Flüchtlinge in Berlin

Integrationsbeauftragter: Vielfalt bedeutet Berlins Zukunft

Andreas Germershausen sieht die Integration der Flüchtlinge in Berlin auf einem guten Weg.

Berlins Integrationsbeauftragter Andreas Germershausen will sich mehr in die öffentliche Debatte einmischen

Berlins Integrationsbeauftragter Andreas Germershausen will sich mehr in die öffentliche Debatte einmischen

Foto: Anikka Bauer

Andreas Germershausen ist seit 2015 Integrationsbeauftragter des Senats. Im Interview mit der Berliner Morgenpost beschreibt er die Chancen und Probleme der Flüchtlingsintegration und seine künftigen Aufgaben.

Herr Germershausen, in Berlin leben derzeit 500.000 Ausländer aus 186 Nationen. Wie funktioniert aus Ihrer Sicht das Zusammenleben?

Andreas Germershausen: Berlin lebt davon, dass so viele Menschen aus anderen Ländern hergezogen sind. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Vielfalt, die daraus entstanden ist, Berlins Zukunft bedeutet. Berlin wächst. Es wäre viel schwieriger, eine Stadt zu gestalten, die nicht wächst.

In den letzten beiden Jahren sind rund 70.000 Flüchtlinge nach Berlin gekommen, 10.000 sind wieder zurückgereist. Wie klappt die Integration?

Das bleibt eine große Herausforderung, damit sind wir noch lange nicht fertig. Das Land Berlin hatte erst große Schwierigkeiten mit der Erstversorgung. Im vergangenen Jahr hat sich die Situation der Registrierung und Unterbringung verbessert. Sehr gut klappt mittlerweile der Zugang zu Bildung und zu den Sprachkursen. Da haben wir riesige Anstrengungen unternommen, und das zeigt jetzt Erfolge. Aber was die längerfristige Integration in die Kieze und den Arbeitsmarkt betrifft, haben wir noch sehr viel Arbeit vor uns.

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„Multikulti“ ist gescheitert, aber derzeit hat man den Eindruck, dass das Hauptaugenmerk auf der Unterbringung liegt, die eigentliche Integration in Bildung und Arbeit aber nicht so im Fokus steht. Was haben Sie da vor?

Ich glaube, der Eindruck trifft nicht zu. Die Unterbringung ist weiter ein Pro­blem, das ist richtig; aber es geht voran. Der Transfer in die Beratungsstellen zur Qualifizierung und zur Beschäftigung klappt sehr gut. Die Jobcenter und die Arbeitsagenturen sind da gut aufgestellt. Die Bundesagentur für Arbeit bietet viele zusätzliche Maßnahmen an. Da gibt es keine Probleme.

Das trifft sicherlich für junge Menschen zu, aber es gibt auch viele Tausend ältere Flüchtlinge ohne anerkannte Berufsausbildung.

Richtig ist, sie kommen besser in Bildungssysteme herein, je jünger sie sind. Die Älteren haben es tatsächlich schwerer, in eine Berufsqualifikation zu kommen. Da muss man umso schneller sein mit Weiterbildungen und Praktika. Es gibt jedoch das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“. Das bietet Beratung zu im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen an und auch eine Weiterqualifizierung in bestimmten Berufen.

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Berlin hat im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Euro rund um die Flüchtlingsaufgaben ausgegeben. Ist der Anteil an Inte­grationsmaßnahmen ausreichend?

Es ist immer schwierig zu sagen, ob man genug Ressourcen hat. Aber der Senat und die Bundesregierung haben im vergangenen Jahr ganz erheblich mehr Mittel bereitgestellt. Wir haben sehr viele Projekte starten können. Wir werden in diesem Jahr sehen, was sich bewährt hat, und gegebenenfalls umsteuern. Das wird zu meinen Hauptaufgaben gehören.

Die Flüchtlinge haben die Verwaltung an ihre Grenzen gebracht und die Akzeptanz der Berliner wurde herausgefordert. Würde Berlin eine zweite starke Zuwanderung von Flüchtlingen verkraften?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in der Verwaltung besser aufgestellt sind als am Anfang. Da sind ganz erhebliche Kapazitäten aufgebaut worden. Die Frage, ob wir genügend Wohnraum bereitstellen können und wie schnell, wird uns weiter beschäftigen. Wir brauchen ja auch Wohnraum für Nicht-Geflüchtete. Wir müssen unbedingt vermeiden, dass hier eine Konkurrenz entsteht. Es darf nicht der Eindruck entstehen, Flüchtlinge würden bevorzugt. Das ist auch nicht der Fall.

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Aber wie lässt sich diese Konkurrenz vermeiden?

Indem wir mehr Wohnraum anbieten und der freie Wohnraum cleverer umverteilt wird. Auf jeden Fall wird Berlin wegen des Wachstums neue Wohnungen für alle bauen.

