Daniel Brühl und der Geschmack der Kindheit

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Peter Zander
Schauspieler Daniel Brühl beim Spaziergang in Prenzlauer Berg

Schauspieler Daniel Brühl beim Spaziergang in Prenzlauer Berg

Foto: Reto Klar

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Daniel Brühl.

Er ist ein wenig zu spät. Mit Schwung kommt Daniel Brühl auf einem Sportrad angeradelt, und das trotz eisiger Temperaturen. Die Verspätung ist ihm ein bisschen peinlich. Aber er hat die schönste aller Entschuldigungen: Er musste noch Windeln wechseln. Auf den Tag genau vor drei Monaten ist der Schauspieler Vater geworden. Die Geburt hat er aber nicht an die große Glocke gehängt und konnte sie weitgehend aus der Regenbogenpresse heraushalten. Auch jetzt will er den Namen seines Sohnes nicht nennen. Noch nicht. Das kommt, ahnt er, alles noch früh genug.

Am liebsten möchte er gar nicht darüber reden. Aber dann fängt er doch selber immer wieder von „dem Kleinen“, wie er ihn nennt, an. So ist das halt mit dem Vaterwerden. Er selbst hatte immer lächeln müssen, wenn all die Latte-macchiato-Mütter mit ihren Kinderwagen durch Prenzlauer Berg ziehen und von ihren Babys schwärmen. Und nun beobachtet er das plötzlich auch an sich selbst: Dass alles gefeiert wird – wenn der Kleine nach etwas greift oder vor sich hin blubbert. Und wie beglückend es ist, jeden Tag diese Veränderungen mitzubekommen.

Gleichwohl ist Daniel Brühl ganz froh, dass wir uns zu einem Spaziergang getroffen haben. So hat er mal ein bisschen Ruhe vor dem Babygeschrei daheim. „Das sollte ich wahrscheinlich nicht sagen. Wenn das meine Freundin liest, wäscht die mir den Kopf.“ Vielleicht wäre Felicitas Rombold aber auch einfach neidisch. Das Drehen, meint Brühl grinsend, sei weniger anstrengend und fast wie eine Pause. Aber das ist natürlich Koketterie. Der 38-Jährige kann seinen Vaterstolz kaum kaschieren. Und der Sohn kommt ja auch zu Dreharbeiten mit. Gerade in den ersten Tagen wäre es sträflich, meint der Vater, wenn der Kleine ihn nicht mitbekäme.

Mit diesem Bart erkennt man ihn erst auf den zweiten Blick

Unser Treffpunkt, an dem Daniel Brühl eben sein Sportrad angeschlossen hat, ist die Göhrener, Ecke Raumerstraße. Eine kleine Nebenstraße unweit des Helmholtzplatzes. Es ist kein Zufall, dass wir uns hier treffen. Hier ist, gerade zwei Tage zuvor, sein zweites Baby auf die Welt gekommen: das Restaurant Gràcia. Seit ziemlich genau sechs Jahren betreibt der Schauspieler mit spanischen Wurzeln bereits die Tapas-Bar „Raval“ in Kreuzberg, direkt am Görlitzer Park, die Eröffnung war damals während der Berlinale. Und die Bar hat sich seither zu einer festen Größe entwickelt.

Nun hat er ein zweites Tapas-Restaurant eröffnet. Die „Bar Gràcia“ ist aber kein Ableger, in dem dieselbe Speisekarte ausliegt. Es gibt einen eigenen Koch, Sergio Andreu. Und während es im Raval Tapas-Klassiker gibt, wird im Gràcia das serviert, was man „Autoren-Tapas“ nennt. Also die üblichen Klassiker mit einer besonderen Note, einer eigenen Handschrift, die den ursprünglichen Geschmack nicht verfälscht, aber noch mal um Nuancen bereichert. Daniel Brühl hat lange nach der passenden Adresse für seine Zweitbar gesucht. Und ist auch hier sichtlich stolz. Das Gràcia ist ein Eckladen wie das Raval, Brühl liebt solche Räume, im Sommer kann man auch draußen sitzen. Der trendige Helmholztplatz liegt um die Ecke, trotzdem ist es ein bisschen lauschiger. Und: Es ist sein eigener Kiez hier, er wohnt nicht weit entfernt. Und hofft, hier öfter vorbeischauen zu können als im Raval.

Vom Gràcia aus laufen wir deshalb die Göhrener Straße entlang, die sich im Gegensatz zu den anderen Straßen ein wenig windet und mitten in der Kurve einen hübschen kleinen Platz mit Spielplatz offenbart, den man hier nicht erwartet hätte. Hier will unser Fotograf den Schauspieler auch gleich ablichten. Und nötigt ihn auf die Rutsche. Brühl will erst nicht recht. Die Rutsche, ist das nicht ein wenig zu aufdringlich für jemanden, der gerade Vater geworden ist? Noch dazu, wenn das Kind gar nicht dabei ist? Brühl geniert sich aber auch aus einem anderen Grund.

