Autoraser-Prozess

Vom Raser zum Mörder

Ein Moabiter Schwurgericht verurteilt die beiden Kudamm-Raser wegen Mordes zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen

Als die Strafe verkündet ist, wirkt der Angeklagte Hamdi H. wie erstarrt. Alle anderen im überfüllten Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts setzen sich, um die Urteilsbegründung zu hören. Aber der 28-Jährige bleibt stehen, noch zwanzig Minuten lang, fassungslos, entsetzt, ungläubig. Lebenslang lautet das Urteil gegen ihn und den 25-jährigen Marvin N. Lebenslang wegen Mordes mit gemeingefährlichen Mitteln – gemeint sind damit Hamdi H.s Audi S6 und Marvin N.s Mercedes AMG, mit denen sie am 1. Februar 2016 um 0.45 Uhr in der Berliner City West ein illegales Autorennen veranstalteten, dabei mit Geschwindigkeiten von mehr 170 Kilometern pro Stunde Kreuzungen bei Rot überquerten und schließlich einen schweren Unfall verursachten, der für Michael W., den 69 Jahre alten Fahrer eines Jeeps, den Tod bedeutete.

Der Prozess hatte schon zu Beginn für großes Interesse gesorgt. Noch nie war in der bundesdeutschen Justizgeschichte für Kraftfahrer, die einen anderen Verkehrsteilnehmer töteten, die Höchststrafe beantragt worden. So war das Gedränge im Landgericht Berlin schon eine Stunde vor der Urteilsbegründung groß. Zwölf Kamerateams und weitaus mehr Fotografen hatten sich vor dem Saal 700 postiert. Auch viele Zuschauer waren gekommen. Unter ihnen die Angehörigen eines der Angeklagten, die bei der Urteilsverkündung laut zu weinen begannen.

"Die Angeklagten denken jetzt vielleicht: Was wollen die Richter, sind die vollkommen irre?", sagte der Schwurgerichtsvorsitzende Ralph Ehestädt, als er die lebenslänglichen Freiheitsstrafe verkündet hatte. Beide Angeklagten blickten kurz zu ihm. Es soll "hier kein Exem­pel statuiert werden", fügte Ehestädt hinzu – und überhörte den Zwischenruf von Hamdi H., dass genau das ja jetzt hier passiere. "Die Kammer geht davon aus, dass beide keine Tötungsabsicht hatten", sagte der Richter. "Wir reden hier von einem bedingten Tötungsvorsatz", und auch der könne zu einer Verurteilung wegen Mordes führen.

Einer hat den anderen zum Rennen provoziert

Ehestädt schilderte noch einmal, wie es zu dem Rennen kam: Beide Angeklagte hätten an einer Kreuzung nebeneinandergestanden. Hamdi H. sei mit seinem Audi losgerast. Marvin N. habe zunächst "vernünftig reagiert". Als ihn Hamdi H. an der nächsten Kreuzung noch einmal "zu einem Rennen animierte", habe Marvin "den Entschluss gefasst, sich an dem todbringenden Rennen" auf dem Kurfürstendamm und dem Tauentzien zu beteiligen. "Das ist ja die Eigenart der Raserszene, da gibt es keine Detailabsprache. Man taxiert das andere Fahrzeug, schätzt die Leistung ein, und dann geht es los – weil man gewinnen will, zur Steigerung des Selbstwertgefühls und für das Ansehen in der Szene", sagte Ehestädt. Kollidiert mit dem bei Grün von rechts kommenden Jeep sei zwar nur Hamdi H. mit seinem Audi. Da Marvin N. sich aktiv an dem Rennen beteiligt habe, handele es sich aber um ein "mittäterliches Geschehen". Hätte es eine bei tödlichen Verkehrsunfällen übliche Bestrafung wegen fahrlässiger Tötung geben, hätte die Strafe für Marvin N. aus Sicht der Kammer zwei bis drei Jahre unter der Strafe von Hamdi H. gelegen – er hätte also maximal eine Strafe von zwei Jahren bekommen. Bei Mord gebe es jedoch keinen Spielraum, die Strafe sei hier "absolut zwingend". Knackpunkt dieses Prozesses, sagte Ehestädt, sei die Entscheidung, ob es sich um eine "bewusste Fahrlässigkeit" oder den schon erwähnten "bedingten Tötungsvorsatz" handele. Die Kammer sei fest überzeugt, dass sie vom Letzteren auszugehen habe. Geprüft werden musste dabei auch "das Wissen und das Wollen". Beide Angeklagten hätten gewusst, wie es gefährlich es ist: "Sie waren nicht alkoholisiert, waren nicht übermüdet, sie waren voll einsatzfähig", argumentierte Ehestädt. Und auch das Wollen müsse bejaht werden: "Es war ja kein nächtliches Rennen auf einer Landstraße in Mecklenburg-Vorpommern." Beide Angeklagte hätten bei ihrer Raserei ganz bewusst alle Bedenken in den Wind geschlagen. "Sie waren entweder mit dem Eintreten des möglichen Schadens einverstanden oder haben sich zumindest damit abgefunden, dass er eintreten könnte." Das Risiko, dass auch die eigene Gesundheit und die eigenen Autos dabei gefährdet werden könnten, sei "ausgeblendet worden".

Beide waren mehrfach im Straßenverkehr aufgefallen

Bei der Einschätzung der Angeklagten habe die Kammer auch ihre Persönlichkeiten und ihr Vorleben berücksichtigt, sagte Ehestädt. Beide hätten in den vergangenen zwei Jahren im Straßenverkehr zahlreiche Ordnungswidrigkeiten begangen: Bei Hamdi H. sind es 16, mehrere wegen stark überhöhter Geschwindigkeit. Zudem gibt es Vorstrafen wegen unerlaubten Entfernens vom Unfallort und fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr. In einem weiteren Fall hatte er Autofahrer durch langsames Fahren provoziert und war vor ihnen Zickzack gefahren. Eine Gutachterin schätzte ein, dass er sein Fahrvermögen "massiv überschätze". Er habe kein Bewusstsein für eigene Schuld.

Für Marvin N. wurden sogar 21 Ordnungswidrigkeiten vermerkt. Bekannte beschreiben ihn als arrogant, selbstgerecht und als Protzer. Er soll – wie Hamdi H. – auch schon vor dem tödlichen Unfall illegale Rennen provoziert und sich an ihnen beteiligt haben.

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