen Stellschrauben gedreht, es war aber immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Borsch. So wurde eine Betriebsgesellschaft ausgegründet, Events in den Garten geholt, für Patenschaften und Spenden geworben, Drittmittel akquiriert. 2015 kamen 300.000 Besucher, 2016 waren es 430.000. Die Zunahme geht vor allem auf die Veranstaltung „Christmas Garden“ zurück. Ein Drittel seines Gesamtetats finanziert der Botanische Garten aus Eigenmitteln.

900 Mitglieder hat der Freundeskreis und 50 Ehrenamtliche sind im Garten aktiv. Ohne sie würde noch mehr zum Erliegen kommen, sagt der Direktor. Oft müsse improvisiert werden. Durch die fehlenden Ressourcen stehe der Weltrang von Deutschlands größtem Botanischen Garten auf dem Spiel: „Noch liegen wir in Bezug auf die Artenvielfalt weltweit an zweiter Stelle“, so der Direktor. Das Schließen von Gartenbereichen führe aber zu einem Verlust von Pflanzensammlungen – statt ursprünglich 22.000 Pflanzenarten gebe es nur noch 20.000. Die Aufgaben des 300 Jahre alte Gartens, wie Lehre, Forschung, Erholung, Pflege der denkmalgeschützten Anlage und Bewahrung der biologischen Vielfalt, würden zudem immer mehr zunehmen.

Das Victoriahaus ist seit 2006 geschlossen. Ursprünglich sollte es mit dem Großen Tropenhaus saniert werden. Dafür fehlte das Geld. 2011 stellt der Senat zehn Millionen Euro zur Verfügung. Die Sanierung startete im Sommer 2013. Im Juli 2015 sollte die Wiedereröffnung sein. Doch dann war das Becken undicht. Der Samen der Riesenseerose wurde im Kühlschrank eingelagert. Dort wird er vorerst bleiben.