Urbane Kunst

Berliner Street Art gibt's jetzt im Museum

Zwei Monate lang zeigen deutsche Street-Art-Künstler ihre Werke in einer Ausstellung in Berlin-Schöneberg - ab Herbst auch dauerhaft.

Berlin. Wer durch Berlins Straßen läuft, begegnet an vielen Ecke den Kunstwerken von Street-Art-Künstlern. Nun werden noch mehr Fassaden zu Leinwänden - nicht nur draußen: Eine Ausstellung widmet sich der Geschichte der Straßenkunst in Deutschland. In der Schöneberger Bülowstraße werden sowohl in den Räumen des Projekts Urban Nation und an Hauswänden auf der Straße Werke von 16 deutschen Künstlern ausgestellt. Bald bekommt die Berliner Street-Art auch dauerhaft ein Zuhause: Im Herbst eröffnet Urban Nation ein Museum.

„Die Sprühdose ist ein Instrument kreativen Ausdrucks und gesellschaftlicher Kritik“, sagt Yasha Young. Sie ist Direktorin von Urban Nation, einem Projekt der Stiftung Berliner Leben, getragen von der Gewobag-Genossenschaft. Auch in der Ausstellung „Radius“ nimmt Gesellschaftskritik einen wichtigen Platz ein. Dort stellt unter anderem die nordrhein-westfälische Gruppe Zelle Asphaltkultur aus.

Die Künstler erregten 2011 Aufmerksamkeit, als sie die Abbildung eines Konzentrationslagers an eine Mauer neben einem Düsseldorfer Bahnhof sprayten, von dem aus tausende Juden während der NS-Zeit deportiert wurden. „Aktivismus ist zentral für unsere Kunstform. Wer etwas zu sagen hat, bekommt auf den Straßen eine große Projektionsfläche dafür“, sagt Yasha Young.

So wird Berlins Museum für Streetart aussehen

In Schöneberg entsteht Urban Nation Museum für Contemporary Art, Deutschlands erstes Museum für Streetart. Dafür wird das Haus nach innovativen Plänen umgestaltet. Teile der Außenwände sind abnehmbar. Somit kann die Fassadenkunst regelmäßig wechseln.
So wird Berlins Museum für Streetart aussehen

Kunst um der Kunst Willen

Doch die deutsche Street-Art-Szene kann, neben mahnenden Botschaften, auch Kunst um der Kunst Willen, wie das Künstlerkollektiv Moses und Taps demonstriert. In der Szene erarbeiteten die Sprayer sich ihren Ruf etwa durch eine Aktion vor einigen Jahren, bei der sie innerhalb von 1000 Tagen weltweit 1000 Züge mit ihren Pseudonymen bemalten.

Die Künstler, die bei Urban Nation ausstellen, stehen Pate für die Veränderung der Street-Art in Deutschland. Nach wie vor spiele das klassische Graffitti der 70er- und 80er-Jahre eine wichtige Rolle, erklärt Yasha Young - nur eben in der Ausführung weiterentwickelt.

Dazu kamen später Formen der urbanen Konzept-Kunst, etwa “Urban Gardening„, wobei die Künstler beispielsweise Schlaglöcher bepflanzen. Eine weitere Variante zeigten Moses und Taps 2015: Da wurden die Künstler deutschlandweit bekannt, als sie die Tür einer Hamburger S-Bahn zumauerten. Sie selbst bezeichnen ihre durchaus umstrittene Kunst als „Konzept-Vandalismus“.

Wie ein Freiluft-Museum für „Urban Art“

Für knapp zwei Monate sind die Street-Art-Kunstwerke in der Bülowstraße zu sehen. Ohnehin mutet die Gegend rund um die Räumlichkeiten von Urban Nation an wie ein Freiluft-Museum für „Urban Art“: An den Häuserwänden prangen viele großformatige Graffiti. Schon seit 2013 lädt Urban Nation international renommierte Graffiti-Künstler ein, die Gebäude hier, aber auch anderswo in Berlin verschönern.

„Radius“ ist die mittlerweile elfte Schau. Dabei entstanden während der letzten drei Jahre mehr als 130 Kunstwerke, die bald gesammelt gezeigt werden. Im September eröffnet die Gewobag ein Museum für „urban contemporary art“. Dafür malen die Künstler ihre Werke auf mobile Fassadenelemente, die regelmäßig ausgetauscht werden. Doch wozu braucht es ein Museum für Kunst, die ohnehin an so gut wie jeder Straßenecke zu sehen ist? Es gibt sogar eigene Street-Art-Stadtführungen mit Workshops.

Ein klassisches Museum soll es jedenfalls nicht werden, sagt Urban-Nation Chefin Young. „Klar, wir wollen auch archivieren, aber vor allem aktiv gestalten.“ Man wolle nicht Kunst von der Straße ins Museum pressen. Stattdessen sollen junge Street-Artists gefördert werden, indem man ihnen eine Bühne biete. Weiterhin sollen die Künstler die Nachbarschaft in Schöneberg bunter machen, zudem wird es regelmäßige Street-Art-Workshops geben. Das Museum soll eine Chance sein für alle, die neue Ideen haben, diese auch umzusetzen, sagt Yasha Young. „Street-Art lebt von Veränderung.“

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.