Reproduktionstechnologie

Die umstrittene Kinderwunsch-Messe kommt nach Berlin

Am Wochenende findet erstmals eine Messe zur Reproduktionstechnologie in Berlin statt. Experten sehen das Treffen kritisch.

In den Laboren der Kinderwunschzentren werden die Eizellen künstlich befruchtet

In den Laboren der Kinderwunschzentren werden die Eizellen künstlich befruchtet

Foto: Jürgen Blume / © epd-bild / Jürgen Blume

„Werd bloß nicht zu früh schwanger“, hieß es immer. Nicole Nagel erinnert sich gut an diesen Satz. Und auch an den Zeitgeist der 80er-Jahre, in dem sie groß geworden ist: Da sei diese Panik gewesen, die Welt gehe unter. Lieber keinen Nachwuchs in die Welt setzen! Aber was ist danach passiert, als sie alt genug dafür gewesen wäre und die Welt sich beruhigt hatte? Wieso haben so viele andere, die sich doch nie so sicher waren wie sie, Kinder bekommen – nur sie nie?

Insgeheim scheint die Berlinerin noch immer nach einem Grund dafür zu suchen. Männer? Zeitpunkt? Körper? Schicksal? All das hatte sie sich oft gefragt, wo Nagel doch, seit sie mit 26 Jahren ihr Regiestudium abgeschlossen hat, dachte: Jetzt ein Baby, das wäre toll. Sie, die immer vor der 30 ihr erstes Kind bekommen wollte wider den Anti-Kinder-Zeitgeist.

Mit 44 Jahren wird sie nicht mehr Mutter

Nagel ist nun 44 Jahre alt und wird keine Mutter mehr. Mittlerweile kann sie damit umgehen. Wenn sie von ihrem ewigen Kinderwunsch erzählt, wirkt sie gefasst. Anderes bleibt ihr ja auch nicht übrig, nachdem sie mit der angeblich sichersten und wohl auch teuersten Methode mit Anfang 40 ihre Eizellen hat künstlich befruchten lassen.

Dabei werden Eizellen der Frau mit speziellen Medikamenten gezüchtet, sodass möglichst viele entstehen, die anschließend befruchtet werden können. Danach werden sie während des Eisprungs entnommen und extern über eine Spritze mit dem Spermium des Mannes befruchtet.

Das Ergebnis bei Nagel fiel ernüchternd aus: „Von gerade mal vier produzierten Eizellen wurde nicht eine befruchtet“, sagt Nagel. Dabei war sie sich so sicher, dass es klappt. Dass der Körper im Alter aber so schnell abbaut, sei ihr nicht klar gewesen. Nur einmal diesen Weg gehen, um es nicht irgendwann zu bereuen, das war ihr Plan. Dabei blieb es nun auch. So aber denkt nicht jeder, und das kann teuer werden: Nicole Nagel will von einer Frau gehört haben, die sich wegen weiterer Versuche in Schulden gestürzt hat.

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann auch seelisch aufreibend sein

Bis zu 3000 Euro kann allein ein Eingriff kosten, und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit, beim ersten Versuch Erfolg zu haben, nach Schätzungen bei gerade mal 19 Prozent liegt. Es heißt sogar, dass mehr als die Hälfte auch nach drei Versuchen noch ohne Kind bleiben.

Der unerfüllte Kinderwunsch wird bei vielen zum Lebensthema und ist damit nicht nur finanziell aufwendig, sondern auch seelisch stark aufreibend. „Ich denke nicht ausschließlich daran, aber es ist ein wichtiger Teil von mir“, sagt auch Nicole Nagel. Immerhin sei der Versuch bei ihr noch verhältnismäßig glimpflich abgelaufen. Dabei denkt sie an diejenigen, die durch künstliche Befruchtung schwanger werden, das Kind aber nach ein paar Monaten wieder verlieren – das ist möglich. „Meine Welt wäre zusammengebrochen.“

50 Aussteller bei den „Kinderwunsch-Tagen“

Menschen, die noch hoffnungsvoll auf Reproduktionsmedizin setzen, können am kommenden Wochenende zu den „Kinderwunsch-Tagen“ gehen. Erstmals findet eine solche Publikumsmesse statt, die mit rund 50 Ausstellern über das Thema alternativer Befruchtungen aufklären will. Vor Ort können sich ungewollt Kinderlose und homosexuelle Paare mit Medizinern, Gesundheitsexperten und Therapeuten austauschen.

