City West

Die zwei Gesichter des Kudamms

Während sich der untere Teil des Kudamms gut entwickelt, ist am oberen Ende des Boulevards der Leerstand unübersehbar. Gewerbetreibende leiden.

Gewerbetreibende Irene Wattler vor dem leeren Gebäude an der Nestorstraße. Ihr fehlt Laufkundschaf

Gewerbetreibende Irene Wattler vor dem leeren Gebäude an der Nestorstraße. Ihr fehlt Laufkundschaf

Foto: Reto Klar

Kudamm ist offenbar nicht gleich Kudamm. Seit Jahren stehen die ehemaligen Räume einer Baumarktkette an der Hausnummer 142–147 leer. Im selben mächtigen Wohnblock sind weitere Läden ungenutzt. Wo Schaufenster verhängt sind und verlassene Baugerüste in großen Hallen stehen, klagen die verbliebenen Gewerbetreibenden und Anwohner des siebenstöckigen Hauses über Umsatzverluste und verloren gegangene Wohnqualität. „Wie es sich hier anfühlt?“, fragt eine Mieterin. „Unbelebt und traurig.“

Dabei gibt es noch eine Reihe repräsentativer Geschäfte im Block zwischen Joachim-Friedrich- und Nestorstraße. Ein Laden für Fotografie, einen Süßwaren- und Feinkosthändler, einen gut frequentierten Supermarkt. Trotzdem: „Als der Baumarkt wegzog, habe ich das richtig in der Kasse gemerkt“, sagt der Mitarbeiter eines Schokoladengeschäfts, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Früher gingen die Kunden nebenan einkaufen und anschließend hieß es: Holen wir uns zum Abschluss noch etwas Süßes.“ Zu den Umsatzsorgen komme seitdem Ärger mit Banden, die organisiert in seinem Geschäft stehlen, und mit Obdachlosen, die sich aus seinen Auslagen vor der Tür bedienen.

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Zurückhaltung beim Mieten großer Flächen

„Alle großen Konzerne sind derzeit sehr zurückhaltend, große Flächen zu mieten“, erklärt Immobilienunternehmer Gottfried Kupsch, Mitglied im Vorstand der AG City. Der Grund sei die Konkurrenz durch den Onlinehandel. Gerade die Größe der einstigen Baumarkträume mit Flächen in Unter-, Erd- und erstem Geschoss sei für Interessenten schwierig. Auf Anfrage der Berliner Morgenpost teilten die Eigentümer des Hauses mit, man wolle sich nicht äußern.

Irene Wattler, die neben den leer stehenden Räumen eine ihrer Filialen des Hörgeräte-Anbieters „Ganz Ohr“ betreibt, klagt über die im Vergleich nun fehlende Laufkundschaft. „Statt beleuchteten Schaufenstern ist es abends nun dunkel vor der Ladentür. Selbst auf dem Wochenmarkt um die Ecke macht sich das bemerkbar.“ Beherzt hat sie schon bei der Hausverwaltung angerufen. „Ich habe Vorschläge gemacht, welchen Unternehmen man die Räume anbieten könnte.“ Der Bau war einmal als Kurfürstendamm-Center bekannt. 1973 fertiggestellt, ist es sichtlich verwandt mit Kudamm-Karree, in das bis 2020 unter anderem die Spielbank Berlin einziehen will (siehe unten), und mit dem abgerissenen Kudamm-Eck. 2011 sagte die damalige Sozialstadträtin des bezirks, Martina Schmiedhofer (Grüne): „Hier wurden die alten Größenverhältnisse der Bebauung missachtet. Grundstücke wurden zu riesigen Komplexen zusammengelegt und mit überdimensionalen Baublöcken zugestellt.“ Die ganze Konstruktion sei „eine der großen Bausünden am Kurfürstendamm“.

Immerhin hatte der Baumarkt als Mieter Leben in die angrenzenden Geschäfte gebracht. Im Dezember 2013 aber eröffnete das Unternehmen am S-Bahnhof Halensee eine neue Filiale. Der alte Standort am unteren Kudamm wurde geschlossen. Im selben Zeitraum zog der Polizeiabschnitt 25 aus dem Gebäude.

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Ab Adenauerplatz ist der Kudamm plötzlich entzaubert. Das findet jedenfalls Thomas Bach. Mit seinem Unternehmen „Adagio Design“ gehört er zur Gewerbegemeinschaft Kudamm-Halensee. Er sagt: „Ab diesem Punkt ist das Gesamtbild des Kurfürstendamms verändert: Der Glamourfaktor nimmt ab.“ Dennoch haben die meisten Gewerbetreibenden des oberen Kudamms durchaus ihre Nische gefunden. Für Anwohner zwischen Halensee und Roseneck sind sie der nächste Anziehungspunkt. „Unsere Kollegen orientieren sich hier in Richtung Grunewald“, sagt Bach. Von den Klagen der unmittelbar Betroffenen über den Leerstand im Kurfürstendamm-Center abgesehen, seien daher die Mitglieder der Gewerbegemeinschaft mit ihren Umsätzen „durchaus zufrieden“.

So sieht auch Charlottenburg-Wilmersdorfs Bezirksbaustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) keinen Anlass, in die Entwicklung des oberen Kudamms einzugreifen. „Der gesamte Kudamm wird reanimiert“, sagt er. „Das fängt auf der unteren Seite an und wird in den nächsten Jahren in Richtung Halensee durchwachsen.“ Die Fertigstellung des Hochhauses Upper West etwa, mit Hotel, hochwertigen Büros und Wohnungen werde für Impulse auch jenseits des Adenauerplatzes sorgen. Erstbezug ist im Frühjahr.

Auch die jüngste Planung einer Initiativgruppe um die AG City werde sich dort auswirken. Von Eigentümern, den Bauherren des Upper West und anderen Großunternehmen bis hin zu einer Kapitalverwaltungsgesellschaft will man die Einkaufsstraße zwischen Tauentzien und Uhlandstraße aufpolieren. Investitionssumme für fünf Jahre: 8,7 Millionen Euro. „Das wird auch für den oberen Teil Folgen haben“, sagt Schruoffeneger. „Wenn wir damit den Bereich Tauentzien- bis Uhlandstraße stärken“, sagt auch City-West-Vorstand Kupsch, „strahlt das auf den Bereich in Richtung Halensee aus.“ Für die Gewerbetreibende Wattler kann die prophezeite Entwicklung nicht früh genug kommen: „Es ist doch ein Unding, dass wir einen Kudamm-Teil haben, der total hip ist, während sich hier oben die Füchse demnächst gute Nacht sagen.“

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