Nauen

Prozess: Jäger schießt auf Liebespaar

30-Jähriger steht in Nauen vor Gericht. Er vermutete ein Wildschwein und feuerte auf dem Hochstand die Waffe ab.

Jäger vor Gericht

Jäger vor Gericht

Foto: dpa

Nauen.  Es sollte ein romantischer Spätsommerabend werden für einen 31-jährigen Mann und seine 23 Jahre alte Freundin. Doch das Treffen des Liebespaares in einem Maisfeld in der Nähe von Nauen (Havelland) fand ein tragisches Ende. Ein Jäger auf einem nahe gelegenen Hochsitz glaubte, dass sich ein Wildschwein in dem Feld aufhalte und schoss.

Von einer Kugel getroffen starb Norman G., seine Begleiterin wurde schwer verletzt. Seit Montag muss sich der Todesschütze vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Ein Urteil des Amtsgerichts Nauen wird am zweiten Verhandlungstag erwartet, der für den Montag kommender Woche angesetzt ist. Es dämmerte bereits an diesem Abend des 9. September, als der damals 30 Jahre alte Jäger Alexander R. im Örtchen Tietzow einen Hochsitz in der Nähe eines Maisfeldes erklomm. Mit seinem Gewehr wollte er auf Wildschweine anlegen.

Die Tiere halten sich gern in den großen Maisfeldern auf, die ihnen nicht nur reichliche Mengen an kräftiger Nahrung bieten, sondern auch einen blickdichten und sicheren Unterschlupf. Das Feld, auf dem der Mais damals kurz vor der Ernte rund zwei Meter hoch stand, befindet sich in der Nähe einer Pilzfarm.

Eine Gewehrkugel tötet Mann und verletzt danach Frau

Dort arbeitete Katharina G, die sich mit ihrem Freund Norman G. inmitten der hohen Maispflanzen befand. Gegen 20 Uhr fiel ein Schuss. Das tödliche Drama nahm seinen Lauf: Die Kugel traf den 31-Jährigen in den Oberkörper, trat wieder aus und verletzte seine Freundin schwer am Oberarm. Der aus Brieselang stammende Jäger hatte den Schuss abgegeben, weil er in dem Mais ein Rascheln gehört hatte. Dies war nach seiner Überzeugung durch ein Wildschwein verursacht worden. Das räumte er bereits direkt nach dem Vorfall gegenüber der Polizei in einer ersten Befragung ein. Jäger und Opfer waren zur Zeit der Schussabgabe gut 100 Meter voneinander entfernt.

Nachdem er abgedrückt hatte, kletterte Alexander R. vom Hochsitz und begab sich zu der Stelle, an der er das vermeintlich zur Strecke gebrachte Wild vermutete. Doch entsetzt musste er dort wenig später feststellen, dass er Menschen getroffen hatte. Laut den Angaben der Polizei alarmierte der 30-Jährige sofort einen Rettungswagen.

Ein wenig später eintreffender Notarzt konnte jedoch nur noch den Tod des getroffenen Mannes feststellen. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen waren erfolglos verlaufen. Er war vermutlich auf der Stelle getötet worden. Seine Freundin wurde lebensgefährlich verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Dort gelang es den Ärzten, ihr Leben durch eine Notoperation zu retten.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft hatten es aufgrund ihrer ersten Ermittlungsergebnisse bereits für weitgehend unwahrscheinlich gehalten, dass es sich um eine vorsätzliche Tat, also einen absichtlich auf das Paar abgegebenen Schuss handelte. Es kam jedoch zu monatelangen Ermittlungen, in deren Rahmen auch mehrere Gutachten angefordert wurden, unter anderem von Waffenexperten.

Jäger muss sich sicher sein, dass er auf Wild anlegt

Nach Auswertung aller Untersuchungsergebnisse kam die Staatsanwaltschaft zu dem Schluss, dass Alexander R. vermutlich nicht geschossen hat, um Menschen zu töten, sondern tatsächlich davon ausging, er habe auf ein Wildschwein angelegt.

Im Oktober vergangenen Jahres erhob daher die Potsdamer Staatsanwaltschaft Anklage wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung gegen den Brieselanger Unternehmer. Nachdem das Gericht die Anklage zugelassen hatte, wurden zwei Verhandlungstermine am Amtsgericht Nauen angesetzt. Am kommenden Montag soll voraussichtlich das Urteil verkündet werden, wie der Direktor des Gerichtes, Dieter Neumann, am Montag sagte.

In den Sitzungen muss das Gericht unter anderem klären, ob der Jäger seine Sorgfaltspflicht verletzt hat, als er in der Dämmerung und vermutlich ohne freien Blick auf sein Ziel den Schuss abgab. Denn nach den Jagdrichtlinien muss sich ein Jäger davon überzeugen und ganz sicher sein, dass er auf Wild anlegt und niemanden gefährdet.

Wenn der Unternehmer schuldig gesprochen wird, kann er vom Amtsgericht zu einer Haftstrafe von maximal fünf Jahren verurteilt werden. Aber auch eine Geldstrafe ist in diesem Fall möglich, der als einer der spektakulärsten Vorfälle bei der Jagd in Brandenburg gilt.

Schon einmal gab es eine fatale Fehleinschätzung

Dort hatte vor rund vier Jahren bereits einmal ein Jäger einen Menschen erschossen. Damals hatte ein 73-Jähriger auf der Jagd in Mahlenzien, einem Ortsteil von Brandenburg/Havel, versehentlich seinen 51 Jahre alten Freund erschossen.

Beide Männer hatten keinen Jagdschein, sie waren als Wilderer unterwegs. Der 73-Jährige war jedoch Sportschütze und verfügte über einen Waffenschein. Erst in der zweiten Berufungsverhandlung wurde seine ursprüngliche Haft- in eine Geldstrafe umgewandelt.