Ehrenamt

Berlin bedankt sich mit Gratis-Tickets bei Helfern

Ehrenamtliche Helfer können heute umsonst Tierpark, Zoo, Museen, Theater, Schwimmbäder und das Rote Rathaus besuchen.

Berlin. Es dauerte keine 15 Minuten, dann waren die ersten 100 Freikarten vergriffen. Sawsan Chebli, Staatssekretärin und Bevollmächtige für bürgerschaftliches Engagement, verteilte sie am Sonntagmorgen am Tierpark in Friedrichsfelde und eröffnete damit den zweiten Aktionstag „Berlin sagt Danke!“

Der Dank gilt den vielen Flüchtlingshelfen, freiwilligen Sprachlehrern, Mediatoren und sozial engagierten Menschen in Berlin. Mehr als 90 Einrichtungen öffneten dafür ihre Tore. Darunter Tierpark, Deutsches Historisches Museum, Zitadelle Spandau, Theater, Galerien, Kinos. Der Zoo Berlin schenkte den ersten 1500 Gästen den Eintritt und viele Schwimmbäder ließen die ersten 20 Besucher gratis herein. Der Tierpark hielt 10.000 Freikarten bereit.

Der Andrang kam für Chebli nicht überraschend. „Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist heute schon ehrenamtlich aktiv“, sagt die Staatssekretärin. Damit sei Berlin Vorreiter. Tag und Nacht setzten sich Menschen in der Stadt für ein lebendiges, demokratisches Miteinander ein, sagt Chebli.

Menschen wie Birgit Johannsen. Seit 13 Jahren bringt die 69-jährige Spandauerin Schulkindern bei, wie sie Konflikte untereinander lösen können. Nicht mit Fäusten, mit Verständnis und Worten. Johannsens Einsatzort: die Lynar-Grundschule in Spandau. „Der Ausländeranteil ist sehr hoch, es gibt viel Konfliktpotenzial“, sagt Johannsen.

„Stadt der Solidarität und Toleranz“

Ihr Verein „Seniorpartner in School“ versteht sich als „Brücke zwischen Alt und Jung“, Senioren treffen auf Schüler, großelterliche Ruhe auf kindliches Temperament. Auf dem Markt der Möglichkeiten, einer Art Mini-Messe für soziale Initiativen, präsentiert Johannsen die Organisation. Das der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sich persönlich über ihre Arbeit informierte, macht sie stolz.

Am Rande des Marktes sprach Müller den Bürgerinitiativen dann auch seinen Dank aus. „Sie zeigen mit ihrem Engagement, dass unsere Stadt auch in schwierigen Zeiten für Solidarität und Toleranz steht“, sagte Müller. Während der erste Aktionstag 2016 noch als Dankeschön an Flüchtlingshelfer gerichtet war, wolle man in diesem Jahr allen Ehrenamtlichen Respekt zollen. Dennoch, unter den 50 Ausstellern auf dem Markt der Möglichkeiten war ein Großteil in der Flüchtlingshilfe aktiv. Und manche Initiative fühlt sich übergangen.

Nachdem Michael Müller sich bei „Friedrichshain hilft“ umgehört hat, baut sich Peter Neumann vor dem Bürgermeister auf. Seine Initiative trägt er auf der Brust: „Pfeffersport“ steht rot auf grau auf dem T-Shirt. Sein Verein bietet inklusive Sportprogramme im Prenzlauer Berg an. Nur waren die Turnhallen lange durch Notunterkünfte belegt. Inzwischen seien die zwar geräumt, wann sie aber nach den Renovierungsarbeiten eröffnet würden, sei nicht abzusehen. „Seit 2016 brechen die Mitgliederzahlen dramatisch ein“, sagt Neumann. Ein Schaubild soll das verdeutlichen. Da steht: 4126 Mitglieder im Vorjahr, aktueller Stand: 3781. Sein Verein stehe vor einem handfesten Finanzpro­blem. Michael Müller lässt sich seine Karte geben und verspricht finanzielle Unterstützung, bis zu 50.000 Euro gebe es aus dem Ausgleichsfonds.

500 Meter weiter und etwa 100 Meter höher, auf der Panorama-Terrasse des „Park Inn“-Hotels auf dem Alexanderplatz, dankt Berlin seinen Ehrenamtlichen mit einem strahlenden Ausblick. 100 Freikarten gab es für die Dachterrasse des Hotels zu ergattern. Der Himmel ist knackig blau, die Stadt liegt den Besuchern im Dunst ausgebreitet zu Füßen. Nur die Ehrenamtlichen fehlen. Für die Veranstaltungen im Rahmen von „Berlin sagt Danke!“ reicht eine Anmeldung. Ein Nachweis über das eigene Engagement ist nicht nötig. Und so genießen die Studenten Lena und Frank den Gratisausblick. Davon, dass der freie Eintritt für Ehrenamtliche gedacht war, wollen sie nichts gewusst haben. So auch drei weitere Besuchergruppen, die am Vormittag von oben auf die Hauptstadt blicken.

Manche Angebote richteten sich konkret an Akteure in der Flüchtlingshilfe. So lud die Landeszentrale für politische Bildung in Charlottenburg etwa zu einem Seminar mit dem Thema „Argumentationstraining gegen Parolen und Populismus“. Der Großteil der Einrichtungen lud zu kostenlosen Führungen, Ausstellungen und Aufführungen. So schlossen sich etwa das Bode-Museum, der Friedrichstadt-Palast, das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors und das Aquarium Berlin der Aktion an.

Kathrin Vogel freut sich über ihre Freikarten für ein Konzert im Theater Hebbel am Ufer. Elektronische Musik. „Das Angebot in diesem Jahr ist breit gefächert, für jeden ist etwas dabei“, sagt die Schönebergerin. Sie schreibt ehrenamtlich für die Stadteilzeitung und gründet gerade ein soziales Start-up. Das soll auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln entstehen und Familien aus schwierigen Verhältnissen den Zugang zu Gesundheitsangeboten vereinfachen. „Es gibt Studien, die belegen, dass die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre sinkt, wenn man in einem benachteiligten Umfeld lebt“, sagt Vogel. Mit Bildungs- und Gesundheitsangeboten möchte ihr Start-up dem entgegenwirken.

Dass die Stadt ihre Arbeit anerkennt, freut Vogel. Aber: „Ich habe auch das Gefühl, dass Politiker von vornherein mit Ehreamtlichen kalkulieren, um Probleme zu lösen, um die sich eigentlich die Politik kümmern sollte.“ Dennoch: Das Dankeschön nimmt sie gerne an. Bevor es abends ins Theater geht, besucht sie eine Fotoausstellung im C/O Berlin.