Bereiten Ihnen die gegenwärtigen Polarisierungstendenzen Sorgen, die auch durch die fremdenfeindlichen Positionen der AfD geschürt werden?

Ja, sicher. Deshalb sage ich ja, dass die Vielfalt in der Stadt die Zukunft ist. Ohne diese Vielfalt geht es gar nicht und ohne sie wäre Berlin nicht attraktiv. Die einfachen Parolen, es solle alles so bleiben, wie es früher war, die haben überhaupt keine Zukunftsperspektive. Wenn weitere Geflüchtete in größerer Zahl kommen – die Krisen in der Welt haben ja nicht abgenommen – werden wir sie aufnehmen. Wir sind zur Humanität verpflichtet. Selbstverständlich könnte Berlin auch wieder mehr Flüchtlinge aufnehmen.

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Muss sich auch die Mehrheitsgesellschaft ändern? Es ist immer noch so, dass Bewerber mit ausländisch klingendem Namen seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, auch wenn sie über die gleiche Qualifikation verfügen.

Das ist Ausdruck von fortdauernder Diskriminierung, die angegangen werden muss. Es zeigt, dass die Gesellschaft sich weiter öffnen sollte. Daher unterstütze ich die Pläne des Senats, die Antidiskriminierungsgesetzgebung auf Bundesebene zu verbessern und auch ein Landesantidiskriminierungsgesetz zu schaffen. Ich glaube insgesamt, dass sich die Situation langsam verbessert. Vor allem beim Übergang von der Schule in den Beruf kommt es darauf an, auch Menschen mit schlechteren Startchancen diesen Schritt zu ermöglichen.

Gerade zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise entstand der Eindruck, dass Sie sich als Integrationsbeauftragter in der Öffentlichkeit zurückgehalten haben. Warum?

Ich bewerte die Zeit eher als Verwaltungskrise und finde, wir sollten den Krisenmodus nicht den Schutzsuchenden zuschreiben. Zu dem Zeitpunkt wurde die Debatte von Spitzenpolitikern dominiert. Ich habe stark nach innen gearbeitet und Maßnahmen zur Integration gestartet. In dieser Zeit haben viele Vereine und Ehrenamtliche Beeindruckendes geleistet, unter ihnen übrigens auch viele Migrantinnen und Migranten und die Moscheevereine. Auch das hat nicht viel Aufmerksamkeit erfahren.

Welche Bedeutung für die Integration hat die Diskussion über den IS und den Islamismus?

Das größte Problem ist der Islamismus. Das sind einfach Kriminelle, die die Aufnahme von Flüchtlingen ausnutzen, um hier hereinzukommen. Das muss mit aller Macht abgewehrt werden. Der Anschlag am Breitscheidplatz oder andere kriminelle Aktivitäten schaden uns allen, und sie schaden vor allem dem Zusammenleben von Berlinern und Flüchtlingen. Die Geflüchteten tragen keine Schuld am Islamismus, im Gegenteil. Tatsächlich sind sie vor islamistischem Terror oder Krieg geflohen. Die große Mehrheit kommt hierher, weil hier Demokratie und Freiheit herrschen, und leidet ebenso darunter, wenn sich Terrorismus weiter ausbreitet. Ich fordere daher eine offene Haltung und enge Kooperation mit den muslimischen Gruppen.

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Hat diese Offenheit Grenzen, zum Beispiel da, wo es keine Chancengleichheit von Männern und Frauen gibt?

Selbstverständlich. Umfragen unter Geflüchteten haben aber gezeigt, dass sie die Werte von Chancengleichheit und dem Schutz von Minderheiten teilen. Wir vermitteln diese Werte auch, etwa im „Informationspaket für Geflüchtete“, das an alle Bewohnerinnen und Bewohner in Berliner Flüchtlingsunterkünften verteilt wurde und das jeder ankommende Geflüchtete erhält.

Was machen wir dieses Mal besser als bei vergangenen Flüchtlingskrisen?

Erstens sehe ich tatsächlich, dass die Entwicklung zu mehr Vielfalt in der Stadt breit geteilt wird. Wenn das nicht so wäre, hätten nicht so viele Berliner hilfsbereit reagiert. Zweitens haben wir jetzt eine viel größere Offenheit, Menschen, wenn sie qualifiziert sind, in den Arbeitsmarkt aufzunehmen. Noch bei den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien in den 90er-Jahren hieß es, wir nehmen sie auf, aber sie sollen so schnell wie möglich wieder zurück. Das sagt heute niemand mehr. Natürlich gehen auch einige zurück. Aber die Haltung ist eher: Lernt Deutsch, qualifiziert euch, dann könnt ihr schnell in eine Beschäftigung kommen. Diese Bereitschaft ist viel größer als in der Vergangenheit.