Berlins Straßen

Der kleine „Radgeber“ für den großen Volkssport

Ein Wettrennen auf zwei Rädern erlebt unser Autor täglich. Und er weiß, wie man auf Berlins Straßen mit Anstand und Abstand vorne bleibt.

Ulli Kulke m Fahrrad

Ulli Kulke m Fahrrad

Foto: Amin Akhtar

Mal eben ein spontanes Radrennen gefällig? Da fällt dem Berliner zuallererst der Kronprinzessinnenweg ein, natürlich. Dort, wo sich am Sonnabend oder Sonntag die sportiv gesinnten Rennradfahrer messen, als Werbebanner verkleidet wie die Tour-de-France-Cracks. Vom Parkplatz Hüttenweg an der Avus runter Richtung Wannsee, die Havelchaussee hoch zur Heerstraße und dann über Eichkamp auf dem Königsweg wieder zurück auf Los, vielleicht ja auch zweimal rum. Gut 20 Kilometer, vor dem Frühstück, mit ein paar kleinen Bergwertungen am Grunewaldturm und am Postfenn, da kann man den anderen schon mal das Hinterrad zeigen – oder auch nicht. Gleichgesinnte sind immer da. Der kleine Volkssport auf dem Fahrrad, je nach Lust und Laune.

Der große Volkssport auf dem Rad aber findet woanders statt, verdeckter, aber umso heftiger. Nicht am Wochenende, sondern alltäglich. Morgens und abends. Überall in der Stadt, vor allem am Rand der großen Ausfallstraßen wie dem Mehringdamm oder der Schönhauser Allee, oder auf Radschnellwegen wie durch den Gleisdreieck-Park oder quer über das Tempelhofer Feld. Auf dem Weg zur Arbeit und von ihr zurück nach Hause. Viele Tausend machen jeden Tag mit, vielleicht jeder Sechste oder Zehnte, der im Berufsverkehr auf dem Rad unterwegs ist, und das werden ja immer mehr. Auch immer mehr Frauen übrigens, obwohl sie sich – noch – eher zurückhalten.

Man will überholen, auf keinen Fall überholt werden

Das Rennen läuft eher verdeckt, unerklärt, man beäugt sich auf dem Fahrrad, taxiert sich. Man will überholen, auf keinen Fall überholt werden. Niemand würde seine Teilnahme zugeben, aber es ist so. Vielleicht ja so ähnlich, wie Walter Ulbricht den Kapitalismus besiegen wollte: „Überholen ohne einzuholen“. Das, was sich motorisiert – idiotischerweise – auf den Schnellstraßen der Republik bei Tempo 200 plus abspielt, was – verbotenerweise – häufig genug in der Stadt ausgetragen wird, mit 300 oder 400 PS, bekannt als illegales Autorennen und bisweilen mit tödlichem Ausgang, das darf man sich auf dem Zweirad unbehelligt und ohne schlechtes Gewissen gönnen. Spaß muss sein – solange man die anderen abhängt. Ansonsten, wenn man mal hinterher fährt, hat man eben einfach nicht mitgemacht: Ich doch nicht, ist mir zu albern, heute tue ich sowieso langsam.

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Berlin startet gerade in das Jahr mit den wohl weitreichendsten fahrradpolitischen Entscheidungen. Eines der großen Vorhaben des neuen Senats ist es, den Radverkehr in der Stadt auf Vordermann zu bringen, womöglich sogar das Gesetz, das die Initiative „Volksentscheid Fahrrad“ per Referendum durchbringen wollte („Jedes Jahr mindestens 50 Kilometer neue Fahrradstraßen“), von sich aus zu verabschieden. Der massenhafte Frühsport auf dem Weg zur Arbeit kann also bald zu wahren Höhenflügen ansetzen.

Und es ist gar nicht so schwer, dabei vorne zu bleiben. Es gibt da ein paar ganz gute Tricks, echte und faule. Warum nicht?

1. Die Technik

Natürlich kommt es auf das Rad an, aber die wenigsten fahren mit dem Rennrad, muss auch nicht sein, es soll ja – sowieso – eher unauffällig stattfinden. Trotzdem kann leicht ein paar Stundenkilometer herausholen, wer zum Beispiel stets auf stramme Reifen achtet (dreieinhalb bar dürfen es schon sein) und, auch das wirkt Wunder, die Kette sauber und geschmiert hält. Am einfachsten ist das Aufpumpen natürlich an der Tankstelle – vorausgesetzt, man hat ein Autoventil oder einen Adapter griffbereit im Geldbeutel. Wenn heute immer mehr Tankstellen mit aufgeregten Schildern davor warnen, dass ihr Apparat Fahrradreifen zur Explosion bringt, so hat dies mehr mit der Sorge um ihre Energiekosten zu tun als mit der Sorge um die Sicherheit der Radler. Zu stark aufpumpen sollte man natürlich nicht.