Der Bart ist für den Film „Entebbe“ - und muss vorerst bleiben

Wegen seines Bartes hat er sich schon gleich zu Anfang mehrfach entschuldigt. Er hat gerade in Großbritannien „Entebbe“ abgedreht, einen Spielfilm über die Flugzeugentführung von 1976; damals entführten zwei deutsche Terroristen der Revolutionären Zellen zusammen mit Palästinensern eine Air- France-Maschine mit 258 Passagieren und 12 Crew-Mitgliedern. Für die Rolle musste er einen Bart tragen. Wegen eines „kleinen Malheurs“ muss eine Szene noch mal nachgedreht werden, deswegen konnte er ihn noch nicht abrasieren.

Als Nächstes wird er ab März in Buda­pest seine erste Serie drehen, die US-Produktion „The Alienist“ mit Luke Evans und Dakota Fanning, nach dem Bestseller von Caleb Carr. Es geht um einen Serienmörder in New York und spielt im Jahr 1899. „Ich hatte schon befürchtet, dass die meinen: Bloß keinen Millimeter abschneiden“, stöhnt er und setzt hinzu: „Ich lass das jetzt gedeihen, dieses Unkraut.“ Kann gut sein, dass das dann zwei Jahre mit Bart bedeutet. Wahrscheinlich, mutmaßt er, fragt sich sein Sohn irgendwann, wo denn sein Vater sei, wenn der Bart endlich ab ist.

So ein Bart hat natürlich auch was Praktisches. Brühl kann ganz unbeschwert durch den Kiez laufen. Wir laufen die Göhrener Straße zu Ende, biegen in die Senefelder und laufen über die Danziger in die Kollwitzstraße. Und wirklich: Keiner scheint ihn zu erkennen. Keiner guckt. Obwohl der Reporter ihm ja ein verdächtiges Aufnahmegerät unter die Nase hält. Das sei hier aber sowieso ganz entspannt, meint er. Weil in der Gegend so viele Kollegen wohnen würden. An den Helmholtzplatz will er trotzdem nicht: „zu wuselig“.

Und als wir jetzt sehen, dass vor uns in der Kollwitzstraße Markt ist, biegen wir schnell ab und nehmen die parallele Rykestraße. Da aber traut er sich auf den Wasserturm, sogar bis ganz nach oben auf die Plattform. Trotz schönsten Sonnenscheins sitzt hier nur ein einziger Zeitungsleser auf der Bank, das muss mit den eisigen Temperaturen zu tun haben. Und auch der nimmt keinerlei Notiz von ihm. Die Latte-macchiato-Mütter sitzen wohl alle im Café. So können wir unbeschwert die Aussicht genießen.

Für „Good Bye, Lenin!“ kam Brühl damals nach Berlin

Es ist sein Kiez hier. Daniel Brühl ist 2001 nach Berlin gezogen, damals wegen der Dreharbeiten zu „Good Bye, Lenin!“. Und er ist dem Kiez in all den Jahren treu geblieben, ist nur mal ein paar Straßenecken weitergezogen. „Ich bin so viel unterwegs, in so vielen Städten, dass man auch gern wieder nach Berlin zurückkommt“, meint er. Wegziehen, das wäre jetzt mit dem Kind und dem zweiten Restaurant noch schwieriger. Und der Traum Amerika sei ja wegen Donald Trump gerade erst mal ausgeträumt. Es sei ganz schlimm, was da passiere. Und er sei ganz froh, dass der Kleine noch zu jung sei und er ihm nicht erklären müsse, was da gerade passiert.

Brühl freut sich zwar, dass er seit „Rush“ immer häufiger auch in US-Produktionen mitwirkt, aber er ist doch stolz, in einem Land zu wohnen, das die europäisch-demokratischen Werte noch hochhalte. Und wenn ihn doch mal das Fernweh packt, hat er ja noch eine Zweitwohnung in Barcelona. Im Viertel Gràcia, das seinem neuen Restaurant den Namen gab. Auch das ist dann Rückkehr und Heimat.

Daniel César Martín Brühl González ist ja in Barcelona geboren, als Kind eines Deutschen und einer Spanierin. Und auch wenn er in Köln aufgewachsen ist, war er ganz oft in Barcelona. Deshalb auch seine Restaurants. Mit Tapas ist er groß geworden. „Meine Oma hat immer Tortillas mit Chorizowurst gemacht. Wenn ich da reinbeiße, katapultiert mich das sofort zurück nach Spanien und in die früheste Kindheit.“ Wenn er in Köln Kumpels zu sich eingeladen hat, haben die immer das Gesicht verzogen, wenn es in Öl eingelegte Sardinen gab. Für Brühl dagegen ging dann die Sonne auf.

So entstand auch die Idee zur ersten Bar. Solange er in Köln gelebt hat, konnte er Mutters Küche genießen. Als er nach Berlin zog, kam der spanische Teil in ihm zu kurz. Bis er herausbekam, dass der einzige Spanier, den er in Berlin kannte, Atilano González, wie er von einer Tapas-Bar träumte. So haben sie sich zusammengetan.