Wichtig ist das Thema allemal, das jedenfalls belegen die Zahlen: 2015 sollen in Deutschland mehr als 96.000 Behandlungszyklen durchgeführt worden sein, die entweder durch Eizellenentnahme oder das Einfrieren von Eizellen zu einer künstlichen Befruchtung führen sollten.

Trotzdem ist die Veranstaltung umstritten, da nicht nur die legalen, sondern auch illegale Methoden präsentiert werden sollen. Solche, die unter anderem in Ländern wie Spanien, den USA, Polen oder Großbritannien erlaubt sind, in Deutschland hingegen unter Strafe stehen, seien sogar in der Überzahl. Darunter fallen Eizellenspende, Leihmutterschaft oder Vorauswahl des Geschlechtes.

Für viel Diskussion sorgte die Messe auch, weil vermutet wird, das Thema werde kommerzialisiert. Aufklärung ist zwar erlaubt, nicht aber Werbung oder womöglich konkrete Verkaufsgespräche. So sagte der Berliner Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte, Matthias Bloechle, kürzlich: „Das ist eine Werbeveranstaltung, von der gerade für Patienten keine sachlichen Informationen zu erwarten sind.“ Und auch der Deutsche Ethikrat will das Wachsen einer hierzulande kommerzialisierten Babybranche verhindern.

Berlinerin brachte mit 65 Jahren Vierlinge zur Welt

Von dem Anreiz, für viel Geld ins Ausland zu gehen, um seinem Kinderwunsch näher zu kommen, weiß er natürlich. Nach Schätzungen des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren sind es wohl bis zu 3000 Frauen jährlich. Ganz genau könne man das allerdings nicht sagen. Eine von ihnen war eine 65-jährige Berlinerin. Viele werden sich an den Fall der Frau erinnern, die in die Ukraine ging, um dank Samen- und Eizellenspenden Vierlinge zur Welt zu bringen.

Dies mag man einen Extremfall nennen. Aber was ist mit vielen anderen, deutlich jüngeren Kinderlosen? Nicole Nagel findet: „Wenn man schon sagt, man unterstützt die Wissenschaft der Reproduktionsmedizin, warum dann nicht auch die in Deutschland illegalen Methoden?“ So viele Faktoren fließen hinein, dass es nicht einfach zu entscheiden ist: ethische Argumente, moralische, persönliche, medizinische Gründe und eben auch bestimmte Gesetze.

Nicole Nagel aber hat für sich ohnehin abgeschlossen. Das Leben, sagte sie sich irgendwann, habe etwas anderes mit ihr geplant. Mittlerweile weiß sie, was: „Mein Mann und ich haben nun gesagt, wir kümmern uns um die Kinder, die schon da sind.“ Seit dieser Woche lebt ein fünfjähriger Junge bei ihnen zur Pflege, der aus seiner leiblichen Familie genommen werden musste. Auch wenn sie allenfalls Ersatzmutter oder Freundin für das Kind sein kann und nie richtig Mutter, scheint sie in dieser Idee, ihren Seelenfrieden gefunden zu haben.

Die Messe

Kinderwunsch-Tage Die Messe findet zum ersten Mal in Deutschland statt. Sie will ihren Besuchern Gelegenheit geben, „mit führenden Medizinern, Klinikärzten, Therapeuten, Behandlungszentren und Betreuungsgruppen ins Gespräch zu kommen“, wie es auf der messeeigenen Website www.kinderwunsch-tage.de heißt.

Seminare Während der zwei Tage werden auch Seminare angeboten. Experten werden dabei unter anderem über ganzheitliche Kinderwunschbegleitung, rechtliche Voraussetzungen für die Kostenerstattung oder Behandlungsmöglichkeiten in den USA referieren.

Kritik Politiker und Ärztevertreter bemängeln, dass bei den „Kinderwunsch-Tagen“ auch Methoden vorgestellt werden, die in Deutschland verboten sind, zum Beispiel die Eizellenspende oder die Leihmutterschaft. Unter den Ausstellern vertreten ist beispielsweise ein Anbieter für Reproduktionsmedizin aus Oregon in den USA.

Messe Die „Kinderwunsch-Tage“ finden am Sonnabend, 18., und Sonntag, 19. Februar, jeweils von 10 bis 17 Uhr im Mercure Hotel MOA Berlin, Stephanstraße 41, in Moabit statt.

Tickets Das Einzelticket für einen der beiden Tage kostet 20 Euro, das Paarticket 30 Euro. Der Eintrittspreis für eine Person an beiden Tagen beträgt 35 Euro, als Paar 40 Euro.