Modeklischees

Zur Fashion Week: Eine Kleiderkunde für die Hauptstadt

Sagt mir was du trägst und ich sag dir, wo du herkommst: Modeklischees aus den Bezirken.

Berlin wird im Januar während der Fashion Week 2017 wieder zur Modehauptstadt

Berlin wird im Januar während der Fashion Week 2017 wieder zur Modehauptstadt

Foto: Getty Images / Getty Images Entertainment/Getty Images

Am Dienstag startet die Berliner Fashion Week. Aber der eigentliche Laufsteg in der Hauptstadt ist natürlich die Straße. Wir haben uns in den Bezirken umgesehen und die Klischee-Looks gefunden.

Jutesack war gestern. Latte Macchiato ist auch schon kalter Kaffee. Die Mütter von Prenzlauer Berg in Pankow suchen längst nach speziellen Trends der Ethical Fashion. In den Cafés am Mauerpark klappt Socializing am besten in Ökojeans aus Hanffasern. Der Schal für Baby Mia entsteht im Lifestyle-Stricktreff bei heißem Frutarier-Matcha-Tee.

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Wer in Spandau geboren wird, der stirbt auch dort. In Spandau und nicht in Berlin. Weshalb es eigentlich eine eigene Spandauer Fashion Week geben müsste. Für den Gang zur nächsten Bäckerei empfehlen sich zeitlos dezente Farben: beige Fleece-Weste und Funktionsschuhe. Auch Schlupf- und Cordhose sind hier nie aus der Mode.

Modisch neigen die Mitte-Bewohner zum Stil „Trauernde Witwe“. Schwarze, knöchellange Skinny-Jeans, schwarzer Oversize-Pullover, ein schwarzer XXL-Mantel. Dazu eine kleiner Rucksack, wobei hier die Farbe von silberschimmernd bis neongrün variiert, fertig ist das Mitte-Outfit. Bei Männern und Frauen gibt es kaum einen Unterschied, in Mitte setzt man auf Unisex-Look.

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In Charlottenburg-Wilmersdorf trägt Frau die übergroße Gucci-Handtasche am angewinkelten Ellenbogen. Unter dem Designer-Mantel eine an den Knien aufgerissene, hautenge Röhrenjeans, dazu Overknee-Stiefel. Der Charlottenburger kleidet sich klassisch: Wellensteyn-Winterjacke, bunte Chino-Hose, Polohemd und Kaschmirpullover.

Neukölln: Der Style ist schnörkellos und unpraktisch. So wie das wichtigste Statussymbol des Neuköllners: Das Rennrad, mit Reifen so dünn und aalglatt, dass es im Winter nur als Modeaccessoire herhält. Die Farben der Saison: chelseabootschwarz, stretchhosenschwarz, bomberjackenschwarz. Alles zu kurz und zu dünn. Und weil Frieren in ist, sind die Haare seitlich ausrasiert.

In Reinickendorf ist man stolz darauf, ein Reinickendorfer zu sein. Und so folgen die Bewohner nicht jedem Trend, sondern setzen auf den klassisch-konservativen Stil. Jeans, Tweedjacken, Blazer, Cardigan, Rollkragenpullover und festes, flaches Schuhwerk. Die Kleider müssen vor allem praktisch sein – und ganz besonders viel kosten.

Friedrichshain-Kreuzberg Nirgends rauschen die Bärte voller als am Boxi. Wer hier nicht auffallen will, mummelt sich in einen dicken Pulli aus andinischer Hochlandalpakawolle, trägt die Haare verwuschelt, die Brille klobig, die Stiefel vegan. Dazu ein Retro-Kinderwagen mit Flechtkorb und quietschendem Aluminiumgestell.

In Marzahn-Hellersdorf trägt man die Jogginghose in allen Lebenslagen, nur nicht zum Joggen. Dazu die farblich identische Trainingsjacke. Als Accessoire greifen die Männer zu einem enggeschnallten Basecap. Die Frauen zeigen sich gerne auffällig: dunkler Eyeliner, nachgezogene Augenbrauen, toupiertes Haar und aufwendig gestaltete Gelnägel gehören hier zum Schick.

Alles ein bisschen unaufgeregter, ein bisschen selbst gestrickter in Tempelhof-Schöneberg. Die dominierende Damenfrisur: Kurzhaarschnitt, grau. Dazu bordeauxrote Hornbrillen. Und Wollpullis, diese grobmaschigen, fusselig flauschigen. Den Regenbogenschal hat die Trägerin selbst gemacht, die Tasche die beste Freundin in ihrer Ledermanufaktur an der Akazienstraße.

Fäschnwat? Nichts liegt in Treptow-Köpenick ferner, als die zwanzig Minuten S-Bahnfahrt zu den Pop Up- und Concept-Stores der Mitte-Yuppies. Hier übertrumpft das Sein den Schein. Und praktisch muss es sein. In der Eckkneipe Jogginghose, auf Arbeit Blaumann, in Bluejeans zur Familienfeier.

In den Villenkolonien von Steglitz-Zehlendorf geht man zum Golfspielen gerne klassisch-locker: in mit Strass besetzten Sweatshirts. Gegen Sonnenbrand eine glatte Kostümjacke, maßgeschneidert.

Pragmatisch, praktisch, so kleiden sich Familien in Lichtenberg. In gut isolierten Kunstfaserjacken bewegen sie sich über den Asphalt der Landsberger Allee. Tragen Kurzhaarfrisuren, bei den Frauen oft mit dunkelroten Strähnchen durchsetzt.