Warten statt starten

Streik an Flughäfen: "Das große Chaos ist ausgefallen"

Mehr als 100 Flüge fielen wegen des Streiks des Bodenpersonals in Tegel und Schönefeld aus. Weitere Aktionen drohen.

Flughafen Tegel

Flughafen Tegel

Foto: picture-alliance

Wer am Mittwochmorgen von Berlin aus in die Welt starten will, der bekommt am Flughafen Tegel einen ganz besonderen Empfang. Hunderte Mitarbeiter des Bodenpersonals haben sich vor dem Terminal A versammelt, um – ausgerüstet mit Trillerpfeifen und Hupen – ihrer Forderung nach mehr Gehalt und besseren Arbeitsbedingungen lautstark Nachdruck zu verleihen.

Für Tausende Reisende bedeutet dies: Erst einmal warten statt starten. Die Airlines haben nach der Streikankündigung von Verdi fast alle Abflüge am Vormittag kurzfristig gestrichen oder verschoben. So sollte etwa die Maschine von Air Berlin nach Teneriffa statt um 9.15 Uhr erst um 12.10 Uhr abheben, der Start des Transatlantikfluges nach Chicago wurde von der Airline von 9.25 auf 12.30 Uhr verschoben. Flüge von Germanwings nach Köln-Bonn und von Swiss nach Zürich wurden von den betreffenden Fluggesellschaften gleich ganz abgesagt.

Streik in Tegel und Schönefeld: Das müssen Fluggäste wissen

Nach Angaben der Betreibergesellschaft der Berliner Flughäfen müssen in Tegel insgesamt 115 Flüge wegen des fünfstündigen Ausstandes des Bodenpersonals am Morgen gestrichen werden, in Schönefeld sind es 22. Betroffen davon sind fast alle Verbindungen der Gesellschaften Lufthansa, Air Berlin, Germanwings und Eurowings. Weil Flugzeuge nicht rechtzeitig in Berlin eintreffen, kommt es auch nach Wiederaufnahme des regulären Flugbetriebes noch zu Verspätungen und einzelnen Ausfällen. Das zunächst befürchtete Chaos an den Berliner Airports bleibt aber aus. „Viele Passagiere sind durch gute Information gestern und heute erst gar nicht zu den Flughäfen gekommen“, sagt ein Flughafensprecher.

Warnstreik legt Berliner Airports lahm

Die Gewerkschaft Verdi hatte am Dienstag mit weniger als 24 Stunden Vorlauf zu dem Warnstreik aufgerufen. Hintergrund ist der bereits seit drei Monaten geführte Tarifstreit für das Bodenpersonal an den Flughäfen. Zum Bodenservice zählen zum Beispiel der Check-in der Passagiere und die Abfertigung des Gepäcks. Zum Aufgabenbereich gehört aber auch das gerade im Winter wichtige Enteisen der Flugzeuge und das Betanken der Maschinen. Auch an den Flughäfen in Hamburg, Stuttgart und München war das Bodenpersonal zum Warnstreik aufgerufen. Dort fielen die Einschränkungen für die Passagiere aber geringer aus als in Berlin.

An der Arbeitsniederlegung in Berlin beteiligen sich nach Gewerkschaftsangaben in Tegel etwa 400 Mitarbeiter und in Schönefeld etwa 150. An der Kundgebung vor dem Terminal A in Tegel sollen sogar rund 800 Beschäftigte teilgenommen haben. „Viele Mitarbeiter, die eigentlich freihatten, sind gekommen und haben sich mit der Frühschicht solidarisiert“, sagt Enrico Rümker. Der Verhandlungsführer der Gewerkschaft Verdi bezeichnet den Warnstreik als „großen Erfolg“.

Zu denen, die mit Fahnen und Transparenten durch die Abflughalle marschieren, gehört auch Dennis Adomeit. „Seit 17 Jahren arbeite ich in Tegel, und die Arbeitsbedingungen am Flughafen werden immer schlechter. Nun wissen wir nicht einmal, wie es hier weitergeht“, empört sich der 40-Jährige, der im harten Schichtdienst schwere Koffer ein- und auslädt, über seinen Arbeitgeber. Aus Kostengründen würden die Bodendienstleister immer mehr billige Leiharbeiter und wenig qualifiziertes Personal aus der EU einstellen. „Wir Stammkräfte müssen jetzt um unsere Jobs fürchten.“ Auch seine Kollegin Christin Müller ist in höchstem Maße mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden. „Wir leiden unter akutem Personalmangel und der schlechten Ausbildung neuer Mitarbeiter.“

Am kommenden Freitag wird weiterverhandelt

Adomeit und Müller sind bei der Firma Aviation Ground Service Berlin (AGSB) beschäftigt, einem der vielen Dienstleister, die an den Berliner Flughäfen tätig sind. Die Gewerkschafter machen aber auch die Airlines für die schlechte Bezahlung und hohe Arbeitsverdichtung verantwortlich. „Wer Tickets für 19 Euro verkauft, der hat kein Geld für die Bodendienstleister“, sagt Peter Wulbrede, Betriebsratsvorsitzender bei der AGSB. Die Mitarbeiter müssten am Ende den Preis für die Billigtickets zahlen.

Bereits am morgigen Freitag wollen sich die Unterhändler von Verdi und dem für die Arbeitgeber verhandelnden Allgemeinen Verband der Wirtschaft für Berlin und Brandenburg zur nächsten Runde treffen. „Wird es erneut kein substanzielles Angebot der Arbeitgeber geben, sehen wir uns hier bald wieder“, kündigt Verdi-Verhandlungsführer Rümker bei der Kundgebung vor den jubelnden Flughafenmitarbeitern schon einmal an. Und noch einmal erklingen vor dem Terminal A in Tegel lautstark Trillerpfeifen und Tröten.

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