Wir haben den Wasserturm hinter uns gelassen und laufen nun die Knaackstraße entlang, als er mir vom Gràcia vorschwärmt. Wird das Raval jetzt darunter leiden? Nee, lacht Brühl, das vernachlässigt man nicht. „Aber die sind vielleicht ganz froh, wenn ich nicht ständig dort auftauche.“ Gewisse Rituale wie die jährliche Berlinale-Feier oder die Fußballübertragungen sollen weiterhin im Raval zelebriert werden. Aber die Kreuzberger Bar habe ja auch schon Patina, während es im Gràcia noch überall nach frischer Farbe riecht.

Brühls Sohn soll zweisprachig aufwachsen

Gibt es eigentlich Gäste, die nur kommen, um zu gucken, ob der Star auch mal da ist? Ja, meint Brühl, das habe es hin und wieder gegeben. Aber die meisten Gäste kämen doch wegen des Essens. Manchmal, bei Feiern, lasse er sich auch dazu hinreißen, sich hinter den Tresen zu stellen. Aber die Gäste würden sich dann doch freuen, wenn der Barkeeper vom Rauchen zurückkommt. Vor Michael Fassbender, den er mal eingeladen hat, habe er geprahlt, er könne Supercocktails zaubern. „Ich glaube, er war nicht so begeistert. Er hat dann selber was serviert.“ Brühl sagt das voller Selbstironie.

Es sollte halt „nie so ein peinliches Lokal sein, das von der Popularität des Besitzers lebt“. Wenn er mit Prominenten in der Stadt dreht oder hier eine Filmpremiere feiert, lädt er sie aber schon ins Raval. Das Gästebuch ist ihm deshalb heilig, so eines möchte er nun auch im Gràcia einführen.

Wir haben jetzt doch noch den Helmholtzplatz gestreift. Es war gar nicht so wuselig, keiner hat Notiz von uns genommen. Zuletzt stehen wir wieder vor dem besagten Gràcia. Das, hofft er, zu einer Art zweiten Wohnstube für ihn werden soll, wo er auch einfach mal kurz hinübergehen kann auf einen Cortado und „El País“ lesen könne, vielleicht mit ein paar Oliven dazu. Hier wird hoffentlich auch der Kleine oft sitzen. Und so auch die spanische Kultur kennenlernen. Er soll zweisprachig aufwachsen, wie Brühl selbst als Kind. Deshalb spricht der Vater derzeit spanisch mit ihm und die Mama deutsch. „Auch wenn er es noch nicht versteht, soll er das schon phonetisch aufnehmen.“ Und ihm wird wohl auch früh die spanische Küche schmackhaft gemacht.

„Ich muss immer das Gefühl haben, dass etwas passiert“

Zwei Restaurants: Wird Brühl mehr und mehr zum Unternehmer? Er schüttelt den Kopf, von wegen. In Kreuzberg werde er oft von Anwohnern angequatscht, dass er sich jetzt wohl eine goldene Nase verdiene. „Aber ehrlich: Wenn ich wirklich Geld investieren und vermehren wollte, dann garantiert nicht mit einem Restaurant. Da gäbe es bessere Möglichkeiten.“ Er tue es, um ein Stück Spanien in Berlin zu haben. Und für bezaubernde Abende mit Freunden und Gästen.

Kann er womöglich demnächst beim Filmemachen kürzertreten und sich auf seinem zweiten Standbein ausruhen? Nein, bloß nicht, da guckt Daniel Brühl fast erschrocken. Er kann sich schon vorstellen, einmal kürzerzutreten. Gerade wegen der Familie. Aber: „Ich mag Stillstand nicht, ich muss immer das Gefühl haben, das was passiert. Das hält mich wach und macht mich glücklich.“

Zur Person

Zwei Welten Daniel César Martín Brühl González wurde 1978 als Sohn eines deutschen TV-Regisseurs und einer spanischen Lehrerin geboren. Seiner zweiten Heimat fühlt sich Brühl sehr verbunden. Er hat über seine Geburtsstadt Barcelona schon einen Reiseführer geschrieben und hat dort eine Zweitwohnung.

Karriere Schon mit 16 trat Brühl vor die Kamera. Mit Filmen wie „Nichts bereuen“ und „Das weiße Rauschen“ machte er auf sich aufmerksam, bevor er mit „Good Bye, Lenin!“ seinen internationalen Durchbruch erlebte. Seit 2006 spielt er auch in spanischen Filmen Hauptrollen. Und war in US-Produktionen wie „Inglourious Basterds“, „Rush“ und „The First Avengers: Civil War“ zu sehen.

Privates Von 2001 bis 2006 war Daniel Brühl mit seiner Kollegin Jesscia Schwarz zusammen. Seit 2011 ist er mit Felicitas Rombold liiert. Vor drei Monaten ist er Vater eines Sohnes geworden.

Der Spaziergang Wir trafen uns in der neuen Tapas-Bar von Daniel Brühl und spazierten von da aus durch seinen Kiez: Von der Göhrener- über die Senefelder- und Kollwitzstraße, bogen in die Sredzki­straße und liefen die Ryke­straße entlang zum Wasserturm. Von da aus ging es über die Knaack- und Lychener Straße zum Helmholtzplatz und zurück zu seiner Bar.