Nach Attacke

Berliner sollen Hunde wegen Wildschweinen anleinen

Immer mehr Wildschweine streifen durch die Parks. Am Sonnabend eskalierte eine Situation am Volkspark Rehberge. Experten geben Tipps.

Ein Wildschwein in einem Wildgehege (Archivbild)

Ein Wildschwein in einem Wildgehege (Archivbild)

Foto: Lino Mirgeler / dpa

Sie leben zu Tausenden nicht nur in den ausgedehnten Berliner Wäldern, sondern sind immer häufiger in den Parks zu Hause: die Wildschweine der Hauptstadt. Auch der aggressive Keiler, der am Sonnabend an einem Vereinsheim am Volkspark Rehberge mehrere Menschen verletzt hat, stammt nach Einschätzung von Experten aus einer Parkanlage. Das Tier hatte sich laut Polizei gegen 14 Uhr von einer Wildschweinrotte am nahe gelegenen Kurt-Schumacher-Platz abgesondert und verletzte an dem Vereinsheim im Volkspark Rehberge eine Frau am Oberschenkel, zwei Männer erlitten Blessuren.

"Der Keiler war offenbar in Panik geraten und suchte einen Fluchtweg vom geschäftigen Kurt-Schumacher-Platz", sagte Marc Franusch, Sprecher der Berliner Forsten, am Sonntag auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Er habe nicht zugebissen, sondern die Passanten wohl umgerannt. Die Polizei erschoss das Wildschwein.

Attacken auf Menschen äußerst selten

"Solche Situationen kommen sehr selten – alle paar Jahre nur – vor", betonte Franusch. "In der Regel treten Wildschweine, wenn sie Menschen begegnen, die Flucht nach hinten an und nicht nach vorne." Gefährlich werde es nur, wenn sie sich und vor allem ihre Frischlinge bedroht sehen. Deshalb rät der Förster dazu, von Februar bis April die Hunde sogar in den Hundeauslaufgebieten wie im Grunewald anzuleinen. In diesen Monaten kommt der Wildschwein-Nachwuchs zur Welt. "Heikel ist die zweiwöchige Phase, in der die Kleinen noch nicht mobil sind und die Bache die Geburtsstätte verteidigen muss", erläuterte der Förster.

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In Berlin leben laut Franusch derzeit schätzungsweise zwischen 2000 und 4000 Wildschweine. Das könne sich im Frühjahr mit der neuen Generation aber stark ändern. Die Population schwanke von Jahr zu Jahr "In diesem Jahr rechnen wir wieder mit einer Zunahme", so der Experte. "Denn die Schweine waren im Winter gut versorgt. Voriges Jahr prasselten die Eicheln besonders zahlreich von den Bäumen. Nahrungsengpässe gebe es nicht. Auch, weil Berliner unvernünftigerweise immer noch Wildschweine füttern – oder ungesicherter Müll und Komposthaufen das Angebot komplettieren. Das Füttern von Wildtieren ist verboten. Nach dem Landesjagdgesetz können dafür bis zu 5000 Euro Geldstrafe erhoben werden.

Immer mehr Wildschweine fühlen sich in den Berliner Parks wohl. Manche haben dort inzwischen ihren Stammsitz. Der Schillerpark in Wedding zähle zu den bevorzugten Gebieten, auch die Jungfernheide, der Steinbergpark in Reinickendorf, der Heinrich-Laehr-Park in Zehlendorf und die Friedhofsanlage in den Kisseln in Spandau. "Der Große Tiergarten ist wildschweinfrei", sagte Franusch. "Das kann sich jederzeit ändern." Vielleicht halte die dortige Verkehrslage die Tiere ab. Bis zu 400 Wildschweine sterben in Berlin pro Jahr bei Verkehrsunfällen. Etwa 1000 werden bei der Jagd erlegt. Außerhalb der Waldgebiete dürfen Wildschweine nur in Ausnahmen geschossen werden und zur Gefahrenabwehr wie jetzt am Wochenende. Nicht nur Hundebesitzer sollten in den nächsten Monaten verstärkt aufpassen, raten die Experten. Eine Bache mit Frischlingen müsse in großem Abstand umgangen werden. Falls man sich dennoch begegne, sollte man ruhig stehen bleiben oder sich langsam zurückziehen. "Wichtig ist es, den Tieren immer eine Rückzugsmöglichkeit zu geben", sagte der Förster. "Auf keinen Fall darf ein Wildschwein eingeengt werden."

Die Tipps der Experten

Ruhe bewahren: Falls einem eine Wildschweinrotte oder auch ein einzelnes Schwein begegnet – erst einmal ruhig stehen bleiben und sich dann langsam – ohne Angst zu zeigen – zurückziehen.

Nicht in Enge treiben: Auf keinen Fall darf ein Wildschwein eingeengt werden, da es sonst in Panik gerät. So sollte es niemals in einen geschlossenen Raum oder in eine Zaun- oder Hausecke gedrängt werden.

Hunde anleinen: Im öffentlichen Raum gilt in Berlin eine allgemeine Leinenpflicht. Also auch im Wald. Dafür gibt es Hundeauslaufgebiete. Von Februar bis April sollten die Hunde auch dort angeleint werden.

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