Bis Ostern

Fastenzeit: Das steckt hinter dem freiwilligen Verzicht

Heute beginnt die Fastenzeit. Viele verzichten bis Ostern auf Alkohol, Süßigkeiten, Fleisch – oder auch auf die Nutzung von Computern.

Yoga Lehererin Kate Hall

Yoga Lehererin Kate Hall

Foto: Anikka Bauer

Aschermittwoch – die Konfetti-Schnipsel liegen nur noch traurig auf dem Boden, ähnlich ist der Gemütszustand vieler Narren, die in den vergangenen Tagen ausgiebig Karneval gefeiert haben. „Jetzt wird alles anders!“ oder „Genug getrunken, erst einmal Pause!“ ist aus dem Bekanntenkreis zu hören, ähnlich wie schon vor wenigen Wochen zum Jahresbeginn. Denn jetzt beginnt die christliche Fastenzeit, die bis Ostern dauert.

Viele Menschen treten nun den freiwilligen Verzicht an. Bis Ostern wollen sie auf verschiedene Genüsse und Verhaltensmuster verzichten – 40 Tage lang soll ein Bogen um Ausschweifungen sowie Fleisch, Alkohol und Süßigkeiten gemacht werden. Manch anderer lässt auch das Auto stehen oder kauft nichts, das in Plastik verpackt ist. Damit sollen der Körper und auch der Geist von Sünden „gereinigt“ werden.

Tatsächlich haben 59 Prozent der Deutschen laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr mindestens einmal für mehrere Wochen gefastet. Das sind 15 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Vor allem Menschen im Alter von 30 bis 44 Jahren stehen dem Fasten offen gegenüber: 66 Prozent sagen, dass sie schon einmal gefastet haben. Sie verzichten dann am ehesten auf Alkohol, Süßigkeiten sowie Fernsehen oder das Rauchen. Jüngere Menschen hingegen verzichten häufig auf die Nutzung von Internet und Computer.

Der Bauch ist voll, die Zellen verhungern

Eine, die sich mit dem Fasten besonders gut auskennt, ist Yoga-Lehrerin Kate Hall. Sie gibt Kurse in der Tanzschule „Celebrity Sports School by Detlef Soost“ in Mitte. „Wir in der westlichen Welt konsumieren viel zu viel. Beim Fasten, dem bewussten Entgiften, trennen wir uns von unnötigem Ballast“, erklärt sie. Unser Bauch sei voll, doch unsere Zellen würden laut Hall verhungern. „Die ersten zwei Wochen sind natürlich immer sehr hart, gerade, wenn es um den Verzicht von bestimmten Nahrungsmitteln geht“, so Hall.

Die Menschen seien Meister im Selbstbetrug – ob es die Kunst ist, sich einzureden, dass Wein das Herz stärke oder dunkle Schokolade durchweg gesund sei. Doch hat man die erste Hürde genommen, dann sei man frei, nach innen schauen zu können. „Die jetzt beginnende Fastenzeit ist auch ein wunderbarer Zeitpunkt dafür, sich zu überlegen, welche Verhaltensmuster einem wirklich guttun und welche schaden.“ Einen völligen Verzicht, beispielsweise auf das Essen, sei ihrer Meinung nach aber nicht erstrebenswert. Stattdessen solle man öfter zur Wasserflasche greifen. „Meistens sind wir eigentlich nur dehydriert, wenn wir Hunger verspüren.“ Wie viel Wasser genug ist, dafür hat die Fitness-Expertin eine einfache Faustregel: Das Körpergewicht in Kilogramm mal 40 Milliliter ergibt die ideale Trinkmenge. Kate Hall bezeichnet sich zwar als gläubigen Menschen, das Fasten ist für sie aber nicht unbedingt mit Religion verbunden.

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Fünf nicht ganz ernst gemeinte Vorschläge für die Fasten-Zeit: Trump soll 40 Tage nicht twittern, Merkel muss auf die Raute verzichten und die SPD auf den Umfrage-Hype.
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Mit diesem Gedanken ist sie nicht allein. Viele Menschen versprechen sich durch das Fasten mehr Wohlbefinden und eine bessere Gesundheit, andere wollen auch Gewicht verlieren. Der Ursprung des Fastens spielt für sie keine so große Rolle. Dabei kennen alle großen Weltreligionen die Fastenzeit.

Muslime etwa haben im Herbst ihren Fastenmonat Ramadan. In einigen christlichen Familien sammeln Kinder ihre Süßigkeiten während dieser Zeit in großen Gläsern, die erst ab Ostern, dem höchsten Fest der Kirche, wieder geplündert werden dürfen.

Am Mittwoch heißt es: Asche auf die Häupter

Im Christentum durften früher schwere Sünder bis Ostern nicht am Gottesdienst teilnehmen. Sie trugen Büßergewänder, Asche wurde auf ihre Köpfe gestreut. Zur Erinnerung an diesen Ritus wird den katholischen Kirchgängern am Aschermittwoch ein Asche-Kreuz auf die Stirn gemalt. Dieses steht für den Beginn der Bußzeit und erinnert an die Vergänglichkeit des Menschen. Denn für Christen ist das Ziel der Fastenzeit das Fest der Auferstehung Jesu Christi, das Ostern gefeiert wird. Es besagt, dass der Tod nicht das letzte Wort über den Menschen behält. Manch einen zieht es sogar temporär in ein Kloster, um sich auch optischen und akustischen Reizen zu entziehen. „In der Fastenzeit geht es um das Freimachen von vermeintlichen Notwendigkeiten“, erklärt Erzbistum-Sprecher Stefan Förner.

2017 hält es die Mehrheit der Christen mit der Auslegung der Fastenzeit variabel. Der Trend geht, entgegen des biblischen Fastengedankens, zur Selbstoptimierung. „Wenn du fastest, dann kämme deine Haare und wasche dir das Gesicht. Dann wird niemand auf den Gedanken kommen, dass du fastest, außer deinem Vater, der weiß, was du in aller Stille tust. Und dein Vater, der alle Geheimnisse kennt, wird dich dafür belohnen“ heißt im Matthäus-Evangelium. „Es geht um die Haltung, etwas wegzulassen, um zu erkennen, was wichtig für einen ist“, sagt Förner. Wer Verzicht übe, werde viele Dinge neu wertschätzen können.