2. Der Stil

Wer überholt wird, dem ist es natürlich peinlich, gleich anschließend zu beschleunigen und seinerseits zu überholen. Man kann demonstrativ auf die Uhr schauen und so tun, als sei einem plötzlich die Eile eingefallen. Aber all das sieht nach Kinderkram aus, nach deutlichem Ehrgeiz, und wer will den schon zu erkennen geben? Die Niederlage ist also da. Um sie zu vermeiden und rechtzeitig unauffällig reinzutreten, bleibt erst mal nur ständiges Umschauen, was aber ebenfalls keinen souveränen Eindruck macht. Hier und da, zum Beispiel auf der Friedrichstraße, hat man auf der Seite große Schaufensterscheiben zur Verfügung, die den Rückraum um vielleicht 15 Meter spiegeln, leider meist zu wenig, um ausreichend und trotzdem sanft beschleunigen zu können. Die entscheidende Stilfrage lautet also: Rückspiegel oder nicht? Cool wirkt er ja nicht, er gilt vielen als Ausgeburt der Spießigkeit, ähnlich wie einst Wackeldackel oder Klopapierrolle auf der Hutablage in der Limousine. Aber was ist peinlicher? Spiegel? Überholt werden? Umschauen? Die Entscheidung nimmt einem niemand ab. Ein Tipp: Immerhin gibt es heute winzige, unauffällige Spiegel unmittelbar am Handgriff, die großen, ausladenden an der Chromstange braucht keiner mehr.

3. Die Selbsteinschätzung

Auch wer seinerseits überholen will, ist vor Peinlichkeiten nicht gefeit. Ist der Vordermann endlich „geschafft“, so ruhen sehr viele sich sofort auf dem Erfolg aus und gönnen sich unwillkürlich einen langsameren Tritt. Mit der Folge, dass sie ihrerseits sofort wieder überholt werden vom Konkurrenten, der einfach sein Tempo hält. Es gilt also, erst mal seine eigenen Kräfte realistisch einzuschätzen: Kann ich das Tempo nach dem Überholen halten? Im Idealfall hat man so viele Reserven, um nach dem Vorbeifahren noch weiter zu beschleunigen und auf diese Weise allfällige Gegenangriffe gleich im Ansatz abzuwürgen. Was den Erniedrigungsfaktor – und den eigenen Glücksfaktor – verdoppelt und verdreifacht. So verschönert man sich dann die ersten Stunden im Büro, wenigstens bis zum Mittag.

4. Die Beobachtung

Der Typ da vorne, das potenzielle „Opfer“ in vielleicht 50 Metern, wie fährt er? Stetig, ohne größere Kraftanstrengung? Oder hektisch, mal schneller, mal langsamer, mal völlig ohne zu treten, mit kurzen Blitzetappen, um schnelles Fahren vorzutäuschen? Ist Letzteres der Fall, bedarf es keiner besonderen Anstrengung, ihn zu überholen, er wird über kurz oder lang sowieso zurückfallen. Sein Stil ist zu kräftezehrend, er hat offenbar kein Stehvermögen. Ist er gerade erst auf die Strecke eingebogen, also erst einmal gründlich schauen: Wie schnell fährt er überhaupt?

5. Die gefühlstaktische Zurückhaltung

Meistens ist der hart erkämpfte Vorsprung an der nächsten roten Ampel dahin, es sei denn, man baut den Abstand zum Überholten auf eine Ampelphase aus. Deshalb: Ampelphasen auf dem täglichen Büroweg beobachten. Oft genug aber kommt der Abgehängte ein paar Sekunden später auch an die Haltelinie – und baut sich wieder vor einem auf. Natürlich fährt man bei Grün jetzt nicht als Erster los, sondern genießt es, ihn gleich ein zweites Mal zu überholen – wenn es die Kräfte denn zulassen. Lassen die absehbar nach, hat man sich übernommen. Dann bietet der Ampelstopp andererseits die willkommene Gelegenheit aufzugeben, ohne die Schmach des Überholtwerdens über sich ergehen zu lassen. Oder, eigentlich, nun ja, man wollte ja auch gar kein Rennen, sowieso, was soll die Hektik, flöt. Manche drängeln sich drei, vier Mal an den Ampeln wieder vor, umso mehr Überholmanöver müssen sie über sich ergehen lassen. Bleiben sie irgendwann dann mal beim Stopp hinten, ist der Erfolg manifest.

