36. Evangelischer Kirchentag

Hängepartie für einen Tag an der Gedächtniskirche

Der Glockenturm der Gedächtniskirche wurde am Montag kurzzeitig zur Probe verhüllt. Die Kunstaktion gibt's bald dauerhaft.

Blick auf die verhüllte Gedächtniskirche am Breitscheidtplatz (Foto: Jörg Krauthöfer)

Blick auf die verhüllte Gedächtniskirche am Breitscheidtplatz (Foto: Jörg Krauthöfer)

Foto: joerg Krauthoefer

Es war eine Hängepartie zur Probe: Die Kunstinstallation für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin war vorerst nur von kurzer Dauer. „du siehst mich“ stand in Kleinbuchstaben auf der orangefarbenen Plane Richtung Breitscheidplatz, die am Montag tagsüber den sechseckigen Glockenturm der Gedächtniskirche komplett verhüllte. Am Abend schon wurde die Plane wieder zur Hälfte hochgezogen. Endgültig wird die knallorange auffällige Verhüllung wahrscheinlich erst in zwei, drei Wochen präsentiert, wie es aus dem Büro der Veranstalter des Kirchentags hieß.

„Die Kunstaktion soll dann bis zum Ende des Kirchentags ein Zeichen setzen und auf den Kirchentag aufmerksam machen“, sagte Pfarrer Martin Germer am Montag der Berliner Morgenpost. Und mit einem Augenzwinkern fügte der Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hinzu: „Das ist natürlich keine Werbung im üblichen Sinne.“ Die unterliege schließlich auch anderen Genehmigungsverfahren.

Werbung für den Kirchentag 2017

Die Losung aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13 wird auf drei der sechs Seiten des Glockenturms variiert: „siehst du mich“ lesen die Passanten vom Tauentzien aus, auf der Seite zur Budapester Straße fällt hingegen „mich siehst du“ ins Auge – ein Spiel mit Worten, das der Künstler Philip Wilson aus Hamburg auf 2400 Quadratmetern Plane gestaltet hat.

Vorher
Der Glockenturm und die Kapelle an der Gedächtniskirche sind eingerüstet, da die Gebäude umfassend saniert werden.
Nachher
Und so sieht die Gedächtniskirche mit verhüllter Kapelle aus.
Der Glockenturm und die Kapelle an der Gedächtniskirche sind eingerüstet, da die Gebäude umfassend saniert werden.

„Angesehen sein, wahrgenommen werden. Diese Sehnsucht ist groß. Dafür schicken wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und Whatsapp. Doch wirklich gemeint zu sein – das geht tiefer“, hatte Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au bereits bei der ersten öffentlichen Präsentation des Logos für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag im vergangenen Jahr gesagt.

Die Losung aus dem 1. Buch Mose selbst ist Motto des bevorstehenden Kirchentags in Berlin und Wittenberg sowie für sechs „Kirchentage auf dem Weg“ in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena/Weimar, Dessau-Roßlau und Halle/Eisleben, die anlässlich des diesjährigen Reformationsjubiläums stattfinden.

Dass der Glockenturm gerade am gestrigen Montag verhüllt wurde – genau vier Wochen zuvor war das Attentat auf Besucher des Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche verübt worden – sei ein Zufall, hieß es gestern aus dem Büro der Veranstalter des Kirchentages. Der Termin für den Probelauf sei schon lange vorher geplant worden, so eine Sprecherin zur Berliner Morgenpost.

Eine Tafel soll das Wortspiel auf der Plane erläutern

Auf dem Breitscheidplatz ist zu der Verhüllungsaktion eine Tafel geplant, die die verschiedenen Kombinationen der Wörter „du“, „siehst“ und „mich“ und verschiedene Ergänzungen erläutern soll. So wird unter anderem auch der Hashtag #Breitscheidplatz zu lesen sein.

Seit dem 19. Dezember 2016 steht dieser Hashtag für den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Der Deutsche Evangelische Kirchentag gedenkt damit der Opfer, ihrer Familien und Freunde und trauert mit ihnen.

Evangelischer Kirchentag sucht noch Helfer

Für das Großereignis Kirchentag vom 24. bis 28. Mai werden nach wie vor Freiwillige gesucht. Im Rahmen der insgesamt sechs Kirchentage mitteldeutscher Städte auf dem Weg brauche man noch 8000 Helfer, hieß es.

Kirchentag: Bei Michael Müller ist kein Bett mehr frei

Tausende Kirchentags-Besucher in Potsdam erwartet

Wie die Kirche Anschluss an die Zukunft sucht

Laut den Veranstaltern des Deutschen Evangelischen Kirchentags werden etwa 140.000 Dauergäste erwartet, von denen allein 60.000 in Klassenräumen eine Unterkunft finden sollen. Es seien bereits entsprechende Vereinbarungen mit den Berliner Bezirken geschlossen worden.

Aber auch die Berliner selbst sind gefragt, Unterkünfte für die Gäste der Großereignisses zur Verfügung zu stellen. Unter dem Motto „Ham’ Se noch wat frei?“ wurde bereits vergangene Woche eine Kampagne zur Unterkunftssuche bei den Bürgern der Hauptstadt gestartet. Gesucht werden 15.000 Schlafplätze. „Ein einfaches Bett, ein Sofa oder eine Liege und vielleicht auch ein kleines Frühstück am Morgen reichen aus“, sagte die Generalsekretärin des evangelischen Kirchentages, Ellen Ueberschär, anlässlich des Kampagnenstarts.

Vier Wochen nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Charlottenburg am 19. Dezember hatte die Berliner Gedächtniskirche für gestern Abend zu einem ökumenischen Friedensgebet eingeladen. In der Gedenkkirche wurde gegen 20 Uhr an die Opfer des Attentats und ihre Angehörigen erinnert. Zuvor läuteten die Glocken der Kirche für etwa zehn Minuten.

„Mit dem Friedensgebet wollen wir das vielfältige öffentliche Nachdenken der vergangenen Tage aufnehmen“, sagte der Pfarrer der Gedächtniskirche, Martin Germer. Er wies unter anderem auch darauf hin, dass man mit dem Friedensgebet und der Fürbitte auch daran erinnern möchte, „dass Datum und Ort nicht für Aufmärsche missbraucht werden dürfen, die das gesellschaftliche Miteinander mit ausgrenzenden Parolen gefährden“, so Germer.

Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz

Der Attentäter Anis Amri war am Abend des 19. Dezember mit einem Lastwagen von der Budapester Straße aus auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren. Er tötete dabei zwölf Menschen, darunter den polnischen Lastwagenfahrer, dessen Fahrzeug der Täter als Waffe benutzte. 50 Besucher des Marktes waren verletzt worden. Mehrere der Opfer müssen noch immer mit schwersten Verletzungen in Berliner Krankenhäusern behandelt werden.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag besteht seit dem Jahr 1949 und findet alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Stadt statt. Anmelden können sich alle Interessierten über eine Helferhotline, montags bis freitags, 9–18 Uhr, unter der Telefonnummer 030/400 33 92 46. Der Anmeldeschluss ist der 19. Februar.

Trauer um Opfer vom Berliner Weihnachtsmarkt

Deutschland sei angesichts der Toten und Verletzten nach dem mutmaßlichen Anschlag auf einem Berliner Weihnachtsmarkt in Trauer vereint, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Trauer um Opfer vom Berliner Weihnachtsmarkt
© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.