"Yolocaust"

Holocaust-Mahnmal: Provokante Kunstaktion mit KZ-Fotos

Weil er das Verhalten vieler Besucher in dem Stelenfeld respektlos findet, montiert der Autor Shahak Shapira sie in KZ-Fotos.

Foto: Montage: Shahak Shapira/ Shappy.de/Yolocaust, Bearbeitung: BM

Es gibt wohl kaum ein Denkmal in Berlin, über das die Meinungen so weit auseinander gehen wie beim Holocaust-Mahnmal in der Nähe des Brandenburger Tors. Menschen aus aller Welt besuchen das 2005 eröffnete Bauwerk mit seinen rund 2700 Betonstelen täglich, darunter viele Touristen und Schulklassen.

Dabei benehmen sich nicht immer alle so, wie man es in einer herkömmlichen Gedenkstätte erwarten würde: Vor allem junge Leute posieren gut gelaunt vor den Pfeilern, sonnen sich auf ihnen oder hüpfen darauf herum. Dabei entstehen unzählige Fotos, die ihren Weg in die sozialen Netzwerke finden.

Shahak Shapira kann darüber nicht lachen. Der aus Israel stammende Berliner greift zu drastischen Mitteln, um auf den Missstand aufmerksam zu machen. In Anspielung auf den Ausdruck "You only live once" ("Yolo") hat er unter dem Titel „Yolocaust“ Fotos von Besuchern des Stelenfeldes genommen und sie in historische Holocaust-Bilder montiert.

Die beiden jungen Männer, die eben noch von Stele zu Stele hüpften, springen nun auf einem Berg ermordeter Juden herum. Die beiden Frauen, die sich mit Selfiestick in cooler Pose ablichten, posieren plötzlich in einem Massengrab, und ein junger Mann mit Sonnenbrille macht sein Duckface auf einmal zwischen ausgemergelten KZ-Häftlingen. Die Website dazu ging am Mittwoch online.

Holocaust-Mahnmal - Wenn jeder Stein mehr als tausend Worte sagt

„Ich habe solche Fotos ständig auf Facebook, Instagram und Tinder gesehen“, sagt Shapira der Morgenpost. Bewusst greift er zu Bildern, die für den Betrachter schwer erträglich sind. „Wer mitten in einem Mahnmal für den Holocaust pinke Bälle jongliert oder einen Handstand macht, braucht vielleicht einen etwas drastischeren Denkanstoß als die Meisten. Außerdem: YOLO!“

Der 28-Jährige ist als Teenager nach Deutschland gekommen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er bekannt, als er antisemitische Pöbeleien in einer U-Bahn mit dem Handy filmte und dafür angegriffen wurde. Später schrieb er ein Buch über sein Leben als Jude in Deutschland. Seitdem macht er regelmäßig Schlagzeilen.

Einmal wandelte er eine antisemitische Grafik einer Neonazi-Gruppe in ein Werbeplakat für jüdische Geschäfte um. Ein anderes Mal sollte er vom Radio-Sender KissFM interviewt werden und wurde dort plötzlich mit einem Nazi-Rapper konfrontiert. Mit der „Deutschen Welle“ hatte er schon einmal eine Aktion gegen aus seiner Sicht respektlose Besucher des Holocaust-Mahnmals gemacht und sich als Reporter ausgegeben, der die Leute mit einem Selfie-Verbot konfrontiert. Nun geht er mit der Website „Yolocaust“ in die Offensive.

Wie aus Nazi-Hetze Werbung für jüdische Geschäfte wird

Er hoffe, dass sich dadurch mehr Menschen mit der eigentlichen Bedeutung des Mahnmals befassen, anstatt es als Kulisse für geschmacklose Selfies zu nutzen, sagt Shapira. Und genau hier wird es schwierig.

Was ist die „eigentliche Bedeutung“ des Holocaust-Mahnmals? Dessen Architekt Peter Eisenman lässt Raum für Interpretation. "Das Ausmaß und der Maßstab des Holocaust machen jeden Versuch, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, unweigerlich zu einem aussichtslosen Unterfangen", sagte er in einer Erklärung, die auf der Website der Gedenkstätten-Stiftung nachzulesen ist. "In unserem Denkmal gibt es kein Ziel, kein Ende, keinen Weg hinein oder heraus", fährt er fort. "Die Zeit der Erfahrung des Individuums gewährt kein weiteres Verstehen, denn ein Verstehen ist nicht möglich."

Konkreter wird Eisenman wenn es um die Nutzung durch Besucher geht. 2015 sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, dass wenn Kinder Fangen oder Verstecken spielen und Jugendliche über die Stelen hüpfen würden, ihn das nicht störe, ebenso wenig wie die inzwischen leer stehenden Imbissbuden am Rand.

Im Gespräch mit der Morgenpost ergänzte er 2010 in Bezug auf spielende Kinder: "So was finden Sie doch auch auf Friedhöfen, in Kirchen oder an anderen öffentlichen Plätzen. Und das Spielen, meine Güte, das ist doch Spaß für die Kinder, dort zu spielen. Warum sollen sie das denn nicht machen? Das ist doch okay." Es sei kein Denkmal für die Opfer, sondern ein Mahnmal für die deutsche Bevölkerung.

Einer ähnlichen Meinung ist auch der Grünen-Politiker Volker Beck, der im Kuratorium der Gedenkstätten-Stiftung sitzt. Die Installation solle keine Deutung des Holocaust sein, sagt er auf Anfrage. Die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk solle vielmehr das Erinnern an die Opfer und ein Nachdenken über die von Deutschen begangenen Verbrechen anstoßen. Es stehe mitten im Leben der Stadt und sei "kein historischer Ort der Verbrechen und auch kein Friedhof".

Peter Eisenmann: Warum man am Holocaust-Mahnmal spielen darf

Die Publizistin Lea Rosh sieht das anders. Sie hatte den Bau des Mahnmals 1988 angeregt und ist heute ebenfalls Kuratoriumsmitglied. „Es ist ein Friedhof für Juden“, sagt sie der Morgenpost. Sie störe es, wenn sich Jugendliche auf den Stelen sonnen oder darauf herumhüpfen. „Wenn ich den Leuten aber freundlich erkläre, um was es sich bei der Anlage handelt und sie bitte, sich stattdessen im Tiergarten zu sonnen, ernte ich meist Verständnis.“ Es gebe einfach zu wenig Personal, das das Stelenfeld kontrolliere.

Bei der Gedenkstätten-Stiftung verweist man auf die Hausordnung, die Besucherbetreuer und das Sicherheitspersonal. Zwar sei es im Sinne des Architekten Eisenmann, mit der gängigen Gedenkkultur zu brechen. Doch natürlich wünsche man sich ein würdevolles Verhalten.

Für Shahak Shapira zeigt der Umgang vieler Besucher mit dem Mahnmal, „dass tote Juden einen erstaunlich hohen Like-Faktor in sozialen Medien haben“. „Yolocaust“ sei indes ein satirisches Projekt, auch deshalb habe er nach möglichst schockierenden Bildern gesucht, in die er die Leute hineinmontiert. „Wenn Satire nicht drastisch ist, dann ist es keine Satire mehr.“ Mehr Wachpersonal fordert er aber nicht. „Es sind die Besucher, die ihr Verhalten teilweise überdenken sollten. Ich finde, man hat schon genug Geld für diese Betonklötze ausgegeben.“

Link: Yolocaust.de