6. Unlautere Konkurrenz

Plötzlich steht es neben einem: das Pedelec, das Elektrofahrrad – und legt einen Blitzstart hin, obwohl der Fahrer sich kaum anzustrengen scheint. Auf den ersten Blick ist das natürlich deprimierend. Es lohnt sich trotzdem dranzubleiben. Bei Tempo 25 ist nämlich Schluss mit der Fahrhilfe (wenn alles mit rechten Dingen zugeht und das E-Bike nicht getunet ist. Dann aber würde nur noch eins helfen: gleich mal anzeigen, Rache ist süß). Also: Abwarten bis Tempo 25, sowieso startet das Rennen ja meist weit jenseits davon. Dann aber hat der Elektroradler subjektiv das Gefühl, von unsichtbarer Hand ausgebremst zu werden, weil die Unterstützung ganz plötzlich nachlässt, was psychologisch seine Wirkung nicht verfehlt, er wird einfach nicht mehr schneller. Objektiv schlägt gleichzeitig das weit höhere Gewicht des Fahrrads (vor allem des Akkus) zu Buche. Aber Achtung: Droht auf den nächsten paar hundert Metern eine leichte Steigung, etwa auf dem Mehringdamm zum Tempelhofer Berg nach Süden oder auf der Schönhauser nach Norden, den klassischen Feierabendanhöhen, dann sollte man schon sicher sein, auch dort wenigstens 27 oder 28 Sachen hinlegen zu können. Sonst lacht der andere leise in sich hinein: „Vorsprung durch Technik“. Natürlich sind die unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen für jeden offensichtlich. Trotzdem: Wer sich an einem Pedelec-Fahrer vergeblich die Zähne ausbeißt, hat sich einfach zu viel zugetraut, übernommen, und das ist eben wieder – peinlich.

7. Das Ausweichmanöver

Apropos Tempelhofer Berg. Hier zum Beispiel ergab sich bis zum vergangenen Sommer eine wunderschöne Gelegenheit, auch denjenigen mal eine Nase zu zeigen, die etwas kräftiger als man selbst reintreten können. Unten, an der Ampel Ecke Kreuzbergstraße, konnte man die einfach starten lassen, auf den geplatteten, mühsamen Fahrradweg, dann selbst aber insgeheim auf die Straße ausweichen, auf den wunderbar glatten Asphalt, zu spät für die voreilige Konkurrenz, die nun vom holprigen Radweg nicht mehr runterkam. Drei oder sogar fünf Stundenkilometer macht so ein Unterschied in den Straßenbelägen aus, die Angst vor den überholenden LKW wird durch das Triumphgefühl glatt weggepustet. Oben, am Platz der Luftbrücke, wo alle wieder gemeinsam vor der roten Ampel standen, entspann sich dann schon mal die eine oder andere Diskussion über Wettbewerbsverzerrungen und solche Dinge. Leider: Diese Chance zum billigen Vorsprung ist dort inzwischen Geschichte. Der Aufstieg am Mehringdamm ist komplett neu asphaltiert und der Radweg in die glatte Straße integriert, optimale Bedingungen also für alle. Dennoch bietet die Stadt nach wie vor unzählige Etappen, bei denen man auf der Straße erheblich schneller fährt als auf dem Radweg aus Platten, Schlaglöchern oder Wurzelbergen. Und wer mal hinschaut, entdeckt oft überrascht, dass bei immer weniger Radwegen jenes blaue Schild steht, das die Radler verpflichtet, dort zu fahren. Vielfach sind sie abmontiert. Sehr viele, traditionelle, bekannte Radwege sind entwidmet, weil sie den Standards nicht mehr genügen, marode sind, zu schmal, zu gefährlich. Genau genommen darf man dort gar nicht mehr fahren. Die meisten tun es dennoch und werden auch geduldet, wie zum Beispiel am Mehringdamm in die Gegenrichtung, nach Norden, nach Mitte, auf noch unrenovierten, katastrophalen Parcours. Wer allerdings eine Phobie vor dicht überholenden Autos hat, sollte auf die Vorteile der Straße tunlichst verzichten.

8. Die Sicherheit

Natürlich kommt so ein Beitrag nicht ohne den allfälligen Appell zur Rücksichtnahme und zur Einhaltung der Vorschriften aus. Dies nicht nur, um sich aus der Verantwortung für Radrowdytum zu stehlen. Wenn alle Teilnehmer ihre eigenen Regeln aufstellen, ist jeder Wettbewerb schon vor dem Start gestorben. Es bereitet keinerlei Triumphgefühl, denjenigen, der auf Grün wartet, bei Rot zu überholen. Wer aus so etwas später im Büro glückliche Momente zieht, dem ist nicht zu helfen. Schlimmer noch ist es, auf den Fußweg auszuweichen, wenn das „Peloton“, wie der Rennradfahrer sagt (franz.: Knäuel), vor einem zu dicht ist. Fußgänger können schon mal abrupt die Richtung ändern, und zwar ohne Handzeichen zu geben. Es hilft nichts: Wenn schon ausweichen, dann nur auf die Seite der Stärkeren, in den Autoverkehr. Donnert einer der Teilnehmer durch die Fußgänger hindurch, auf keinen Fall folgen! An der nächsten Ampel bleibt genug Zeit für harte und zur Not auch lautstarke Auseinandersetzungen. Und übrigens, so oder so: Eine kleine Wettfahrt auf dem Weg zum Büro bietet, wenn sich dann doch mal zwei oder mehr dazu bekennen, vielfältigen Gesprächsstoff. Kann ja auch sein, dass man sich morgen wieder begegnet.