Berlin

Reptilienmenschen und Weltkomplott

David Icke ist ein Star der Verschwörungstheoretiker-Szene und relativiert den Holocaust. Im Oktober will er nach Berlin kommen

David Icke einen Verschwörungstheoretiker zu nennen, wäre stark untertrieben. Gegen das, was der britische Autor seinem Publikum so alles präsentiert, verblassen herkömmliche Schauergeschichten wie die über den langen Arm der Geheimdienste, Elvis, Chemtrails und 9/11. Das ist Kreisklasse. Der ehemalige Profi-Fußballer Icke spielt in der Champions League.

Im Oktober will der Brite im Rahmen seiner Welttournee im Berliner "Maritim"-Hotel am Potsdamer Platz auftreten. Zahlreiche Veranstaltungsorte hatten ihm zuvor abgesagt, zuletzt die Stuttgarter Carl Benz Arena. Man habe den problematischen Hintergrund des 64-Jährigen bei Vertragsabschluss nicht gekannt und sei dankbar für die Hinweise, sagte der "Maritim"-Geschäftsführer laut "Stuttgarter Zeitung".

Eine Reise in das Paralleluniversum David Ickes gleicht einem LSD-Trip. Da ist zum Beispiel die Reptiloiden-Theorie. Der ehemalige Pressesprecher der englischen Grünen Partei geht davon aus, dass die Welt von Wesen beherrscht wird, die aus einer Kreuzung zwischen Menschen und außerirdischen Reptilien entstanden sind. Ex-Präsident George Bush ist einer, Barack Obama natürlich auch. Der bevorzugte Lebensraum dieser "Reptiloiden" ist das Innere des Erdballs, die sogenannte Hohlerde. Icke meint das ernst.

"Das klingt bizarr und lustig, ist es aber nicht" sagt Sebastian Bartoschek. Der Psychologe ist Experte für die Verschwörungstheoretiker-Szene und warnt vor David Icke, der mehrere Bücher verfasst hat und weltweit die Hallen füllt. "Icke bediente schon immer antisemitische und antidemokratische Ressentiments, früher verdeckt und angedeutet, mittlerweile völlig offen." So halte er zum Beispiel die "Protokolle der Weisen von Zion" für echt.

Die fiktionale Schmähschrift ist Anfang des 20. Jahrhunderts im russischen Kaiserreich entstanden und beschreibt ein angebliches Treffen jüdischer Weltverschwörer. Adolf Hitler bezog sich in seinem Buch "Mein Kampf" auf die Schrift. Diese zeige das wahre Wesen der Juden, sagte er 1943 in einem Gespräch mit Propagandaminister Joseph Goebbels und fügte hinzu: "Es bleibt also den modernen Völkern nichts anderes übrig, als die Juden auszurotten." Heute sind die "Protokolle" vor allem in der islamischen Welt populär. Und bei David Icke.

Dieser sehe das jüdische Bankhaus Rothschild als Verursacher des Holocaust an. "Dahinter steckt eine antidemokratische Grundhaltung, die viele Menschen anspricht", sagt Bartoschek.

"Ich kann darüber lachen", sagt Giulia Silberberger. Die 35-Jährige ist Gründerin der Organisation "Der Goldene Aluhut", die auf humorvolle Weise über Verschwörungstheorien und Sekten aufklärt. Dennoch sei Icke ein Antisemit der im Stande sei, Menschen zu manipulieren. Verschwörungstheoretiker seien oft "Rosinenpicker" die zwar nicht das ideologische Gesamtpaket glaubten, sich aber raussuchten, was zu ihrem Weltbild passe. Das könnten auch rechtsextremistische Versatzstücke sein, sagt Silberberger. "Ich finde es problematisch, dass das renommierte "Maritim"-Hotel David Icke ohne kritische Gegenstimme eine Plattform bietet." Bei seinem Vortrag im Oktober in Berlin will Icke neben den Themen "Neue Weltordnung", "Wer wirklich hinter dem Terrorismus steckt" und "Die Medien und Desinformation" auch über die "Reptiloiden" sprechen.

"Maritim"-Hotel will den Vertrag auflösen

Dem "Maritim"-Hotel dürfte das nicht gefallen. Gerade erst hat die Hotelkette dem thüringischen AfD-Politiker Björn Höcke Hausverbot erteilt. Am Dienstag veröffentlichte das Unternehmen eine Begründung, in der es heißt, das "Maritim" ziehe bei der Vergabe seiner Räumlichkeiten dort Grenzen, wo andere diskriminiert wurden, der Holocaust geleugnet oder sonst die Gräuel des NS-Regimes verharmlost würden.

"Uns war nicht bewusst, dass David Icke zu der Veranstaltung am 21. Oktober kommt", teilt die "Maritim"-Geschäftsführung auf Morgenpost-Anfrage mit. "Wir haben deshalb die Buchung geprüft und werden versuchen, den Vertrag zu lösen."

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