Berlin

Zeitzeuge Papier

Die Ausstellung in der Staatsbibliothek präsentiert herausragende Schriftstücke der Reformationszeit. Ein Besuch vor Ort

Es ist nicht selbstverständlich, dass zur Eröffnung einer Reformationsausstellung ein katholischer Geistlicher kommt: Die Kuratorin von „Bibel – Thesen – Propaganda“, Michaela Scheibe, begrüßte am Donnerstagabend zur Eröffnung der Schau in der Staatsbibliothek Karl Kardinal Lehmann, den ehemaligen Bischof von Mainz, und führte ihn durch die Ausstellung.

Der Karl-Bonhoeffer Saal im Foyer der Staatsbibliothek ist des Goldes der Vitrinen, die er beherbergt, nicht unbedingt würdig. Doch die Besucher werden über diesen Mangel des Raumes hinwegsehen, ist es doch eine andere Dimension, derentwegen sie sich hierherbegeben haben: die Zeit der Reformation. Zur Dokumentation dieser Zeit hat die Staatsbibliothek einen besonders beständigen Zeugen geladen: das Papier. Und es ist wahrlich ein Papierschatz, über den die Bibliothek verfügt und den sie nun, zum 500-jährigen Jubiläum des Thesenanschlags Martin Luthers, präsentiert.

Die Hure Babylon trägt die Kopfbedeckung des Papstes

Das Motto der Ausstellung: „Die Reformation erzählt in 95 Objekten“. Eine naheliegende Zahl, denn 95 Thesen waren es, die Luthers Auftakt in Diskurs und Streit wider ein korruptes Papsttum, insbesondere dessen Bereicherung durch den Ablasshandel, bedeuteten. Mit den Thesen beginnt die Ausstellung – sie sind zugleich „die Sensation“, wie Kuratorin Scheibe sagt: Es handelt sich um drei Thesendrucke des Jahres 1517 – im Original. Eine Seltenheit, denn von diesen Drucken sind nur noch wenige erhalten. Als der Ehrengast Kardinal Lehmann erwähnte, dass er selbst im Besitz einer Handschrift Luthers sei, die er zu seiner Bischofsweihe geschenkt bekommen habe, ließ es sich die Kuratorin nicht nehmen, auf die Möglichkeit der Stiftung hinzuweisen. Lachend verneinte der Kardinal: Derzeit könne er das Schriftstück bedauerlicherweise nicht finden.

Die Thesendrucke sind nur der glanzvolle Auftakt der Ausstellung. Schließlich folgen 94 Objekte, gegliedert in fünf weitere Kapitel, die den Besucher in die Reformationszeit versetzen. Die Bibel nimmt natürlich eine besondere Rolle ein. Verschiedenste, zum Teil prachtvoll von der Cranach-Werkstatt ausgestaltete Bibelausgaben sind zu sehen. Besondere Aufmerksamkeit verdient das „Septembertestament“, Luthers erste Übersetzung des Neuen Testamentes ins Deutsche, die er auf der Wartburg anfertigte. Ein süffisantes Detail: Ein Holzschnitt der Apokalypse zeigt die Hure Babylon mit einer Tiara geschmückt – der Kopfbedeckung des Papstes. Nach Protesten seitens der Katholiken wurde die „Dezemberauflage“ mit einer dezenteren Hure Babylon illustriert: ohne Tiara.

Ein solches Einlenken gegenüber den Katholiken war allerdings nicht die Regel. Das dritte Thema der Ausstellung, „Propaganda“, zeigt, mit welcher Bild- und Sprachgewalt die Reformatoren den erbitterten Kampf um die theologische Meinungshoheit führten. So zeigt ein Holzschnitt, wie sich widerspenstige Bauern in die päpstliche Tiara entleeren. Auf einem anderen Holzschnitt baumeln Papst und Kardinäle am Galgen. So raubt die Ausstellung sofort die schönen Gedankenbilder, die aufwendig gestaltete Buchdeckel im Kopf entstehen lassen: Die Hoheit um die Botschaft der Liebe wird erkämpft mit einer Sprache der Gewalt.

500 Jahre nach Luthers Formulierung der Thesen sind die Konfessionen um Annäherung bemüht. Kardinal Lehmann, der nach der Ausstellungseröffnung auf dem Jahresempfang der Staatsbibliothek sprach, betonte das „kräftige ökumenische Engagement“, das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil unternommen worden sei. Der Kardinal sagte, dass Luther die Kirche zwar reformieren, nicht aber spalten wollte: „Luther ist schließlich in der einen Kirche geboren und gestorben“. Heute seien viele der alten Streitpunkte obsolet und die Suche nach Gemeinsamkeiten äußerst fruchtbar.

Die Ausstellung „Bibel – Thesen – Propaganda“ ist nur der Auftakt zu einer Vielzahl von Veranstaltungen des Luther-Jahres 2017: In Berlin und an anderen Orten wird von historischen Ausstellungen („Die volle Wucht der Reformation“) über künstlerische Verarbeitungen („Luther und die Avantgarde“) bis zu musikalischen Darbietungen („Pop-Oratorium Luther“) vieles geboten. Ob auch diesen Veranstaltungen ein ebenso spielerischer Ausstieg gelingt, wie der Staatsbibliohek, muss sich erst noch zeigen: Den Abschluß der Schau bilden Luther-Comics, die den Besucher mit einem Lächeln im Gesicht verabschieden.